davon ab. Philipp, ich wollte, Sie wären hier! Wie unter toten lebe ich, keine, keine Seele mein! –"
Die letzten Worte waren von einem Strom unbezwinglich hervorbrechender Tränen verwischt. Alonzo schob das Blatt weg, den Kopf in die gefaltenen hände gelehnt, weinte er heiss und bitterlich. Das Geräusch eines Eintretenden schreckte ihn auf. Beschämt riss er sich empor. Seine Weichheit schien ihm ganz kindisch, er fasste sich zusammen, und die eine Hand vor den Augen empfing er mit der Andern mehrere Briefe, unter denen die Schriftzüge seiner Mutter ihm das Blut beklemmend zum Herzen trieben. Er brach das Siegel mit kaum erzwungener Fassung und las, ohne recht zu wissen, was? folgendes:
"Mit Erstaunen und einem Befremden, von dem ich nicht weiss, ist's des Schreckens oder Zorns Erstarren, erfahre ich, dein Geschäft, Alonzo, sei beendigt, und du gleichwohl noch in Paris. Ich will nicht denken, was ich mich zu hören schämte, und ehe verschliesse sich diese Lippe auf ewig, als dass sie Unwürdiges von meinem Blute sage. Gleichviel auch welche ursache! – keine als Unvermögen des Leibes ist gültig, und auch denn noch, wenn die gelähmten Glieder ihren Dienst versagen, die schwindende Kraft nicht weiter kann, treibe die Angst der Verdammniss, den morschen Leichnam über die verfluchte Erde hin nach geweiheter Stätte!
Nur das Eine Alonzo höre. Den geschäftslosen Mann, der aus Neigung oder Trägheit in Paris verweilt, muss ich verachten, denn da der Einzelne nicht dem ganzen volk stehen kann, duckt er dehmütig unter und lässt die Woge des Uebermuts feige über sich zusammenschlagen. Lächeln muss er, wenn ihm das Blut tropfend aus den Augen sprühet, Spass verstehen, unbeachtet die Pfeile schwirren hören, und wenn's hoch kommt, sie versenden helfen. Anders ist es, wenn ein gegebenes Ziel zu strenger Arbeit ruft, er sieht nicht rechts, nicht links, ihn schützt das Panier der Pflicht. Doch des Müssiggängers fahrig Auge, was kann es anders wollen, als sich im Schmutz der Sünde baden? Alonzo hast du denn jenseit der Pyrenäen noch e i n Vaterland? Darfst du dein eigen sein, ein Dasein, Sitte und Gesetz, Gott und einen Heiland haben? O dass ich dich das fragen muss? Ist denn dein Stab so ganz und gar gebrochen, kreist denn keine Ader meines Blutes in deinem Herzen mehr? Ich will's nicht denken, doch muss ich zittern, weinen – und wenn's sein muss, dich geliebtes Kind verfluchen!"
O Mutter, Mutter, rief Alonzo händeringend, verblendet denn die leidenschaft und macht sie zugleich so scharf und hellesehend! Gute Mutter! wir werden von einer Flamme getrieben, nenne sie Zorn oder Liebe!
Eine lange Zeit sass er ganz tiefsinnig da, die entsetzlichen Worte dreheten sich ihm wie eine kreisende Scheibe im Gehirn umher. Er hatte gar keine Gedanken, ihm war, als werde er wahnsinnig, und so ging er dann wie im Traume, ohne Wille und ohne Widerstand zur gewohnten Stunde in die Messe. Er wusste kaum noch was er hier wollte. Die Augen lagen gesenkt am Boden, die arme schlaff und matt in einander geschlungen, er betete mechanisch, und liess betäubt die Worte an sich vorüberklingen, als das Wispern einer weichen stimme neben ihm, plötzlich tausend Funken zugleich in seiner Seele anschlugen. Blansche kniete mit dem rücken nach ihm gewandt, das Gesicht auf die Stufen eines kleinen Altars gesenkt, über welchem Maria abgebildet war, wie sie das schlafende Jesuskind mit Liebe und Zuversicht betrachtet, ohne die wunderbare duftige Gestalten zu sehen, die im Traum an des Kindes Bettchen vorübergehen und ihm die Zukunft offenbaren, der Engel mit den Marterwerkzeugen schwebt leicht vorüber, zuletzt überstrahlt des Heilands Verklärung die weisslichen Wolkenspiele. Blansche hob den Kopf in die Höhe, sie sah das Bild fest an, ihr blick schien zu sagen, heilige Mutter, von dir geht das trübe Erdenleben aus, aber du gabst uns den Erlöser! Alonzo sah und ahndete von dem allem nichts, er fühlte nur Blansches Nähe. Seiner kaum noch mächtig, unter ungestümen klopfen der kochenden Brust, warf er sich neben sie nieder und mit einem Tone und blick, vor dem das zarte Mädchen zusammenschauerte, flüsterte er, jetzt Blansche, jetzt können Sie mir länger nicht entgehn. Hier im Angesicht aller Heiligen wagen Sie es zu sagen, dass Sie mich verstossen, dass Sie Ihr eigenes Wort zurücknehmen, dass Sie mich hassen! Sie sah ihn wehmütig an. Tränen strömten aus ihren schönen Augen. O Gott, sagte sie leise, so haben Sie mich denn nie verstanden; und kein Vertrauen, keine Ahndung meiner Liebe ist in Ihrer Seele! Sie lieben mich noch, Blansche? rief Alonzo ganz ausser sich, o sagen Sie nichts, kein einziges Wort weiter, auf Ihrer Zunge schwebt etwas, das ich nicht wissen will, nicht wissen darf, wenn Sie mich lieben – ja unterbrach ihn Blansche ernst, ich liebe Sie, fest und uneigennützig, wie Sie nicht lieben können. Jetzt Alonzo, fuhr sie aufstehend fort, wissen Sie, was Ihnen für diese Welt zu wissen frommt, kann es Ihnen gnügen, so sind wir beide nicht zu beklagen – wenn nicht – ich kann nur aus der Ferne mit Ihnen weinen. Unsre Wege scheiden sich von hier, und ich fodre es im Namen der Kirche, deren Boden kein