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zu sehen. In der Messe durfte er nicht hoffen sie zu finden. Frau von Saint Alban und dem Herzog mochte er in dieser Stimmung nicht begegnen, gleichwohl verschmähete sein Stolz wie die natur seiner Liebe jeden Schritt, den Blansche's Würde zu nahe trat. Unter wechselnden Stürmen und Beschwichtigungen der Seele verwarf er jetzt, was er zuvor als wünschenswert und notwendig erkannte, und vergeudete Zeit und Kraft in ungleichen Kämpfen.

Er erfuhr, dass Blansche mit ihrer Mutter das Kloster verlassen hatte, und wieder bei dem Herzog wohne. Es war ihm ein Trost sie dort zu wissen. Er ritt und fuhr und ging spät und früh an dem dunkeln Eisengatter hin, ohne dass es sich gastlich wie ehemals vor ihm aufschloss. Es schien, die Familie verharre noch in der angenommenen klösterlichen Stille. Nur des jungen Bocourt Cabriolet sah er zuweilen unter den Kastanien halten. Er ahndete wohl, was Frau von Saint Alban mit dieser auszeichnenden Vertraulichkeit wolle und welche Wünsche Louis hegen durfte. Gleichwohl konnte er dem unbefangenen, anspruchlosen Herzen nicht feind sein, das sich unter der stillen Begünstigung natürlicher Verhältnisse vielleicht zum erstenmale ganz einig fühlte. Er empfand sogar ein schmeichelndes, wohltuendes Mitleid mit ihm und spürte selbst einige Neigung Louis Gutmütigkeit und ablich bewahrter Sinnesweise zu vertrauen. Es dünkte ihm wahrscheinlich durch freie Eröffnung der wahrhaften Lage der Dinge, die Teilnahme des treuen Menschen zu gewinnen, er erwartete von der Uneigennützigkeit des geprüften, an nichts verwöhnten Gemütes um so mehr, als er deren bedurfte. Selbst nicht aus noch ein wissend, in der Verwirrung dunkler, treibender Gefühle wenig auf Gottes Beistand rechnend, dachte er dem Geschick vertrauen zu müssen, das ihm vielleicht in Blansche's Verwandten einen Freund zuführte.

Sehr überrascht war er daher, als er Louis bei ihrem nächsten Zusammentreffen etwas feierlich, bei weitem weniger schüchtern, vielmehr in der Stellung des Erwartens und Kommenlassens fand. Alonzo brannte vor Ungeduld, die fremde angelegte Rinde zu lösen und zu dem Kern des wohlwollenden inneren zu kommen, doch jener blieb behutsam, sprach mit seiner gewohnten leisen Höflichkeit wenig, nannte Frau von Saint Alban gar nicht und suchte sich auf alle Weise los zu machen. Haben Sie ihn auch umstrickt, dachte Alonzo, und führen sie ihn nun an den künstlich gesponnenen Fäden? oder hat er sich selbst so diplomatisch überfeint? Kann denn hier nichts wahrhaft und ungetüncht bleiben? Sie standen noch bei einander als mehrere französische Truppen-Detaschements, die früher Paris verlassen mussten, jetzt wiederkehrend, an ihnen vorbeizogen. Die vergelbten, abgeflachten Gestalten gingen unter brutalem Trotz und dumpfen Gemurr durch die Strassen. Der dünne Wirbel matter Trommeln, das Zittern heiserer Trompeten verkündete ihre unerfreuliche Ankunft. Die Menge achtete bei stetem Hin- und Hertreiben wenig auf sie. Einzelne blieben stehen, es fielen tonlose Worte aus den hohlen Kehlen, wie dunkle Flammen aus qualmender Glut aufprasseln, der Name des Kaisers, Fluch der Fremden, Schmähung der Regierung schallten rasch und drohend durcheinander. Gemütloser Halbverstand zischelte daneben und blies luftigen Witz in die glimmenden Kohlen. Auf Louis Gesicht lag ein selbstzufriedenes Lächeln. Das ist etwas! sagte er, in den Kerlen steckt Nationalität, da ist Furchtlosigkeit und Leichtsinn, der gewohnt ist mit der Gefahr zu spielen, da ist Kern und Mark, das macht sich wohl von selbst. Was, fragte Alonzo befremdet, was soll sich von selbst machen? Eine Verfassung, entgegnete jener, die nicht da ist. Und die auch diese Uebermütigen, fiel Alonzo ein, wahrhaftig nicht wollen, was sollte den Gesetzlosen die stille Ordnung des Daseins? Erwarten Sie doch nichts von dem gährenden Unrat, dem der flüchtige Geist unter unnatürlicher Uebertreibung verflog. Glauben Sie mir, das gehet so in sich selbst und verbrökelt im Wechsel der Zeit. Ich meine nicht, sagte Louis etwas empfindlich, die Elemente sind offenbar vorhanden, sie verlangen nach Bestimmteit, nach Farbe und Physionomie. Die haben sie schon, erwiderte Alonzo rasch, und eine so fertige, so ausgesprochene, dass sie an Carikatur gränzt, nicht ein Tüttelchen darf die Zeit hinzusetzen, so fällt das mürbe Staubwerk zusammen. Das Rad der Zeit, entgegnete jener, geht um sich selbst herum, was da ist, soll etwas, wo Leben zu spüren ist, dürfen wir an Verjüngung denken. Gallien hat sich vielfach verjüngt, sagte Alonzo lächelnd, doch waren es Fremdlinge, welche die verderbte Frucht zu brechen und neue Keime des Daseins durch gesunde Vermischung hervorzurufen wussten. An solche Verjüngung will ich glauben. Es ist mit der Gesundheit, sagte Louis, nur überall nicht weit her, die Keime sind im Ganzen faul, denn ach du mein Gott, der Rock, den die Gegenwart angelegt hat, ist mit Lumpen geflickt, das hält nicht über das nächste Bedürfniss hinaus, in der Nähe kann man die Fasern nackt und bloss liegen sehen, man zieht dann einen neuen an und es ist eben so gut. Alles bleibt am Ende gebrechliches Stückwerk und die Erfahrung gibt zuletzt noch die beste Auskunft, wie wir wieder nach haus finden. Das ist überall Eins.

Alonzo war es, als würde ihm ein Riegel vor die Brust geschoben. Er war ganz still geworden. Das ist also Weisheit, dachte er, die an alles zweifelt und höchstens das Alte wiederkommen sieht, just so, wie es auf einem gewissen Punkt war. Auch dies warme Herz, das so liebendes Verlangen in sich trägt, ehe gibt er alles auf als das Eine,