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das Leben kosten! – Es reiste einmal", fuhr sie fort, "ein Student hier in der Nacht beim schloss vorbei, als ich eben auf dem dach eingeschlummert war, der sang:

'Wenn die Sonne lieblich schiene

Wie in Welschland, lau und blau,

Ging' ich mit der Mandoline

Durch die überglänzte Au.

In der Nacht dann Liebchen lauschte

An dem Fenster, süssverwacht,

wünschte mir und ihruns beiden

Heimlich eine schöne Nacht.

Wenn die Sonne lieblich schiene

Wie in Welschland, lau und blau,

Ging' ich mit der Mandoline

Durch die überglänzte Au.'

Aber die Sonne scheint nicht wie in Welschland und der Student zog weiter, und es ist eben alles nichts. – gehen wir schlafen, gehen wir schlafen", setzte sie langweilig gähnend hinzu, nahm Friedrich bei der Hand und führte ihn wieder die Stiege hinab.

Er bemerkte, als sie wieder in den Zimmern angekommen waren, eine ungewöhnliche Unruhe an ihr, sie hing bewegt an seinem arme. Sie schien ihm bei dem Mondenschimmer, der durch das offne Fenster auf ihr Gesicht fiel, totenblass, eine Art von seltsamer Furcht befiel ihn da auf einmal vor ihr und dem ganzen Feenschlosse, er gab ihr schnell eine gute Nacht und eilte in das ihm angewiesene Zimmer, wo er sich angekleidet auf das Bett hinwarf.

Das Gemach war nur um einige Zimmer von dem Schlafgemach der Gräfin entfernt. Die Türen dazwischen fehlten ganz und gar. Eine Lampe, die der Gräfin Zimmer matt erhellte, warf durch die offenen Türen ihren Schein gerade auf einen grossen, altmodischen Spiegel, der vor Friedrichs Bett an der Wand hing, so dass er in demselben fast ihr ganzes Schlafzimmer übersehen konnte. Er sah, wie der schöne Knabe, der sich unterdes wieder eingeschlichen haben musste, quer über einigen Stühlen vor ihrem Bette eingeschlafen lag. Die Gräfin entkleidete sich nach und nach und stieg so über den Knaben weg ins Bett. Alles im schloss wurde nun totenstill und er wendete das Gesicht auf die andere Seite, dem offenen Fenster zu. Die Bäume rauschten vor demselben, aus dem Tale kam von Zeit zu Zeit ein fröhliches Jauchzen, bald näher, bald wieder in weiter Ferne, dazwischen hörte er ausländische Vögel draussen im Garten in wunderlichen Tönen immerfort wie im Traume sprechen, das seltsame bleiche Gesicht der Gräfin, wie sie ihm zuletzt vorgekommen, stellte sich ihm dabei unaufhörlich vor die Augen, und so schlummerte er erst spät unter verworrenen Phantasien ein.

Mitten in der Nacht wachte er plötzlich auf, es war ihm, als hätte er Gesang gehört. Der Mond schien hell draussen über der Gegend und durch das Fenster herein. Mit Erstaunen hörte er neben sich atmen. Er sah umher und erblickte Romana, unangekleidet wie sie war, an dem fuss seines Betts eingeschlafen. Sie ruhte auf dem Boden, mit dem einen Arm und dem halben leib auf das Bett gelehnt. Die langen schwarzen Haare hingen aufgelöst über den weissen Nacken und Busen herab. Er betrachtete die wunderschöne Gestalt lange voll Verwunderung halbaufgerichtet. Da hörte er auf einmal die Töne wieder, die er schon im Schlummer vernommen hatte. Er horchte hinaus; das Singen kam jenseits von den Bergen über die stille Gegend herüber, er konnte folgende Worte verstehen:

"Vergangen ist der lichte Tag,

Von ferne kommt der Glockenschlag,

So reist die Zeit die ganze Nacht,

Nimmt manchen mit, der's nicht gedacht.

Wo ist nun hin die bunte Lust,

Des Freundes Trost und treue Brust,

Des Weibes süsser Augenschein?

Will keiner mit mir munter sein?

Da's nun so stille auf der Welt,

ziehen Wolken einsam übers Feld,

Und Feld und Baum besprechen sich

O Menschenkind! was schauert dich?

Wie weit die falsche Welt auch sei,

Bleibt mir doch Einer nur getreu,

Der mit mir weint, der mit mir wacht,

Wenn ich nur recht an Ihn gedacht.

Frisch auf denn, liebe Nachtigall,

Du Wasserfall mit hellem Schall!

Gott loben wollen wir vereint,

Bis dass der lichte Morgen scheint!"

Friedrich erkannte die Weise, es war Leontins stimme. – "Ich komme, herrlicher Gesell!" rief er bewegt in sich und raffte Sich schnell auf, ohne die Gräfin zu wecken. Nicht ohne Schauer ging er durch die totenstillen, weit öden Gemächer, zäumte sich im hof selber sein Pferd und sprengte den Schlossberg hinab.

Er atmete tief auf, als er draussen in die herrliche Nacht hineinritt, seine Seele war wie von tausend Ketten frei. Es war ihm, als ob er aus fieberhaften Träumen oder aus einem langen, wüsten, liederlichen Lustleben zurückkehre. Das hohe Bild der Gräfin, das er mit hergebracht, war in seiner Seele durch diese sonderbare Nacht phantastisch verzerrt und zerrissen, und er verstand nun Leontins wilde Reden an dem wirtshaus.

Leontins Gesang war indes verschollen, er hatte nichts mehr gehört und schlug voller Gedanken den Weg nach der Residenz ein. Das Feenschloss hinter ihm war lange versunken, die Bäume an der Strasse fingen schon an lange Schatten über das glänzende Feld zu werfen, Vögel wirbelten schon hin und her hoch in der Luft, die Residenz lag mit ihren Feuersäulen wie ein brennender Wald im Morgenglanze vor ihm.

Vierzehntes Kapitel

Draussen über das Land jagten zerrissene Wolken, die Melusina sang an seufzenden Wäldern, Gärten und Zäunen ihr unergründlich einförmiges Lied, die Dörfer lagen selig verschneit. In der Residenz zog der Winter prächtig ein mit