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die Hand zur Versöhnung. – Der Morgen warf unterdes wirklich schon vom Meere her ungewisse Scheine über den dämmernden Himmel, hin und wieder erwachten schon frühe Vögel im wald, alle Wipfel fingen an sich frischer zu rühren. Da sprang Leontin fröhlich mitten auf den Tisch, hob sein Glas hoch in die Höh und sang:

"Kühle auf dem schönen Rheine

Fuhren wir vereinte Brüder,

Tranken von dem goldnen Weine,

Singend gute deutsche Lieder.

Was uns dort erfüllt' die Brust,

Sollen wir halten,

Niemals erkalten,

Und vollbringen treu mit Lust!

Und so wollen wir uns teilen,

Eines Fels' verschiedne Quellen,

Bleiben so auf hundert Meilen

Ewig redliche Gesellen!"

Alle stiessen freudig mit ihren Gläsern an, und Leontin sprang wieder vom Tische herab. Denn soeben sahen sie Rudolf, unter beiden Armen schwer bepackt, aus der Burg auf sie zukommen. "Lustig! lustig!" rief er, als er den gläserklirrenden jubel sah, "frisch, spielt auf, Flöten und Geigen! Da habt ihr Gold!" Hierbei warf er zwei grosse Geldsäcke vor ihnen auf die Erde, dass die Goldstücke nach allen Seiten in das Gras hervorrollten. – "Das ist ein lustiges Metall", fuhr er fort, "wie es in die fröhliche, unschuldige Welt hinaushüpft und rollt, mit den verwunderten Gräsern funkelnd spielt und mit dunkelroten, irren Flammen zuckt, liebäugelnd, klingend und lockend! Verfluchter, unterirdischer, rotäugiger Lügengeist, der niemals hält, was er verspricht! Da, nehmt alles, greift zu! Kauft Ehre, kauft Liebe, kauft Ruhm, Lust und alles Ergötzen der Erde, seid immer satt und immer wieder durstiger bis ans Grab, und wenn ihr einmal fröhlich und zufrieden werdet, so mögt ihr mir danken." –

Alle sahen ihn erstaunt an. Faber sagte: "Ich achte das Geld nur, wenn ich es brauche. Aber Dichter brauchen immer Geld." Und hiermit packte er ruhig seine Taschen voll, so dass er mit dem aufgeschwollnen Rocke sehr lächerlich anzusehen war. Rudolf nahm hierauf kurzen Abschied von allen und wandte sich wieder nach seinem schloss zurück. Friedrich eilte ihm nach, er wollte ihn so nicht gehen lassen. Da kehrte er sich noch einmal zu ihm. "Du willst ins Kloster?" fragte er ihn, und blieb stehen. "Ja", sagte Friedrich, und hielt seine Hand fest, "und was willst du nun künftig beginnen?" – "Nichts –" war Rudolfs Antwort. – "Ich bitte dich", sagte Friedrich, "versenke dich nicht so fürchterlich in dich selbst. Dort findest du nimmermehr Trost. – Du gehst niemals in die Kirche." – "In mir", erwiderte Rudolf, "ist es wie ein unabsehbarer Abgrund, und alles still." – Friedrich glaubte dabei zu bemerken, dass er heimlich im Innersten bewegt war. –

"O könnt ich alles Grosse wecken", fuhr er dringender fort, "was in dir verzweifelt und gebunden ringt! Hast du doch selber erzählt, dass dich alle wissenschaftliche Philosophie nicht befriedigte, dass du darin Gott und dich nie erkanntest. So wende dich denn zur Religion zurück, wo Gott selber unmittelbar zu dir spricht, dich stärkt, belehrt und tröstet!" – "Du meinst es gut", sagte Rudolf finster, "aber das ist es eben in mir: ich kann nicht glauben. Und da mich denn der Himmel nicht mag, so will ich mich der Magie ergeben. Ich gehe nach Ägypten, dem land der alten Wunder." – Hiermit drückte er seinem Bruder schnell die Hand und ging mit grossen Schritten in den Wald hinein. Sie sahen ihn nicht mehr wieder.

Lange blickten sie ihm nach und bedauerten den unglücklich Verwirrten, als ein Schiffer ankam, um Leontin an die Abfahrt zu mahnen, indem soeben ein günstiger Wind vom land trieb. Alle sahen einander stillschweigend an und schienen erschrocken, da nun der Augenblick wirklich da war, den sie selber lange vorbereitet hatten.

Der Schiffer übernahm das wenige Gepäck, und sie machten sich sogleich auf den Weg nach dem Meere. Friedrich begleitete sie. Langsam rückten Berge und Wälder bei jedem Schritte immer weiter hinter ihnen zurück, das Meer rollte sich vor ihren Blicken auseinander.

Friedrich sagte unterwegs: "Mir scheint unsre Zeit dieser weiten, ungewissen Dämmerung zu gleichen! Licht und Schatten ringen noch ungeschieden in wunderbaren massen gewaltig miteinander, dunkle Wolken ziehen verhängnisschwer dazwischen, ungewiss, ob sie Tod oder Segen führen, die Welt liegt unten in weiter, dumpfstiller Erwartung. Kometen und wunderbare Himmelszeichen zeigen sich wieder, Gespenster wandeln wieder durch unsre Nächte, fabelhafte Sirenen selber tauchen, wie vor nahen Gewittern, von neuem über den Meeresspiegel und singen, alles weist wie mit blutigem Finger warnend auf ein grosses, unvermeidliches Unglück hin. Unsere Jugend erfreut kein sorglos leichtes Spiel, keine fröhliche Ruhe, wie unsere Väter, uns hat frühe der Ernst des Lebens gefasst. Im Kampfe sind wir geboren, und im Kampfe werden wir, überwunden oder triumphierend, untergehn. Denn aus dem Zauberrauche unsrer Bildung wird sich ein Kriegsgespenst gestalten, geharnischt, mit bleichem Totengesicht und blutigen Haaren; wessen Auge in der Einsamkeit geübt, der sieht schon jetzt in den wunderbaren Verschlingungen des Dampfes die Lineamente dazu aufringen und sich leise formieren. Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet trifft; und wie mancher, der weich und