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Gemisch von Galanterie, gutmütiger Treuherzigkeit und neckendem Volkssinn sprühete auf eigene Weise an sein Gemüt. Er glaubte eine Einsicht in den Volkscharakter gewonnen zu haben. Der Duft frischer Jugendzeit wogte noch in dem alten lied. Die anmutigen Gestalten französischen Ritter- und Heldentums traten höchst lebendig in ihrer feinen, jovialen Sitte in seine Erinnerung zurück. Er glaubte noch verwandte Elemente in dem Herzog und Türgis entdecken zu können. Er dachte an die ritterlichen Könige, an die rührenden Worte Ludwig des Achtzehnten vor seinem Einzug in Paris: die Religion allein vermag mich diese Dornenkrone auf mein greises Haupt zu setzen. Er sah das würdig stille Angesicht, er fühlte den Kampf und die Leiden der geweiheten Königsfamilie, tiefe Ehrfurcht erfüllte ihn. Er war milder gegen alles, was er sah. Er ging heute in die Variétés au françois, er glaubte sein Unrecht gegen Frau von Saint Alban nicht genug abbüssen zu können. Das reizende, ergreifende Spiel grosser Künstler bezwang seine strenge Abneigung! Vieles ward ihm hier klar, was ihm im Leben verwirrte, die Funken originellen, treffenden Witzes sprüheten fast blendend umher, der behende, flüchtige Verstand wagte die raschesten Flüge, er riss die Bewunderung um so eher fort, als niemand vor sich selbst zu besteh'n, zurückbleiben wollte. Alonzo glaubte sich dem allem mehr und mehr verwandter, je mahnender er zur Teilnahme gezwungen ward. Er stand im Begriff noch heute an Blansche zu schreiben, sich selbst hart anzuklagen, das arme schöne Herz durch Ungestüm und schroffen Ernst erschreckt zu haben. Er wollte es ihr bekennen, dass er alles zu hoch und trübe und gewaltsam genommen, dass er es empfinde, wie im erkennen fremder Eigentümlichkeit der Friede im Leben aufgehe, es schien ihm der Gedanke an Versöhnung mit allem, was dem lieben geschöpf angehörte, so süss, er wollte ihr das sagen und noch vieles andre, wovon sein Herz voll war, als ihm eine Einladung des Herzogs, diesen zu Frau von Saint Alban zu begleiten, die Hoffnung gab, Blansche morgen zu sehen, und in der alten Eintracht und dem schönen, wechselseitigen Vertrauen mit ihr und ihren Freunden. Er schrieb jetzt nicht. Er dachte und malte sich die Stunden nächster Zukunft in dem Gewinn schwankender, unruhiger leidenschaft bald lockend, bald ängstigend aus, die Bilder flossen ungewiss in einander, und er musste sich zuletzt fragen, was von dem allem darfst du denn wünschen, betörtes Herz?

Sechszehntes Kapitel

Alonzo sass schon über eine Stunde Blansche in höchster Spannung gegenüber, ohne ihr ein Wort sagen zu können. Unter mehrern Anwesenden war ein junger Verwandter um sie beschäftigt, in dessen leisem altfranzösischen Wesen sie sich mit der unbefangensten Heiterkeit ausnehmend zu gefallen schien. Sie nannte ihn Louis, und Frau von Saint Alban mein armer, kleiner Vetter, mit einem Ton, der die Teilnahme und das Vertrauen herzlicher Gesinnungen ganz rücksichtslos aussprach. Der junge Mann trug den Lilienorden, war von edler Familienbildung, und sachten, etwas schüchternen Manieren, die eine kleine Beimischung des Fremdartigen und Ausländischen an sich trugen. Auch war er über dem Rhein erzogen. Der Kampf erweiterter Bildung und schmerzlich empfundener, unaustilglicher Blutsverwandtschaft hatte trübe Jahre hindurch tiefe Furchen in die junge Stirn gedrückt und das reiche, dunkel wallende Haar hin und her gebleicht. Oft nach den launigsten Ausbrüchen sanken seine Züge plötzlich zusammen, es lag dann eine Trauer auf diesem Gesicht, die nicht sehnsucht, nicht Rückerinnerung, die Lebenserfahrung im allgemeinen so wunderbar erzeugte. Frau von Saint Alban hob ihn auf alle Weise heraus, die übrige Familie suchte ihn mit Frankreich zu befreunden, wohin er erst seit kurzem zurückgekehrt war, man neckte ihn und verspottete seine gemischten Sitten. Eine hübsche pikante Brünette sagte mit bedeutendem Seitenblick auf Blansche, er werde sich wohl nach und nach entgermanisiren, man erlaubte sich manche Anspielung auf sein verhältnis in der Familie, deren Aeltester er nach des Herzogs tod ward. Er pflegte denn wohl mit einem komischen Seufzer, O du mein Gott! auszurufen und durch einen burlesken Gedankenspruch Spott und Laune auf etwas Anderes zu richten. Er redete etwas gepresst, die Gedanken rissen sich nur mühsam von dem inneren los, dafür gab er aber auch mit jedem Wort ein Stück Herz in den Kauf. Frau von Saint Alban rief mal auf mal: wie gut er ist! Die kleine Brünette aber konnte sich nicht entalten, ihn auszulachen, und die ausländischen Sonderbarkeiten und die eigne behutsame Weise, wie eines solchen, der stets anzustossen oder zu fallen denkt, aufs lebhafteste zu rügen. Sie flüsterte Alonzo zu, Louis nehme sich aus wie ein altfranzösisches Bild, das man in Deutschland unter Glas und Nahmen geschoben und ihm glauben gemacht habe, es sei ein deutsches Kunstwerk. Er passe sich eben deshalb nicht recht in französischen Zimmern und über dem Rhein wittere man doch auch den Franzosen in ihm. Ich mag es nicht leiden, setzte sie hinzu, wenn man sich so verschieben lässt und am Ende nirgend zu haus ist. Deshalb hasse ich auch die meisten Nordländer, die uns zu Liebe ihre Nationalität aufopfern, h i e r nicht geachtet und d o r t nicht verstanden, was wird aus ihnen? Gleichwohl sagte Alonzo, dem die schönen Lippen die Worte anmutig ins Herz lächelten, steht nicht zu leugnen, dass viele Ausländer durch stete Uebung eine gewisse Meisterschaft in der französischen Eleganz errungen haben, die doch anzuerkennen und von Ihnen, gnädige Frau, zu loben wäre. Zu loben? rief sie heftig, weshalb denn