? etwa weil sie auf plumpen Stelzen ungeschickt, eckig und langsam unsre freie, leichte Bewegungen einzeln und auswendig gelernt nachahmen? O ich höre sie auf zehn Meilen kommen, diese gemachten Pariser! steif, formell oder impertinent, nicht achtend wie ihnen veraltete Galanterie oder un mal appris de nos jours im kopf spukt, wenn so ein alter Herr mir die Reminiszenze des goldnen Zeitalters wieder auftischt und die ganze Conversation aus lauter Citaten alter bestäubter Biblioteken besteht, dann schnappe ich nach Luft, denn der Bücherdunst schmeckt nach schwarzer Wäsche, die man ausgezogen und längst weggeworfen hat.
Doch über allen Ausdruck widerlich sind mir jene eifrigen Lehrlinge einer gewissen Schule, die kunstgerecht den Schmutz verderbter Dichter, wie die Aussprüche der Sorbonne, einstudiren und sie in Sälen und Boudoirs geltend machen, die metodisch die Einbildungskraft beflecken, Mangelhaftigkeit im Leichtsinn heucheln, sich brutal in der Liebe und ungeschickt in der Treulosigkeit anstellen, kurz die durch groteske Nachäffung das Gefühl auf alle Weise verletzen. Und sind sie denn anders, dachte Alonzo, die Originale zu diesen Copien? Verweilet man denn nicht noch am liebsten bei den verknöcherten Gestalten, durch die, rührend genug, ein Anklang verschollener Zeit wehet? Stehet man gleich neben ihnen auf dem Grenzstein versunkener Galanterie, so spürt man doch wehmütige sehnsucht nach dem, wohin die letzten bleichenden Lichter unter Ludwig dem Vierzehnten zurückweisen. Noch wagt sich die Liebe Liebe zu nennen, noch verspottet niemand den Prinzen und Helden, der in still bescheidener Demut seiner Dame durch ein ganzes Leben huldigt, keine Zunge lästert den ehrfurchtsvollen Dienst geheimer Treue, galante Rittersitte hat noch Raum auf Erden, Henriette von England darf ohne Erröten ihr Bild auf einer Heldenbrust wissen, der Leumund schweigt, denn uneigennützige Liebe ist noch kein Unding geworden, und tausende kennen ihr heiliges Panier. Kann das veraltete Wesen gleich nicht sonderlich mehr gefallen, so rührt es doch und verzeihlich wird es, mit dem Schein zu spielen, wenn man das Wesen empfindet. Doch verloren ist die Seele, die mit dem wesenlosen, giftigen Dunst heutiger Sitte liederliche Gaukeleien treibt. Er sah finster umher, Louis sass etwas abwärts, die Hand wie einen Schirm gegen die Stirn gehalten, so dass die Augen ungestört in sich hinein sehend bei Selbstgeschaffenem verweilten. Der Herzog hatte ihn einige Augenblicke beobachtet, mit Alonzo abwärts tretend, sagte er: die freie Gemeinschaft der Geister konnte ihm die leibliche Sicherheit des Daseins nicht ergänzen, die man nur im vaterland empfindet, so innig ist der Mensch mit der Heimat verwachsen, wie törigt darüber hinaus zu wollen! Man ist umsonst bemühet das Ungleichartige zu verschmelzen. Der natur widerstreben, heisst sich ewigen bittern Kampf bereiten! Wenig sind diesem gewachsen! Auch mein junger Vetter nicht! Er ist zerrissen, nicht hier, nicht dort zu haus, und gleichwohl zieht ihn seine Vorwelt hieher. Was ist ein Dasein, mein Herr, ohne Erinnerungen? Darf der Mensch an eine Zukunft denken wollen, wenn er die Vergangenheit vernichtet? –
Es schien Alonzo fast als lege der Herzog eine besondere Bedeutsamkeit in diese Worte. Was konnte er sagen wollen? hatte er in seinem Herzen gelesen? Und wollte der ruhig erfahrene Mann ihn warnend auf sich selbst zurückführen? Alles kam ihm heute so absichtlich, so besonders vor. Frau von Saint Alban war von der gesuchtesten Höflichkeit, sie wollte ihn recht eigentlich gegen ihre Familie herausheben, doch alle frühere Innigkeit, das leichte anmutige Vertrauen wandte sich auf Louis, für Alonzo hatte sie nur Phrasen und achtungsvolles Bezeigen. Einmal als die Rede von einem jungen Ausländer war, den man früher in Paris gekannt und liebenswürdig gefunden hatte, sagte sie mit wegwerfender Bitterkeit, es ist ein Fremder! ich achte ihn ohne ihn zu verstehn, man versteht niemals das Fremde. Ihr blick flog an Alonzo vorbei, er sah sie erröten, er fühlte, dass sie mit Absicht redete. Ihm ward sehr beklommen. Er suchte Blansche. Sie war in ein Nebenzimmer getreten und spielte gedankenvoll mit den Fingern gegen die Fensterscheiben. Was ist es, Blansche, sagte er dringend, was hier im Dunkel gähnt, was ich kommen höre? Sie wenigstens dürfen mich nicht täuschen wollen. Blansche schlug die Augen zum Himmel auf. Sind Sie einig mit sich, lispelte sie leise, was ängstet sie? was kann kommen, das Ihr Herz bezwänge? O um Gottes willen, Wahrheit, rief er heftig, nackte, trockene Wahrheit? ich verstehe sie nicht, ich will sie nicht verstehen, diese dunkle Andeutungen! Von Ihnen will ich es hören, Blansche, Sie sollen mir es sagen, dass Sie, dass alle wortbrüchig waren, dass Sie Herz und Leben zerreissen, zertreten, dass alles frühere Lüge und Possenspiel war, dass Sie das heilige Wort zurücknehmen. Blansche sah ihn warnend an, hüten Sie sich, Alonzo, sagte sie, dass Sie es nicht z u r ü c k g e b e n . Sie war fort, ehe er sich besinnen konnte. Einen Augenblick darauf sah er sie lächelnd neben Andren stehen. Sie war ihm ein Rätsel. Ihr blick traf dann und wann bittend und beruhigend auf den seinen, er wusste ihr nicht zu antworten, seine Unruhe wuchs mit jedem Augenblick.
Frau von Saint Alban streifte im Vorübergehen an seinen Arm. Sie sah entschuldigend zu ihm auf, sein düsteres Auge begegnete dem ihrigen. Die alte Rührung flog über ihr Gesicht. Sie neigte den Kopf etwas seitwärts und mit lieblich weicher stimme sagte