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überaus bewegliche, feine Züge. Ohne Unruhe oder ängstigende Ueberfülle in ihrem Wesen zu spüren, empfand man doch eine höchst empfängliche, stets mit V i e l e m beschäftigte Seele, ihre redende Physiognomie reflektirte das Aussen- und Innenleben in ununterbrochener Berührung, und schien nur auf diesem Wege die Sicherheit der Reife erlangt zu haben. Man fühlte sich ihr gegenüber behaglich angeregt, zu Teilnahme und Mitleben getrieben. Blansche im Gegenteil war hoch und schlank, ihre stillen, edlen Züge strahlten im Frieden unangeweheter Jugendblüte, die schwimmenden blauen Augen empfingen ihr sanftes Licht nur von der Eintracht innerer Unschuld und Güte. Der gang, die Bewegungen waren leicht, doch leise und eben, nirgend eine Spur leidenschaftlicher Heftigkeit, und zog auch eine dunkle Frage, eine unverstandene Bangigkeit durch sie hin, so perlete wohl ein Tränchen in den Augen, aber der ruhige Einklang des holden Ganzen blieb ungestört. Man konnte sie Stundenlang sehen, empfinden, ohne sich etwas anderen als wachsender Liebe, freudiger unbekümmerter Hingebung bewusst zu werden, ihre anmutige Nähe war durchaus beschwichtigend und heiter.

Das eine schöne Kind, sagte der Herzog zur Schwester gewandt, ist dir allein noch geblieben. Ach Türgis! mein Türgis! rief Frau von Saint Alban aufs lebhafteste erschüttert. Alle Freude war aus den Blikken, aus der Seele plötzlich weggewischt, sie konnte sich kaum fassen und die Erinnerung über das wunde Herz hinziehen lassend, lehnte sie, das Tuch vor den Augen, den Kopf abwärts von dem Bruder, an einen Wandpfeiler. Der Herzog sah fragend auf Blansche. Diese entgegnete leise, um die Mutter zu schonen: mein Bruder fiel ohne Zweifel in Spanien, wir haben seitdem nicht wieder von ihm gehört. Im Dienste des Tyrannen? unterbrach sie der Herzog heftig. Blansche senkte die Augen. War das nicht zu vermeiden? setzte er begütigend hinzu. Es gibt Verhältnisse, Herr Herzog, sagte Blansche schüchtern, die Augen noch immer nicht aufschlagend, welche das Gefühl bezwingen und uns harte Pflichten auflegen, mein Bruder hat das sehr bitter empfunden. Die Ehre, gutes Kind, erwiderte der Oheim, ist immer die erste Pflicht: Ach, seufzte Blansche, ich hörte den armen Türgis wohl sagen, in unserm unglücklichen Frankreich habe man nur die persönliche Ehre zu retten. Dem jungen redlichen Gemüte bleibe glücklicher Weise noch der Degen sich selbst einen Weg damit zu bahnen.

Der Herzog spielte, vor sich hinsehend, mit dem Stock auf den Teppich. Hm! sagte er, halb in Gedanken, die Jugendfreilich, sie will lebenes ist ein Unterschied, man sucht eine Wirksamkeit, einen Namen, und dann die Fesseln der Zeit, alles Hohe und Grosse in den Staub getreten. – Ach! rief er aufblikkend, hätte er seinen König gesucht! Bruder, sagte Frau von Saint Alban, das trübe Gesicht seitwärts nach ihm hingewandt, er hat wohl seinen Gott gefunden. Der Herzog schloss sie sehr gerührt in die arme und äusserte sich beruhigend und liebreich über ihren gerechten Schmerz.

Es gelang ihm auch bald diesen zu mildern, man kam nach und nach wieder in die vorige heitere Haltung zurück. Die kleine Erschütterung hatte sie unbewusst einander genähert, ein jedes hatte sich, vom Gefühle überrascht, unbewunden geäussert, man kannte, man schätzte sich in der bezeugten Treue fester Gesinnungen. Entstehendes Vertrauen windet unwillkührlich ein Band nach dem andern vom Herzen los, man will sich in jeder Beziehung lieb werden, und alles was im wohlbegründeten verhältnis vielleicht unberührt liegen bliebe, tritt hervor, und macht sich Luft. Frau von Saint Alban hatte tausenderlei zu sagen und zu fragen, der Herzog seiner Seits manches aus seinem abgerissenen, zerstückelten Leben zu ergänzen. Die letzte Vergangenheit lag beiden gleich nahe. Vieles wurde von den Sorgen und der Angst, von der heftigen Bewegung geredet, welche grossen Umwälzungen stets vorangeht, alles ward noch einmal durchempfunden, und so kam man auch auf heute und gestern. Frau von Saint Alban konnte den Eindruck nicht genugsam beschreiben, den der Anblick des Königs auf sie gemacht habe. Sie sagte, es sei ihr ein Zittern durch alle Glieder gegangen, die Knie habe sich von selbst gebeugt und ohne es zu wissen, hätte sie das Domine salvum fac regem mitgesungen, wobei ihr nicht anders gewesen, als rolle dumpfer Donner über ihr hin und die Erde schwinde unter ihren Füssen. Beiden Geschwistern war es zugleich unbegreiflich und höchst rührend einander unerkannt so nahe gewesen zu sein. Frau von Saint Alban wusste überall nicht viel von dem was um sie vorgegangen war und wie ihre Tochter so plötzlich von ihrer Seite kam. Sie äusserte sich über diesen letzten Vorfall mit behaglicher Liebe für Blansche und einer Art mütterlichen Triumpfs. Viel, sagte sie, gebe ich darum, den jungen Fremden noch einmal wiederzusehen, ob er gleich meinen Dank etwas frostig und spröde von sich wies. Hieran, fuhr sie fort und an den richtigen, ohne Accent, gleichwohl etwas langsam und feierlich gesprochenen Worten habe ich den Deutschen oder den Spanier erkannt. Und grade in diese beide Nationen, just weil sie u n s so hassen, bin ich ganz verliebt. Es war Charakter in der Physiognomie, mein Bruder, das versichere ich dich, sehr viel Charakter, und eine Melankolie und eine Weltverachtung, die unsere Teilnahme immer anregt, wäre es auch nur um den stolzen, kalten Sinn zu bezwingen.

Blansche war während dem an das Fenster getreten und knüpfte in bunten Seiden allerlei Figuren und Bilder,