belästigte, war die notwendigkeit, mit verschiedenen Behörden verhandeln zu müssen, wozu ihn die Beschaffenheit seiner Sendung ganz natürlich verpflichtete. Berührungen der Art waren ihm stets verletzend. Er konnte nun einmal sein Gefühl nicht bezwingen. Er empfand die Verschiedenheit diplomatischer und ritterlicher Galanterie ums o schärfer, je reiner das letztere Element in ihm ausgesprochen war. Was auch die französische Behendigkeit ersinnen, was die regelrechte ausgleichende Sprache auch verbindliches sagen mochte, er ahndete, er sah überall den Hohn, die Geringschätzung leichtsinniger Beschränkteit; und unerträglich drückte ihn die versteckt gehaltene Ueberlegenheit, mit welcher Besiegte zu ihren Siegern reden durften. Ihm kochte das Blut jedesmal, dass er so oft etwas ähnliches hörte, alle Sinne gerieten in Aufruhr, er musste sich selbst entfliehen, und Hass und Stolz und jede heisse Regung beleidigter natur tödten, um Sitte und Anstand retten zu können.
Ganz ermattet von so unseligen Kämpfen, flüchtete er einst zu Philipp, dessen wohnung er ausgemittelt hatte. Der junge ritterliche Künstler sass im dunkeln, leicht umgeworfenen Mantelkragen, mit übergeschlagenem Hemdestreif und entblösstem Hals, pfeiffend vor einer saubern Staffelei. Alonzo blieb ganz verwundert vor ihm stehen. Wie denn, sagte er, sie haben Lust und Musse gefunden, hier selbst etwas zu bilden? Wo nehmen sie nur den Frieden, die Eintracht im inneren her? Nun, entgegnete jener lächelnd, was soll ich mich weiter in dem Tumult verlieren! Auch sind mir die Eindrücke nicht so neu, ich war früher hier und finde daher manchen unbesetzten Augenblick. Mir schien es billig, dass ich dem einzigen beruhigenden Eindruck, den ich hier empfing, Gestalt und Dauer gebe und ein versöhnendes und wertes Andenken aus so merkwürdiger Zeit in die Heimat zurückbringe. Alonzo war näher getreten. Er sah zur Zeit nur die noch erst höchst dürftig und weich gehaltenen Umrisse eines Engelskopfes auf dem Leinen. Das Gesichtchen blickte überaus unschuldig aus einer weisslichen Lichtwolke hervor, die fast blendend an dem nächtlichen Himmel vorüberzog. Unterwärts arbeitete ein dunkel wogendes Meer, dessen nakte, kalte Kreideufer in wunderlich hieroglyphischen Spitzen und Zakken heraussprang. Den Hintergrund deckten tiefblaue Dunststreifen, man unterschied keinen einzigen Gegenstand. Die schauerliche Einöde und tief empfundene Seele des Bildes erfüllte Alonzo mit Ehrfurcht. Er hielt das Ganze für eine Vision, deren der Künstler hier gewürdigt worden und sah andächtig auf dessen Arbeit.
Wie indess nicht leicht im inneren ein Ton angeschlagen wird, den fortallend nicht noch viel andre Klänge und Stimmen wecken und sich ganz eigne Akkorde und Chöre bilden sollte, so rauschte auch jetzt etwas durch Alonzo hin wie der dunkle Flügelschlag der Nacht, von dem die einsame Seele in sehnsucht erbebte. Alle Empfindungen wurden wach, sie fuhren schauernd aneinander, das Herz stockte fast in den gewaltsamen Wirbeln. Er hatte sich über Philipps Sessel gelehnt, und sah und empfand sich in das Bild hinein, ohne eben deutlich zu denken oder gar zu reden. Die Arbeit ging indess still fort. Philipp war ohnehin nicht einer von vielen Worten. Es war ihm schon recht, dass nichts Fremdes in sein Tun und Sinnen hineinfiel, Alonzos Blicke begleiteten ihn vielmehr auf ganz eigene, geheime Weise. Mehr und mehr ging ein warmer Hauch von dem Lichtglanz der Wolke aus, Philipp selbst bog sich fast geblendet zurück, das strahlende Engelsgesicht sah wie ein Friedensbote zwischen silberne Mondflämmchen hindurch, die Landschaft war unbegreiflich hell geworden, die wüste Angst der Nacht sank ganz zusammen. Plötzlich fuhr Alonzo mit beiden Händen über die Augen, er sah und sah, seine Blicke wurden immer fester, immer flammender, mein Gott, rief er, wie kommen Sie grade zu diesen Zügen? das ist ja das Gesicht des Mädgens, das ich neuerlich aus dem Gedränge der Catedrale trug. Taten Sie das? fragte Philipp, den Kopf nach ihm hinwendend, nun da kann es ja sein, dass es dieselbe ist, die ich neben der Mutter knieend, in so seligem Schauen des reinen, ungetrübten himmels fand, dass ihr still entzückter blick wie linder Engelsgrus über die unruhig wirre Menge zu schweben schien. Ich habe nie etwas Klareres gesehen. Die blonden Haare spielten so kindlich weich um Schläfe und Wangen, der eingeflochtene Lilienkranz spiegelte sich in dem ruhigen Schein der Stirn zurück, doch nichts glich dem lösenden, beschwichtigenden Zauber jener schwimmenden, ganz von Begeisterung aufwärts gehobenen Augen, sie sahen, sie empfanden nur das Licht ewiger Liebe. Nirgend noch begegnete ich so fester Andacht in Mitten so sündlichen Tobens.
Philipp hatte mit grosser Lebhaftigkeit geredet, die Begeisterung spielte in rötlichen Streifen auf seiner Stirn, seine Augen schienen grösser als sonst, sie bewegten sich leuchtend in ihren Kreisen. Doch wie die Jugend oft beschämt da inne hält, wo sie mit liebenswürdigem Selbstvergessen über sich hinauszugehen bereit war, so zügelte auch hier anmutige Blödigkeit Philipps Zunge, er schwieg, sah Alonzo noch einen Augenblick nachsinnend an, und wandte sich dann zu seiner Arbeit zurück.
Daher also, sagte Alonzo zerstreuet. Wie konnte Sie nur die Französin so begeistern? Das lassen Sie sich weiter nicht anfechten, entgegnete Philipp, das kommt hier ganz und gar nicht in Betracht. Es ist Gottlob nicht sowohl die Frage, wo sich ein Künstler befindet, als ob überhaupt ein Künstlerauge da ist, denn Offenbarungen denke ich gibt es überall!
Alonzos Blicke hingen unverwandt an dem Bilde, er schien ganz hineingewachsen. Offenbarungen, wiederholte er langsam, gibt es überall! Und alle Werkzeuge der Offenbarung sind geheiligt? fragen Sie sich das noch, unterbrach ihn Philipp