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, welsche Bilder, altdeutsche Redensarten, doch alles mit überaus feinem Firnis von Sanftmut verschmiert. Ich gab ihm ernstaft den Rat, alle Morgen gepfefferten Schnaps zu nehmen, denn der ewige Nektar erschlaffe nur den Magen, worüber er sich entrüstet von mir wandte. – Mit dem vom Hochmutsteufel besessenen Dityrambisten aber bestand ich den schönsten Strauss. Er hatte mit pfiffiger Miene alle Segel seines Witzes aufgespannt und kam mit vollem Winde der Eitelkeit auf mich losgefahren, um mich Unpoetischen vor den Augen der Damen in den Grund zu bugsieren. Um mich zu retten, fing ich zum Beweise meiner poetischen Belesenheit an, aus Shakespeares: 'Was ihr wollt', wo Junker Tobias den Malvolio peinigt, zu rezitieren: 'Und besässe ihn eine Legion selbst, so will ich ihn doch anreden.' Er stutzte und fragte mich mit herablassender Genügsamkeit und kniffigem gesicht, ob vielleicht gar Shakespeare mein Lieblingsautor sei? – Ich liess mich aber nicht stören, sondern fuhr mit Junker Tobias fort: 'Ei, Freund, leistet dem Teufel Widerstand, er ist der Erbfeind der Menschenkinder.' Er fing nun an, sehr salbungsvolle, genialische Worte über Shakespeare ergehen zu lassen, ich aber, da ich ihn sich so aufblasen sah, sagte weiter: 'Sanftmütig, sanftmütig! Ei, was machst du, mein Täubchen? Wie geht's, mein Putühnchen? Ei, sieh doch, komm, tucktuck!' – Er schien nun mit Malvolio zu bemerken, dass er nicht in meine Sphäre gehöre, und kehrte sich mit einem unsäglich stolzen Blicke, wie von einem unerhört Tollen, von mir. 'O jemine!' fiel die Gräfin Romana hier mit ein. Sie sagte dies so richtig und schön, dass ich sie dafür hätte küssen mögen. Das schlimmste war aber nun, dass ich dadurch demaskiert war, ich konnte nicht länger für einen Ignoranten gelten; und die Frauenzimmer merkten dies nicht so bald, als sie mit allerhand Phrasen, die sie hin und wieder ernascht, über mich herfielen. In der Angst fing ich daher nun an, wütend mit gelehrten Redensarten und poetischen Paradoxen nach allen Seiten um mich herumzuwerfen, bis sie mich, ich sie, und ich mich selber nicht mehr verstand und alles verwirrt wurde. Seit dieser Zeit hasst mich der ganze Zirkel und hat mich als eine Pest der Poesie förmlich exkommuniziert."

Friedrich, der Leontin ruhig und mit Vergnügen angehört hatte, sagte: "So habe ich dich am liebsten, so bist du in deinem eigentlichen Leben. Du siehst so frisch in die Welt hinein, dass alles unter deinen Augen bunt und lebendig wird." "Jawohl", antwortete Leontin, "so buntscheckig, dass ich manchmal selber zum Narren darüber werden könnte."

Die Sonne fing indes schon an, sich zu senken, und sowohl Friedrich als Leontin gedachten ihrer Weiterreise und versprachen einander, nächstens in der Residenz sich wieder zu treffen. Herr Faber bat Friedrich, ihn der Gräfin Romana bestens zu empfehlen. "Die Gräfin", sagte er, "hat schöne Talente und sich durch mehrere arbeiten, die ich kenne, als Dichterin erwiesen. Nur macht sie sich freilich alles etwas gar zu leicht." Leontin, den immer sogleich ein seltsamer Humor befiel, wenn er die Gräfin nennen hörte, sang lustig:

"Lustig auf den Kopf, mein Liebchen,

Stell dich, in die Luft die Bein!

Heisa! ich will sein dein Bübchen,

Heute nacht soll Hochzeit sein!

Wenn du Shakespeare kannst vertragen,

O du liebe Unschuld du!

Wirst du mich wohl auch ertragen

Und noch jedermann dazu. –"

Er sprach noch allerhand wild und unzüchtig von der Gräfin und trug Friedrich noch einen zügellosen Gruss an sie auf, als sie endlich von entgegengesetzten Seiten auseinanderritten. Friedrich wusste nicht, was er aus diesen wilden Reden machen sollte. Sie ärgerten ihn, denn er hielt die Gräfin hoch, und er konnte sich dabei der Besorgnis nicht entalten, dass Leontins lebhafter Geist in solcher Art von Renommisterei am Ende sich selber aufreiben werde.

In solchen Gedanken war er einige Zeit fortgeritten, als er bei einer Biegung um eine Feldecke plötzlich das Schloss der Gräfin vor sich sah. Es stand wie eine Zauberei hoch über einem weiten, unbeschreiblichen Chaos von Gärten, Weinbergen, Bäumen und Flüssen, der Schlossberg selber war ein grosser Garten, wo unzählige Wasserkünste aus dem Grün hervorsprangen. Die Sonne ging eben hinter dem Berge unter und bedeckte das prächtige Bild mit Glanz und Schimmer, so dass man nichts deutlich unterscheiden konnte.

Überrascht und geblendet gab Friedrich seinem Pferde die Sporen und ritt die Höhe hinan. Er erstaunte über die seltsame Bauart des Schlosses, das durch eine fast barocke Pracht auffiel. Es war niemand zu sehen. Er trat in die weite, mit buntem Marmor getäfelte Vorhalle, durch deren Säulenreihen man von der andern Seite in den Garten hinaussah. Dort standen die seltsamsten ausländischen Bäume und Pflanzen wie halbausgesprochene, verzauberte Gedanken, schimmernde Wasserstrahlen durchkreuzten sich in kristallenen Bogen hoch über ihnen, ausländische Vögel sassen sinnend und traumhaft zwischen den dunkelgrünen Schatten umher.

Ein wunderschöner Knabe sprang indes soeben draussen im hof vom Pferde, stutzte, als er im Vorbeilaufen Friedrich erblickte, sah ihn einen Augenblick mit den grossen, schönen Augen trotzig an und eilte sogleich wieder durch die Vorhalle weiter in den Garten hinaus. Friedrich sah, wie er dort mit bewunderungswürdiger Fertigkeit eine hohe, am Abhange des Gartens stehende Tanne bestieg und aus