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auf seinem Baume an, ganz laut zu singen. Die Sentimentalen sahen sich eine Weile erschrocken nach allen Seiten um, dann nahmen sie in der grössten Verwirrung Reissaus. Leontin schwang sich lachend, wie ein Wetterkeil, vom Baume hinter ihnen drein und verdoppelte ihren Schreck und ihre Flucht.

Unsere Reisenden waren nun wahrscheinlich verraten und mussten also auf einen klugen Rückzug bedacht sein. Sie zogen sich daher auf den leeren Gängen des Gartens an den Spazierengehenden vorüber und wurden so, vom Dunkel begünstigt, von allen entweder übersehen oder für Ballgäste gehalten.

Als sie, schon nahe am Ausgange, eben um die Ecke eines Ganges umbiegen wollten, stand auf einmal das schöne fräulein, die mit einer Begleitung von der andern Seite kam, dicht vor ihnen. Der Mondschein fiel gerade sehr hell durch eine Öffnung der Bäume und beleuchtete die beiden schönen Männer. Das fräulein blieb mit sichtbarer Verwirrung vor ihnen stehen. Sie grüssten sie ehrerbietig. Sie dankte verlegen mit einer tiefen, zierlichen Verbeugung, und eilte dann schnell wieder weiter. Aber sie bemerkten wohl, dass sie sich in einiger Entfernung noch einmal flüchtig nach ihnen umsah.

Sie kehrten nun wieder in ihr Wirtshaus zurück, wo sie bereits alles zu einer guten Nacht vorbereitet fanden. Leontin war unterwegs voller Gedanken und stiller, als gewöhnlich. Friedrich stellte sich eben noch an das offene Fenster, von dem man das stille Dorf und den gestirnten Himmel übersah, verrichtete sein Abendgebet und legte sich schlafen. Leontin aber nahm die Gitarre und schlenderte langsam durch das nächtliche Dorf Nach verschiedenen Umwegen kam er wieder an den Garten. Da war unterdes alles leer geworden und totenstill, in der wohnung des Pächters alle Lichter verlöscht und die ganze laute, fröhliche Erscheinung versunken. Ein leichter Wind ging rauschend durch die Wipfel des einsamen Gartens, hin und wieder nur bellten Hunde aus entfernteren Dörfern über das stille Feld. Leontin setzte sich auf den Gartenzaun hinauf und sang:

"Der Tanz, der ist zerstoben,

Die Musik ist verhallt,

Nun kreisen Sterne droben,

Zum Reigen singt der Wald.

Sind alle fortgezogen,

Wie ist's nun leer und tot!

Du rufst vom Fensterbogen:

Wann kommt der Morgen rot!

Mein Herz möchte mir zerspringen,

Darum, so wein ich nicht,

Darum, so muss ich singen

Bis dass der Tag anbricht.

Eh es beginnt zu tagen:

Der Strom geht still und breit,

Die Nachtigallen schlagen,

Mein Herz wird mir so weit!

Du trägst so rote Rosen,

Du schaust so freudenreich,

Du kannst so fröhlich kosen,

Was stehst du still und bleich?

Und lass sie gehen und treiben

Und wieder nüchtern sein,

Ich will wohl bei dir bleiben!

Ich will dein Liebster sein."

Das schöne fräulein war in dem haus des Pächters über Nacht geblieben. Sie stand halbentkleidet an dem offenen Fenster, das auf den Garten hinausging. "Wer mögen wohl die beiden Fremden sein?" sagte sie gleichgültig scheinend zu ihrer Jungfer. – "Ich weiss es nicht, aber ich möchte mich gleich fortschleichen und noch heute im wirtshaus nachfragen." – "Um Gottes willen, tu das nicht", sagte das fräulein erschrocken, und hielt sie ängstlich am arme fest. – "Morgen ist es zu spät. Wenn die Sonne aufgeht, sind sie gewiss längst wieder über alle Berge." – "Ich will schlafen gehen", sagte das fräulein, ganz in Gedanken versunken. "Gott weiss, wie es kommt, ich bin heute so müde und doch so munter." – Sie liess sich darauf entkleiden und legte sich nieder. Aber sie schlief nicht, denn das Fenster blieb offen und Leontins verführerische Töne stiegen die ganze Nacht wie auf goldenen Leitern in die Schlafkammer des Mädchens ein und aus.

Siebentes Kapitel

Stand ein Mädchen an dem Fenster,

Da es draussen Morgen war,

Kämmte sich die langen Haare,

Wusch sich ihre Äuglein klar.

Sangen Vöglein aller Arten,

Sonnenschein spielt' vor dem Haus,

Draussen übern schönen Garten

Flogen Wolken weit hinaus.

Und sie dehnt' sich in den Morgen

Als ob sie noch schläfrig sei,

Ach, sie war so voller Sorgen,

Flocht ihr Haar und sang dabei:

"Wie ein Vöglein hell und reine,

Ziehet draussen muntre Lieb,

Lockt hinaus zum Sonnenscheine,

Ach, wer da zu haus blieb'!"

Die Morgensonne traf unsre Reisenden schon wieder draussen zu Pferde, und das Dorf, wo sie übernachtet, lag dampfend hinter ihnen. Leontin hatte bereits im wirtshaus erfahren, dass das schöne fräulein die Tochter eines in der Nähe reich begüterten Edelmannes sei, welcher, wie er sich sehr wohl erinnerte, mit seinem Vater in ganz besonders freundschaftlichen Verhältnissen gestanden hatte. Es wurde daher beschlossen, bei ihm einzusprechen.

Gegen Abend erblickten sie das Schloss des Herrn v. A., das aus einem freundlichen Chaos von Gärten und hohen Bäumen friedlich hervorragte. Sie ritten langsam zwischen hohen Kornfeldern hin. Die Sonne, die sich eben zum Untergange neigte, warf ihre Strahlen schief über die Fläche und spielte lustig in den nickenden Ähren. Ein fröhliches Singen und Wirren verschiedener Stimmen lenkte bald die Augen der beiden Reiter von der ruhigen Landschaft vor ihnen ab, und sie erblickten seitwärts in einiger Entfernung vom Wege ein weites Feld, wo man soeben mit der Ernte begriffen war. Eine lange Reihe von Arbeitern wimmelte lustig durcheinander, der laute Ruf der Merker erschallte von Zeit zu Zeit dazwischen, und schwerbeladene Wagen zogen langsam und knarrend