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wagte kein Wort in den augenblicklichen schweren Kampf hineinzureden. Der Wagen rasselte über das Steinpflaster, sie fuhren über die Brükke, wo der Alten kleine Bude stand, Alonzo bog sich weit zum Schlage hinaus, das Wetter war still und klar, tausend Sterne funkelten über seinem Kopf, im Osten dämmette schon die rote Morgenglut, jetzt waren sie an der Barriere, Alonzo riss plötzlich seine Hand aus Philipps los, warum folge ich Ihnen dann, rief er mit wildem blick, was wollt Ihr Alle von mir, wer hat über mich zu gebieten? Blansche, entgegnete Philipp, Sie wissen's ja – o Gott, o Gott, rief Alonzo, beide hände vor die Augen drückend, siefreilich sie will es! Was, hub Philipp nach kurzer Pause an, was hoffen Sie denn auch, nach dem letzten, höchsten Moment ihres ganzen Lebens noch Grosses zu gewinnen? Blansche lag an Ihrer Brust, sie gehörte Ihnenwas noch kommen konnte, was ist's dagegen. Im Genuss spürt der Mensch die Armut des Daseins. Wie voll und lebendig der Gedanke, wie reich die Phantasie. Das Errungene, Erlebte, wie trübe und gemischt, wie kahl und nüchtern; glauben Sie's doch, nur in der schaffenden Kraft des Gedankens ist Leben!

Zwanzigstes Kapitel

Wochen waren verflossen. Alonzo schrieb seiner Mutter aus Rom:

"Von den Stufen der versöhnten, verzeihenden Kirche wende ich mich zu Ihnen, meine hohe, strenge Mutter. Wenn die Liebe mich das Leben vergessen liess, so wusste sie auch Wege zu finden, mich mit seinen Anfoderungen auszugleichen. Worte sagen nicht, was ich hier erfuhr. Der Mensch wähne nicht, grosse Offenbarungen kommen ihm durch sich selbst. Auge und Sinne müssen empfangen, ehe die Seele erzeugt. In den Schauren geheimnissvoller Stille sah Jesu Auge aus menschlicher Bildung auf mich nieder und ich empfand die Prüfung wie die Weihe des Lebens. Wem die Glorie göttlicher Sendung nie geleuchtet, wer vor dem herandringenden geheimnis niemals erbebte, wer das tiefsinnige Rätsel in des Menschen, in des Geweiheten Nähe nicht empfand, den durchzuckte nie höhere Ahndung, dem ist das Innere tot.

Ich bin gestärkt, zu neuem Dasein gerüstet. Mein Vaterland ruft mich, vieles verwirrt sich dort aufs neue, vieles muss sich lösen. Sie sehen mich in Kurzem wieder. Was aus der Vergangenheit mir blieb, möge Sie nicht stören, es ist die still begleitende Wehmut, die niemand, der die Welt erkennt, verlässt. Sie sind gerecht, desshalb bin ich Ihrer wie meiner selbst gewiss." –

Während Philipp nun immer stiller und innerlicher seiner Kunst lebte und durch frische Heiterkeit einen hellen Glanz in Alonzo zurückwarf, bereitete dieser auf solche Weise seine Rükkehr nach Spanien vor. Er hatte sich schon von seinem treuen gefährten getrennt, als er, recht wie ein Abschiedsgruss des kurzen, schwindenden Traumes, einen Brief von Frau von Saint Alban erhielt; sie schrieb ihm:

"Wüssten Sie, wie schwer es mir geworden ist, was es mich gekostet hat, wie lieb ich Sie habe! doch alles war dagegen, ich sah es wohl nachher, wie sehr ich mich auch anfangs selbst betrog. Ich habe geweint, geschluchzt, mit mir, mit dem Herzoge gescholten, ich wollte Blansche den letzten Abend, der mir so viel Tränen gekostet hat, zurückrufen, Sie im Triumph in unser Haus einholen, ich wäre Ihnen um den Hals gefallen, – aber was wäre es gewesen? Sie hätten mich nicht verstanden, so vieles in uns ist Ihnen ganz fremd, das ist es eben! das hat mich in den Tod beleidigt, das vergisst sich nicht. Lieber guter, junger Freund, der Mensch stelle sich wie er wolle, er ist unter Bedingungen da, von denen hängt er ab, die lassen ihn nicht, Sie nun ganz und gar gehörten nicht zu uns. –

Blansche ist so vernünftig, so still und freundlich! das liebe Kind! gestern fragte der Herzog seine Nichte, ob sie sich der Worte not erinnere, die sie ihm bei ihrem ersten Wiedersehen gesagt habe: es gibt Verhältnisse, die das Gefühl bezwingen und uns harte Pflichten auflegen. Blansche küsste seine Hand, und erwiderte lächelnd, ich habe noch nicht aufgehört so zu denken. Mein armer Alonzo, tut Ihnen das wehe? – Ich berge es Ihnen nicht, lieber Freund, ich habe viel an Louis und eine Verbindung mit meiner Tochter gedacht. Bocourt ist so bescheiden, er versteht das sanfte Kind so gut, aber es wird nichts draus! Blansche liebt ihn wie einen Bruder, doch ich glaube, sie stürbe lieber als diesen Schritt zu tun. Sie fragte mich gestern, wo nähme ich denn ein Gemüt zu solchem Betruge her? – Ich schwieg, lieber Alonzo, ich errötete vor mir selbst, Pflicht und Gesetz halten die stillen Seelen stets in schicklichem Gleichgewicht, ich beneide sie darum!

Ich fürchte, Blansche hat weit anderes im Sinn. Sie geht fast täglich nach dem Kloster St. Genevieve. Klage ich darüber, so sieht sie mich so bittend an, dass es mir das Herz bricht. Gestern fand ich sie vor dem Bilde der schönen La Vallière. Armand musste es ihr herunterheben, sie wischte und säuberte daran und betrachtete es mit leidenschaftlicher Teilnahme. Blansche! rief ich, Tränen stürzten mir aus den Augen, sie flog an meine Brust, ich zog sie sanft an mich, mein Kind,