der Seite, wo Alonzo stand. Er bückte sich von Zeit zu Zeit nach kleinen unscheinbaren Gräsern oder Pflanzen und beachtete sie genau in allen ihren Fasern und Teilchen. Sein gutes, stilles Gesicht schien unter diesem Geschäft heiterer, sein Auge heller und von einem Strahl ruhiger und sicher gestellter Forschgier angenehm belebt. Er war jetzt dicht vor Alonzo getreten, ohne ihn zu sehen. Diesem war es lieb, einem Wesen zu begegnen, auf dem Blansches Augen freundlich geruhet hatten, er redete ihn an. Louis in seiner schüchternen, unendlich verbindlichen Höflichkeit, sagte etwas verlegen grüssend, o mein Gott! ich wusste nicht – Frau von Saint Alban glaubte Sie längst abwesend von hier. Sie glaubte das, wiederholte Alonzo etwas trocken, mich dünkt sie hätte eine bessere Meinung von meiner Höflichkeit hegen sollen, da keine ursache denkbar ist, wesshalb ich mich so unter ihren Augen wegstehlen sollte, ohne sie zuvor begrüsst zu haben. Doch, entgegnete jener achselzuckend, hat sie mir nicht anders gesagt, indem sie mit Bedauern und vieler Teilnahme und Liebe von Ihnen, mein Herr, sprach. Beide gingen einige Augenblicke schweigend neben einander, Louis etwas gedrückt, Alonzo etwas hoch und vornehm. Erst seit kurzem, hub dieser an, sind Sie in Ihr Vaterland zurückgekehrt? – Ganz neuerlich, erwiderte Louis. Sie waren lange abwesend, fuhr Alonzo fort, Sie werden Ihre schöne Cousine kaum wiedergekannt haben. Auf des jungen Bocourt Gesicht schwebte eine rührende Freude, mit innigem Lächeln sagte er, ein recht liebes Mädchen habe ich in ihr gefunden, von ungemeinem Liebreiz und einer Unschuld und Durchsichtigkeit, die an die früheste Kindesreinheit der Menschen erinnert. Er sagte das so warm und wahr, so ganz ohne Bezug auf irgend etwas ausser Blansche, dass Alonzo hingerissen, sich selbst vergessend ausrief: nicht wahr, Sie fühlen das! O wer ist auch so unglücklich, dagegen verschlossen zu bleiben. Sie hat mir, fuhr jener an Eigenes denkend, fort, das Sinnbild der Lilien klar gemacht, und wie es immer solche Engel gab, die über Frankreich schwebten. Blansche ist ein Engel des Friedens und der Ruhe und erinnert zugleich an alles unbefangen Liebliche und Sinnvolle besserer Zeit, sie versöhnt mit einem land, das aus seinem Schoos solche Blüten hervorgehen liess. Alonzo sah ihn gross an, ihn also versöhnt sie mit dem vaterland, dachte er, und mich entzweiet sie mit dem meinigen vielleicht auf ewig! Ich habe, hub Louis nach kurzer Pause auf's neue an, geraume Zeit hindurch die natur in ihrem leisen Verkehr mit der Pflanzenwelt begleitet, und hier ein heimatliches verhältnis gefunden, das ich bei den Menschen so rein und unbestritten nicht antraf. Blansche nun scheint mir in diese Blumenwelt ganz entschieden zu gehören. Sie steht so rein und bestimmt vor mir da, dass gar kein Zweifel obwaltet, ja durch einen Zug geheimen Einverständnisses glaube ich die stille natur in ihren verwandten Elementen ganz zu verstehen. Ich weiss nicht was sie tun oder sagen könnte, worüber ich unsicher an ihr würde. So genau, sagte Alonzo mit einem scharfen blick, glauben Sie Blansche zu kennen? Was man so eigentlich unter kennen versteht, entgegnete jener, möchte ich nicht sagen, es könnte sein, dass sie ganz anders zu handeln durch sich selbst bestimmt würde, als ich mir's vorgestellt hätte, doch sollte mich das nicht irre machen, ich würde sogleich wissen, dass es so sein musste, dies zusammenklingende gleichartige Wesen kann sich selbst nicht untreu werden.
Sie waren unter diesem Gespräch auf eine brücke gekommen, ihre Wege schieden sich. Louis war einigermassen blöde und beschämt, so viel geredet, sich so umständlich geäussert zu haben. Sein gutmütiges Lächeln, die Art seiner schnell in sich zurücktretenden Verbeugung war auf gewisse Weise eine Entschuldigung dieser allzugrossen Freimütigkeit. Alonzo wusste nicht recht, was er von ihm denken sollte. Er ging still vor sich hin und sagte sich selbst: was der da so trocken und schwerfällig hinspricht, ist das Grösste, was ein Mensch von dem Andern sagen kann, solch' Vertrauen ist göttlicher Art, es müsste den ganzen Menschen begeistern, er bleibt gelassen, er meinte es so nicht, er ist gelehrt, er zwängt alles, was er sieht, in ein System und classifizirt Blansche wie Augentrost und Rosmarin. Was will er von dir wissen, schöne Blansche! dein Herz ist der Schlüssel zu deinem lieblichen Selbst, das aber soll mir keine natur oder Kunstverwandschaft in aller Welt streitig machen!
Achtzehntes Kapitel
Je mehr die Glut eigener leidenschaft in Alonzo anwuchs, je fester bauete er sein Glück und seine Hoffnungen auf Blansches Liebe. Er überzeugte sich ganz innig und unbezweifelt, dass die gleiche Qual, wie sehr sie diese auch zu bergen wisse, an dem armen Herzen nage, und sie endlich über jeden Widerstand hinaus in seine arme treiben werde. Alles kam für ihn darauf an, Blansche geheim und ungestört zu sprechen. Er war so gewiss wie von seinem Dasein, dass sie der Gewalt seiner Worte nicht widerstehen werde. Er hatte es ihrer Angst, den bleichen, bebenden Lippen, dem feuchten Glanz der schönen Augen ja angesehen, wie all' ihr Leben zum Herzen dringe, wie sie dieses nur unter trüben Schmerzen zügle. Was konnte er wollen, dass nicht auch ihr geheimer, schüchterner Wunsch war! sie sollte das in seinen Armen fühlen, ihm unter leisen, heimlichen Schauern bekennen. Er rang und spähete nur nach Mittel sie