was ihm einen Leib gab, aus dem er nicht heraus kann. Er konnte nicht mit Louis streiten, und ihm auch nicht vertrauen. Er fühlte, sie verstanden einander nicht. Jener hatte sich gewissermassen behauptet und war nun wieder mild und einlenkend wie immer. Man sah offenbar, er war auf Alonzo aufmerksam gemacht und hatte einen Angriff erwartet. Dies alles, was fremde Absichtlichkeit ahnden liess, verschloss Alonzo Herz und Lippen, er trennte sich sehr lau und ging in verdrüsslicher Ungewissheit in sich selbst zurück.
Auf seinen müssigen Streifzügen durch Strassen, über Plätze und Brücken geriet er eines Tages an eine kleine Glücksbude. Unter leinenem Dach, auf niederm Schemel sass ein alter Invalide, die beiden Krücken lagen gekreutzt gegen seine Knie, neben ihm stand Alonzos wohlbekannte Blinde, den Becher und die Glückswürfel in den zitternden Händen. Das kleine braune Mädchen hielt einen schmutzigen verknitterten Bogen in der Hand, von dem sie Nummern und Gewinnste ablas. Auf langen roten Bändern, hingen in verschlungenen Bogen am Saum des überhangenden Daches grüne Börsen, Ringe und Tuchnadeln, Ohrgehänge, Uhrschlüssel und andrer schillernder Tand sorgfältig aneinander gereihet, und sah vornehm auf braune Tabacksdosen, messingene Leuchter, Balsambüchschen und dergleichen mehr herab. Die blinde Glücksgöttin hatte Alonzo angelockt. Er setzte Geld in ein kleines zinnernes Becken, das ihm der Alte herhielt und nahm die Becher, schüttelte die Würfel hin und her, und warf mahl auf mahl eine Niete. Er ward ärgerlich, auch in dieser Kleinigkeit kein Glück zu haben. Der alte Soldat lächelte über den Eifer des vornehmen Herrn, der so erpicht auf einen kleinen Gewinst schien. Endlich fiel ihm ein kleiner goldner Schlüssel zu, mehr als Zierrat als zum Nutzen an einer Uhr zu tragen. Die Blinde hatte ihn geschickt von dem Bande losgeknüpft und hielt ihn Alonzo hin. Dieser besann sich noch einen Augenblick. Nehmen Sie immer, sagte sie, er gehört ihnen. Sie bedürfen seiner nicht, setzte der galante Franzose hinzu, desshalb hielt ihn das Schicksal so lange zurück; die Herzen schliessen sich Ihnen von selbst auf, hüten Sie sich keinen Missbrauch davon zu machen. Ein Schlüssel! dachte Alonzo, diesen gedankenvoll zwischen den Fingern hin und her drehend, welch geheimnis soll er mir eröffnen? Plötzlich fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Sinn, vielleicht das Rätsel meines ganzen Lebens! Er sah die Alte scharf an, durch sie hatte er ihn bekommen, sie konnte, sie sollte vielleicht mehr für ihn tun, von Anfang her war sie ihm hier prophetisch gewesen. Immer hatte er sie vor einem entscheidenden Augenblick gesehen. Er beschied sie zu den andern Morgen nach seiner wohnung, fest entschlossen ihren Beistand in Anspruch zu nehmen. Noch in selbiger Stunde schrieb er Blansche:
Ein wunderliches Wesen, von dem ich nicht weiss, wie es in meinen Weg kommt, noch was das Schicksal mit ihr will, bringt Dir diese Zeilen, liebste Blansche. Ich weiss nichts von Dir, als dass du mich liebst, daran glaube ich, darauf baue ich. Doch kann ich Frankreich nicht verlassen, ohne dich zuvor gesprochen zu haben. Du sollst über mich bestimmen. Ich verstehe nichts mehr von mir, von der Welt, von den Menschen, ich lebe und denke in Dir, Blansche. Kannst Du wollen, dass es anders sei? O könntest Du dies zerrissene Innere sehen! wüsstest Du, was an eines Menschen Seele zerren und martern kann! – Und weisst Du es nicht, Blansche? Bist Du so ruhig? Ich beschwöre Dich, lass Dir von niemand Dinge einreden, die Deinem schönen Herzen fremd sind. Denke an Deinen armen Freund! fühle, dass Du ihm mit dem holden, berauschenden geständnis Deiner Liebe Rechte gegeben hast, die keine Klugheit, keine Rücksicht der Welt aufheben kann; die ich, erwäge es wohl, nur mit meinem Leben aufgeben kann. Einmal nur lass mich Dich sprechen, ruhig, ungehindert, allein, Blansche. Kannst Du, so verbanne mich dann auf ewig von Dir. Denkst Du es zu können? Unmöglich, unmöglich! Was willst Du mit einem armen, nüchternen Leben ohne Liebe? Sieh ich möchte dir alles opfern, Namen, Vaterland, den Stolz und die Hoffnung kühner feuriger Jugend, alle Gedanken, alle Wünsche, die mühselige Arbeit angestrengter Jahre, darfst Du zögern, Dein zerrissenes entartetes Frankreich hinter Dir zu lassen? Hast Du ein anderes Glück als das meine? Sieh ich bin so stolz, so kühn und dreist, wenn ich aus der Ferne zu Dir rede, und Du beherrschest mich so gewaltig, wenn ich Dich sehe, Blansche, um Gotteswillen missbrauche Deine Gewalt nicht. Ich bitte Dich, versage mir lieber die Gunst Dich zu sehen, als Dich streng und ernst wie neulich zu finden! Nein, Blansche, nein, höre das voreilige Wort nicht, willige vor allem andern in meine Bitte, lass mich zu Dir reden, lass mich dir ein einzigesmal alles, alles sagen, was auf diesem Herzen lastet. Morgen Abend, schöne Blansche, bin ich an dem Gartenpförtchen, Engel, lass es mich offen finden! und wenn Du wolltest – wenn du Deinem Freunde folgen k ö n n t e s t – ein Wagen ist bereit, meine angebetete Geliebte, England gibt dem Gedanken wie dem Herzen eine Freistatt! –
Die Alte kam des andern Tages. Alonzo sprach mit ihr. Sie verstand ihn schnell. Leicht, meinte sie, sei