Heiligen. übrigens empfängt und erwidert sie keine Besuche, und niemand weiss eigentlich recht, wie sie heisst, und woher sie gekommen; denn sie selber spricht niemals von ihrem vergangenen Leben." "Ja wohl", sagte der Gerichtsverwalter, mit einer wichtigen Miene, "es geht dort überaus geheimnisvoll zu. Aber es gibt auch noch Leute hinterm Berge. Man weiss wohl, wie es zugeht in der Welt. Mein Gott! die liebe Jugend – junges Blut tut nicht gut." – "Ich bitte, malen Sie uns keinen Schnurrbart an das Heiligenbild!" unterbrach ihn Leontin, der sich seine Phantasie von der wunderbaren Erscheinung nicht verderben lassen wollte.
Es war unterdes schon wieder aufgepackt worden, um auf das Schloss des Herrn v. A. zurückzukehren. Leontin konnte der Begierde nicht widerstehen, die weisse Frau näher kennenzulernen. Er beredete daher Friedrich, mit ihm einen Streifzug nach dem nahegelegenen Gute derselben zu machen. Sie versprachen beide, noch vor Abend wieder bei der Gesellschaft einzutreffen.
Gegen Mittag kamen sie auf dem Landsitze der Unbekannten an. Sie fanden ein neuerbautes Schloss, das, ohne eben gross zu sein, durch seine grosse, einfache Erfindung auf das angenehmste überraschte. Eine Reihe hoher, schlanker Säulen bildete oben den Vorderteil des Schlosses. Eine schöne, steinerne Stiege, welche die ganze Breite des Hauses einnahm, führte zu diesem Säuleneingange hinauf. Die Stiege erhob sich nur allmählich und terrassenförmig und war mit Orangen, Zitronenbäumen und verschiedenen hohen Blumen besetzt. Vor dieser blühenden Terrasse lag ein weiter, schattenreicher Garten ausgebreitet.
Alles war still, es schien niemand zu haus zu sein. Auf der Stiege lag ein schönes, etwa zehnjähriges Mädchen über einem Tamburin, auf das sie das zierliche Köpfchen gelehnt hatte, eingeschlummert. Oben hörte man eine Flötenuhr spielen. Das Mädchen wachte auf, als sie an sie herankamen, und schüttelte erstaunt die schwarzen Locken aus den muntern Augen. Dann sprang sie scheu auf und in den Garten fort, während die Schellen des Tamburins, das sie hoch in die Luft hielt, hell erklangen.
Die beiden Grafen gingen nun in den Garten hinab, dessen ganze Anlage sie nicht weniger anzog, als das Äussere des Schlosses. "Wie wahr ist es", sagte Friedrich, "dass jede Gegend schon von natur ihre eigentümliche Schönheit, ihre eigene idee hat, die sich mit ihren Bächen, Bäumen und Bergen, wie mit abgebrochenen Worten, auszusprechen sucht. Wen diese einzelnen Laute rühren, der setzt mit wenigen Mitteln die ganze Rede zusammen. Und darin besteht doch eigentlich die ganze Kunst und Lust, dass wir uns mit dem Garten recht verstehen." Leontin war indes mehrere Male verwundert stehengeblieben. "Höchst seltsam!" sagte er endlich, als sie den Gipfel eines Hügels erreicht hatten, "diese Baumgruppen, Wäldchen, Hügel und Aussichten erinnern mich ganz deutlich an gewisse Gegenden, die ich in Italien gesehen, und an manchen glücklich durchschwärmten Abend. Es ist wahrhaftig mehr als eine zufällige Täuschung."
Der Abend fing bereits an, einzubrechen, als sie wieder bei den Stufen der grossen Stiege anlangten. Sie wurden beide von dem herrlichen Anblicke überrascht, der sich ihnen dort von oben darbot. Die Gegend lag in der abendroten Dämmerung wie ein verworrenes Zaubermeer von Bäumen, Strömen, Gärten und Bergen, auf dem Nachtigallenlieder, gleich Sirenen, schifften. "Wie glücklich", sagte Friedrich, "ist eine beruhigte, stille Seele, die imstande ist, so besonnen und gleichförmig nach allen Seiten hin zu wirken und zu schaffen, die, von keiner besonderen leidenschaft mehr gestört, auf der schönen Erde wie in der Vorhalle des grösseren Tempels wohnt!"
Er wurde hier durch einige Saitenakkorde unterbrochen, die aus dem Garten herauftönten. Bald darauf hörten sie einen Gesang. Friedrich horchte voll Erstaunen, denn es war dasselbe sonderbare Lied aus seiner Kindheit, das manchmal auch Erwin in der Nacht gesungen, und das er sonst nirgends wieder gehört hatte.
Leontin war indes in das erste Zimmer hineingetreten, dessen Tür halb geöffnet stand. Er warf einen flüchtigen blick durch das Gemach. Ein altes, auf Holz gemaltes Ritterbild hing dort an der Wand, über welche der Abend zuckend die letzten ungewissen Strahlen warf. Leontin trat erschüttert zurück, denn er erkannte auf einmal das beleuchtete Gesicht des Bildes. In demselben Augenblick trat ein alter Bedienter von der andern Seite in das Zimmer und schien heftig zu erschrecken, als er Leontin ansah. "Um Gottes willen", rief Leontin ihm zu, "sagen Sie mir, wer ist der Ritter dort?" Der Alte entfärbte sich und sah ihn lange ernstaft und forschend an. "Das Bild ist vor mehreren hundert Jahren gemalt, eine zufällige Ähnlichkeit muss Sie täuschen", sagte er hierauf wieder gesammelt und ruhig. "Wo ist die Frau vom haus?" fragte Leontin wieder. "Sie ist heute noch vor Tagesanbruch schnell fortgereist und kommt so bald nicht zurück", antwortete der Bediente und entfernte sich mit einer eiligen Verbeugung, als wollte er allen fernern fragen ausweichen.
Unruhig kehrte nun Leontin wieder zu Friedrich zurück, gegen den er von dem ganzen letzten Vorfalle nichts erwähnte. Weder der Bediente, noch auch das zierliche, scheue Mädchen, das sie vorhin schlummernd angetroffen, zeigte sich mehr, und so ritten beide endlich gedankenvoll auf das Schloss des Herrn v. A. zurück, wo sie spät in der Nacht anlangten.
Zehntes Kapitel
Die alte