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nicht, fiel ein alter Landwehroffizier ein, mich wahrhaftig nicht. Ich wollte das Meer verschlänge das ganze Land, ehe ist doch keine Ruhe in der Welt.

Philipp war während dem hinzugekommen. Er lachte über des alten guten Mannes Eifer, und malte seinen Vernichtungswunsch noch deutlicher aus, indem er in den Franzosen schon Seeungeheuer sah, die nach tausend und tausend Jahren die Uferfahrenden durch wunderlichen Spuk erschrecken würden und deren rätselhafte Fabeln die späten Nachkommen von diesem Kriege und der Ahnherrn tapfere Taten hören sollten. Man lachte und umspann Zorn und Unwillen in allerlei possenhaften Ausfällen.

Alonzo hatte sich etwas entfärbt als Philipp ihm zutraulich auf die Schulter klopfte und neckend fragte: Wie nehme ich es denn, dass Sie zu dem allem schweigen? Was sollen Worte? entgegnete jener. Wir sehens ja, man kühlt sich gegenseitig wieder ab. Es ist immer ein müssiges Geschäft, das Skelett eigner Empfindung einem Andern ins Herz drücken zu wollen, jener wirft es heraus wie es ihm beschwert und behält höchstens einen widrigen Eindruck davon.

Er hatte sich selbst im Reden erbittert und sah tiefsinnig und kalt an Philipp hin. Dieser schlenderte neben ihm, an etwas anders denkend, hin Beide traten in die Vorhöfe des ungeheuren Gebäudes. Es war schon spät, der Nachtwind wehete kühl. Im Caffé de la Rotonde erlosch ein Licht nach dem andern. Die Patrouillen gingen spähend umher, die Menge verliess sich. Mich friert, sagte eine bebende stimme dicht neben Alonzo, gehen wir, mir ist so angst, es ist Zeit, niemand kommt mehr, alles wird still. Alonzo wandte sich nach der stimme hin, er erkannte die Blinde von den Boulevards, an der Hand des braunen Kindes. Da steh'n noch zwei, flüsterte dieses; wo? fragte die Alte. Die Kleine bog die dürre Hand der Mutter bittend nach Alonzo. Doch diese zog sie sogleich zurück; lass nur, sagte sie, lass, tritt niemand mehr in den Weg, es ist keine gute Stunde, stöhre niemand, hörst du, komm, jeder hat sein Geschäft, ach Gott, mir wird so angst! Sie keuchte an Alonzo vorbei, er hörte sie noch dumpf aus der Ferne stöhnen, bis sie in dem Caveau des aveugles verschwand! –

Wo wollen Sie hin? fragte Philipp, als sich Alonzo schnell nach den Zimmern zurückwandte, aus denen sie gekommen waren. Ich habe drinnen etwas zu zahlen vergessen, erwiderte dieser flüchtig. Lassen Sie's doch bis morgen, rief ihm Philipp nach, Sie hörens ja, es ist keine Zeit mehr zu Geschäften. Alonzo stand einen Augenblick unschlüssig, doch gleich darauf war er verschwunden. Philipp ging einige Zeit auf und ab, in der Absicht ihn zu erwarten. Er hätte ihn gern noch gesprochen. Doch währte es lange. Er konnte das nicht begreifen und halb verdriesslich, halb von einem beklommenden Vorgefühl getrieben, folgte er dem Zögernden nach.

Es war fast überall schon öde und leer. In einem hintern Spielzimmer endlich fand er Alonzo an einen Pfeiler gelehnt, mit festem blick auf mehrere französische Offiziere sehend, die unter tollem lautem Gelächter einen jungen Cameraden aus ihrer Mitte zuhörten. Dieser hielt ein Blatt in der Hand, und fuhr mit dem länglichen Zeigefinger, seinem Witz bei sehr beweglichem Minenspiel mehr Nachdruck gebend, geschäftig darüber hin. Man trieb hier sichtlich höchst leere und flache Possen. Philipp trat daher ganz entrüstet zu Alonzo, ihm zuflüsternd, um Gotteswillen was tun Sie hier? lockt Sie die verrenkte Spasshaftigkeit so unwiderstehlich an? Es hatte mich vorlängst, entgegnete Alonzo mit unverwandtem blick, einer der Herrn etwas zu fragen, ich erwarte nun dass er es tue. Ah! so! erwiderte Philipp, ohne sonderlich den Sinn jener Worte zu beachten. Er hatte viel anderes in Gedanken, und übersah leicht was um ihn vorging. Nachlässig zog er einen Stuhl in eine Fenstervertiefung, stützte den Ellenbogen auf den Sims und den Kopf in die Hand gelegt, richtete er die dunkeln Augenlichter in die Nacht stiller träumender Erinnerungen. Jetzt ward es jedoch laut neben ihm, er liess die Hand sinken und wandte das Gesicht nach dem Geräusche hin. Der junge Franzose trat mit eingeknicktem Beine und nachlässig schleppendem Gange, die geringschätzige Weise des Kaisers Napoleon nachahmend, Kopf und Nase in die Höhe geworfen vor Alonzo, und fragte mit Talmas Heldenmine: ob er etwas an ihm auszusetzen finde, da er ihn seit lange auf belästigende Weise fixire. Ich erwartete Sie, entgegnete Alonzo trocken. Sollte, fuhr der Franzose die Antwort überhörend, fort, in Spanien, wie ich Ursache habe zu glauben, unsre freie, reiche Lebensgewandteit noch fremd sein, so erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, dass es bei uns höchst auffallend ist, jemand anzusehn, ohne ihn zu begrüssen. Der Gebrauch verbietet das durchaus, es darf nie geschehn! Alonzo stand, beide hände übereinander auf den aufgestemmten Säbel gelegt, höchst stolz und feierlich vor ihm, und mit einem Feuerblick, an dem der Franzose fahrig hin und her flog, sagte er gelassen, ich habe mich niemals um französische Gebräuche bekümmert, spanische Rittersitte, aber denke ich, sollte man in Frankreich kennen gelernt haben. Die Bekanntschaft, fiel der Franzose rasch ein, ist nicht seit gestern, sie war gegenseitig, auch ermangelten wir nicht ähnliche Notizen zu sammeln. Er hob ein bemaltes Blatt gegen die flache Hand gelehnt, schräg gegen Alonzo auf, und mit gekniffenem fuchsartigen Lächeln setzte er hinzu