assen und tranken nun in der grünen Einsamkeit, während der Kreis der Wälder in ihre gespräche hineinrauschte. Julie sass still in die Zukunft versenkt und schien innerlich entzückt, dass nun endlich ihr ganzes Leben in des Geliebten Gewalt gegeben sei.
So kam der Abend heran. Da sahen sie zwei Männer, die in einem lebhaften gespräche miteinander begriffen schienen, aus dem wald zu ihnen heraufkommen. Sie erkannten Rudolf an der stimme. Kaum hatte ihn Julie, die schon von dem vielen Weine erhitzt war, erblickt, als sie laut aufschrie und sich furchtsam an Leontin andrückte. Es war dieselbe dunkle Gestalt, die sie aus dem Wagen bei dem Leichenzuge ihres Vaters einsam auf dem beschneiten feld hatte stehen sehen. –
"O seht, was ich da habe", rief ihnen Rudolf schon von weitem entgegen, "ich habe im wald einen Poeten gefunden, wahrhaftig, einen Poeten! Er sass unter einem Baume und schmälte laut auf die ganze Welt in schönen, gereimten Versen, dass ich bis zu Tränen lachen musste. 'Gib dich zufrieden, Gevatter!' sagte ich so gelind als möglich zu ihm, aber er nimmt keine Vernunft an und schimpft immerfort." – Rudolf lachte hierbei so übermässig und aus Herzensgrunde, wie sie ihn noch niemals gesehen.
Sie hatten indes in seinem Begleiter mit Freuden den lang entbehrten Herrn Faber erkannt. Leontin sprang sogleich auf, ergriff ihn, und walzte mit ihm auf der Wiese herum, bis sie beide nicht mehr weiter konnten. "Et tu Brute?" – rief endlich Faber aus, als er wieder zu Atem gekommen war, "nein, das ist zu toll, der Berg muss verzaubert sein! Unten begegne ich der kleinen Marie, ich will sie aus alter Bekanntschaft haschen und küssen, und bekomme eine Ohrfeige; weiter oben sitzt auf einer Felsenspitze eine Figur mit breitem Mantel und Krone auf dem haupt, wie der Metallfürst, und will mir grämlich nicht den Weg weisen, ein als Ritter verkappter Phantast rennt mich fast um; dann falle ich jenem Melancholikus da in die hände, der nicht weiss, warum er lacht; und nachdem ich mich endlich mit Lebensgefahr hinaufgearbeitet habe, seid ihr hier oben am Ende auch noch verrückt." – "Das kann wohl sein", sagte Leontin lustig, "denn ich bin verheiratet" (hierbei küsste er Julie, die ihm die Hand auf den Mund legte) "und Friedrich da", fuhr er fort, "will ins Kloster gehen. Aber du weisst ja den alten Spruch: sie haben sich zu Toren gemacht vor der Welt. – Und nun sage mir nur, wie in aller Welt du uns hier aufgefunden hast?"
Faber erzählte nun, dass er auf einer Wallfahrt zu dem Kloster begriffen gewesen, von dessen schöner Lage er schon viel gehört. Unterwegs habe er am Meere von Schiffsleuten vernommen, dass sich Leontin hier oben aufhalte, und daher den Berg bestiegen. – Rudolf verwandte unterdes mit komischer Aufmerksamkeit kein Auge von dem kurzen, runden, wohlhäbigen mann, der mit so lebhaften Gebärden sprach. Faber setzte sich zu ihnen, und sie teilten ihm nun zu seiner Verwunderung ihre Pläne mit. Rudolf war indes auch wieder still geworden und sass wie der steinerne Gast unter ihnen am Tische. Julie blickte ihn oft seitwärts an und konnte sich noch immer einer heimlichen Furcht vor ihm nicht erwehren, denn es war ihr, als verginge diesem kalten und klugen gesicht gegenüber ihre Liebe und alles Glück ihres Lebens zu nichts.
Die Nacht war indes angebrochen, die Sterne prangten an dem heitern Himmel. Da erklang auf einmal Musik aus dem nächsten Gebüsche. Es waren Spielleute aus dem Kloster, die Leontin bestellt hatte. Rudolf stand bei den ersten Klängen auf, sah sich ärgerlich um und ging fort.
Leontin, von den plötzlichen Tönen wie im innersten Herzen erweckt, hob sein Glas hoch in die Höhe und rief: "Es lebe die Freiheit!" "Wo?" – fragte Faber, indem er selbst langsam sein Glas aufhob. – "Nur nicht etwa in der Brust des Philosophen allein", erwiderte Leontin, unangenehm gestört. "Diese allgemeine, natürliche, philosophische Freiheit, der jede Welt gut genug ist, um sich in ihrem Hochmute frei zu fühlen, ist mir ebenso in der Seele zuwider, als jene natürliche Religion, welcher alle Religionen einerlei sind. Ich meine jene uralte, lebendige Freiheit, die uns in grossen Wäldern wie mit wehmütigen Erinnerungen anweht, oder bei alten Burgen sich wie ein Geist auf die zerfallene Zinne stellt, der das Menschenschifflein unten wohl zufahren heisst, jene frische, ewig junge Waldesbraut, nach welcher der Jäger frühmorgens aus den Dörfern und Städten hinauszieht, und sie mit seinem Horne lockt und ruft, jener reine, kühle Lebensatem, den die Gebirgsvölker auf ihren Alpen einsaugen, dass sie nicht anders leben können, als wie es der Ehre geziemt. – Aber damit ist es nun aus. – Wenn unserer Altvordern Herzen wohl mit dreifachem Erz gewappnet waren, das vor dem rechten Strahle erklang, wie das Erz von Dodona; so sind die unsrigen nun mit sechsfacher Butter des häuslichen Glückes, des guten Geschmacks, zarter Empfindungen und edelmütiger Handlungen umgeben, durch die kein Wunderlaut bis zu der Talggrube hindurchdringt. Zieht dann von Zeit zu Zeit einmal ein wunderbarer, altfränkischer Gesell, der es noch ehrlich und ernstaft meint, wie Don Quijote, vorüber, so sehen Herren und Damen nach