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überhoben zu sein. –

Siebenzehntes Kapitel

In dem raschen Andrang aller Empfindungen, fand Alonzo ganz von selbst Gedanken und Entschluss. Eins stand fest in ihm, darum drehete sich alles Andre in natürlicher Ordnung. Er wollte jener feinen Absichtlichkeit zum Trotz in Paris bleiben und sollte Leib und Seele darüber zu grund gehen. Das einmal Eingeleitete war nicht abzubrechen, das sah er wohl, seine Mission war hiermit beendet, gleichwohl fand er sich andrer Seits eben dadurch um so unabhängiger und zu ganz rücksichtslosem Verhalten berechtigt.

Er betrieb demnach alles auf das sorgfältigste und schnellste, empfing und expedirte Depeschen, beurlaubte sich in der Qualität eines Abgesandten, schickte Couriere ab, schützte Krankheit vor und etablirte sich von da an ganz eigentlich zu Angriff und Verteidigung.

Für alles andre, als seine eigensten Wünsche tot, ging er nirgend hin als in die Messe, wo er Blansche zu finden hoffen durfte. Durch viele Tage erwartete er sie indess Morgens und Nachmittags vergeblich. Er ward nicht müde zu gehen und zu kommen. Liebe, Stolz, gekränktes Recht, alles hielt ihm sein Ziel unverrückt vor die Augen, die leidenschaft hatte ihre Blitze zurückgezogen, die Nacht tiefen Geheimnisses lag über sein ernstes Gesicht und gab dem unbezwinglichen Willen das Ansehen ruhiger Eintracht und festen Gleichmutes. In welchen Zustand ihn indess der harte Kampf, die gescheiterte Erwartungen setzten, wie streitend Gefühl gegen Gefühl anstrebte, was die leidenschaft wollte und nicht wollte, das werden folgende Zeilen an Philipp deutlich machen.

"Wenn die stille Glut Ihrer Augen der Leitstern zu Ihrem Herzen war, so haben Sie sie geliebt, Philipp, heiss, verzehrend, mit allem Schmerz und aller Lust der durstenden Seele. Das ist der Fluch des Menschen, dass ihn Götterbilder äffen, und den Himmel vor den trunkenen Blicken zaubern. Es ist alles Lüge hier! alles! auch s i e , zweifeln Sie nicht. Wie könnte es anders sein! das absichtlich berechnete, auswendig gelernte Spiel fängt mit dem ersten Strahle des Bewusstseins an. Tugend heisst es und Weisheit, Leib und Leben und jeden freien Aufflug des Geistes in die enge Klammern nüchterner Sitte einzupressen, das sind die Formeln, die man dem weichen Kinderhirn eindrückt, ein paar knöcherne Phrasen die ganze Mitgift auf der weit auslaufenden Lebensreise. Unbesonnen nennt man dies Volk, leichtsinnig und flatterhaft im Denken und Tun, schnelleres Blut, heisst es, treibe sie flüchtig an dem Ernst des Lebens hin, nicht Bosheit, nicht Sünde sei in ihnen, unbedacht wie unzuverlässig dürfe man sie höchstens schelten. Hätten wir niemals einen Franzosen gesehen, wir könnten uns unter dem beweglichen Bilde harmlosen Genuss und den spielenden Schaum ungewisser Jugendlohe denken. Aber wie schlägt uns das welke, sich selbst überlebende Gerippe in greiser Kindheit in die Augen! misstrauisch und lauernd wie das Alter, auf fremder Unkosten erfahren, zu haus auf der glatt getretenen Bahn gewandt, in Maass und Takt selbst erfundener Convenienz, verlocken uns die gräulichen Kindergestalten und prunken mit Weisheit, wenn sie den armen Vorrat ihres Herzens zu verschliessen, und Vertrauen und Liebe und Hoffnung zu betrügen wissen! Das ist die Klugheit der Welt, Philipp, nach der man Jahrhunderte rang, der man Altäre bauete, die auch noch nicht aufhörte, die Leichtgläubigen zu blenden. Geschwätzig wie die Weiber, das Geheimste entweihend, schlau wie sie, da verschlossen, wo es den eignen Vorteil gilt, täuschen sie, reissen sie das Innere auf, und verletzen die offne Seele mit tausend giftigen Dolchen. Diplomatiker sind sie, das glaube ich, so lange Andre es wollen! Aber es gibt eine Kraft, die all' die abgenutzten Fäden mit einem Griff zerreisst! Glauben Sie, dass sie mir jemals verziehen, mich selbst gegen einen Franzosen behauptet zu haben? Glauben Sie das? Mit Grossmut haben sie eine Weile vor mir, vor der Welt, vor sich selbst gespielt, das war in ihrem Leben noch nicht vorgekommen, das passte zu irgend einer Teaterscene, es hatte Blut gekostet, es war hochtragisch! Aber die ganz gemeine, unzubestreitende Wahrheit, die so blank und baar da lag, die sich nicht drehen, nicht wenden, aus der sich nichts machen liess, die konnten sie nicht vertragen, da hatte das Spiel ein Ende, die kalten Herzen hatten nur sich geliebt! Könnte ich Ihnen die lange Comödie erzählen, könnte ich Ihnen sagen, wie sie so natürlich zu hintergehen wussten! Auch s i e Philipp, ach Gott! auch sie konnte mich täuschen! Und wie denn am Ende alles so berechnet, so gemässigt, so vernünftig klar und ruhig endete! Ich sollte einsehen, empfinden, dankbar sein! Gottlob, ich fühlte mich selbst. Freuet Sie das? – Nun mich auch. Und ich denke, es wird uns allen frommen. Ich bin jetzt frei, und bleibe doch hier, aus eigner Kraft, verstehn Sie mich? Man hiess mich gehen. Jetzt ganz gewiss gehe ich nicht. Ich muss Blansche sehen, ich muss sie sprechen. So leichten Kaufes kommt sie nicht los. Vor Gott hat sie gelobt, vor Gott muss sie wiederrufen. Könnte ich Ihnen den blick malen, so gross und still! Vertrauen sollte ich ihr! Herr Gott, ich tat es unbedingt, Seele und Leben gehörten ihr, sie hat damit gespielt! Begreifen Sie es? Das Rätsel eben soll sie mir lösen. Weiter will ich ja nichts, sie ist es mir schuldig, mein Glaube, meine Seligkeit hängt