werden? Kann irgend etwas mein Bild in Ihrem Herzen verrücken, so stand es niemals fest und dann möge es nur lieber gleich zerbrechen."
Der eben ausgesprochene Gedanke trat so lebhaft auf ihn zu, er sah ihn so entsetzlich an, dass er ganz gelähmt und erschrocken die Feder wegwarf und nun auch nicht wieder mit sich zurecht kam.
Des folgenden Tages eilte er mit jenen Zeilen zu Blansche, in der Absicht sie ihr heimlich einzuhändigen. Die kleine Scheu vor Frau von Saint Alban konnte ihn nicht zurücke halten. Im Gegenteil empfand er einigen Stolz, ihr so frei und unbekümmert unter die Augen zu treten. Er traf Blansche allein. Sie schien etwas überrascht ihn zu sehen, doch war sie nicht unruhig, noch verlegen. Er gab ihr das Blatt. Sie sah ihn gross an, an mich? fragte sie, von Ihnen? Was können Sie mir denn zu sagen haben, das ich so blöde, so ängstlich in diesem Papier einwickeln müsste? Lesen Sie, bat Alonzo. Sie faltete kopfschüttelnd das Blatt auseinander, und es vor sich hinlegend, las sie, den Kopf in die Hand gestützt, sehr langsam und genau, ohne durch irgend eine ängstliche Anstrengung die klarheit ihrer Züge zu trüben. Alonzo ging während dem heftig auf und ab. Zuweilen blieb er stehen, sah sie dringend an, oder zählte ungeduldig die ablaufenden Sekunden an der Wanduhr. Jetzt hatte sie geendigt. Sie legte das Blatt sorgfältig in seine Falten zurück, und verschloss es, ohne aufzusehn in dem Nähetischchen. Alonzo fasste ihre Hand. Sie sah ihn lächelnd an; was sind Sie nur so unruhig, sagte sie mit anmutiger Freundlichkeit. Sie tun so viel fragen, lieber Alonzo, ich weiss nicht, wie ich das könnte, ich habe eine ausserordentliche Scheu vor dem Ausgesprochenen, lassen Sie doch dem geheimnis, das bisher waltete, ferner seinen stillen gang. Sie wollen mir entgehen, Blansche, unterbrach sie Alonzo hier, Sie wissen mir nichts zu antworten, Sie selber sind unsicher. Freilich, entgegnete sie leutselig, Sie könnten mich ängstlich machen, ich habe Sie so nicht erwartet, ich glaubte Sie auf das Unvermeidliche gefasst, Sie sind so entzweiet mit allem, so unsicher, wo ist denn die überzeugung und die Treue, die allein beglücke? Von welcher überzeugung, Blansche, fiel Alonzo ein, reden Sie hier? Von der einfachsten und natürlichsten, die es gibt, von der Wahrheit des Wesens, das Sie liebend in ihrer Seele tragen, Alonzo, mein Freund, können Sie zweifeln und vertrauen zugleich? Sagen Sie mir, Blansche, hub Alonzo nach einigem Besinnen an, was soll ich bei so widerstrebenden Verhältnissen für ein Opfer von Ihrem Mute erwarten dürfen? Täuschen wir uns nicht; es ist plötzlich ein gewaltsamer Riss zu Ihren Füssen entstanden, Sie sind allein mit mir am jenseitigen Ufer, dortin das Jugendland, die Mutter, die Freunde, Blansche, werden Sie mich nicht auch verlassen wollen? Was drängen Sie doch, rief Blansche wehmütig, unser verborgenes Dasein so hastig in das bunte Leben hinein, und geben ihm die dreiste Figur und Sprache! Ach mein Freund, die Scheu, die ich davor habe, sagt mir, dass wir niemals aus dieser Verborgenheit hinaus sollen. Also doch! rief Alonzo heftig, Sie selbst verweisen mich zu ewigem Verstummen, zu Entsagung und Tod! Was Blansche, was denken Sie aus mir zu machen? Wollen Sie den Ueberlästigen aus Ihrer Gegenwart verbannen? Oder soll ich in verzehrender Glut ein ängstliches, peinliches Leben auf- und abwinden, ein Leben, in welchem Streit und Zorn das einzig Lebendige ist? Das einzig Lebendige? rief Blansche mit gefaltenen Händen, o Herr, mein Gott, so lehr du ihn doch, was Leben ist!
Frau von Saint Alban war herein getreten. Sie warf einen schnellen, scharfen blick auf Blansche, der dann blitzartig an Alonzo vorüberflog. Sie schien gerührt, gereitzt, heftig und schnell wieder besonnen. Sie wusste das Gespräch am rand der Vertraulichkeit hinzuhalten, Alonzo hatte sich just nicht zu beklagen, gleichwohl schwebte etwas Aengstigendes im Hinterhalte, was gern herauswollte, und nur der gelegenheit ermangelte. Man wehrte diese ab, denn niemand hatte Lust es zu einer Erklärung kommen zu lassen. Frau von Saint Alban war Meisterin der Conversation, sobald Sie es wollte. Es schien, sie könne ihrer inneren Bewegung plötzlich Einhalt tun. Mit Gewandteit fasste sie jedes Aeussere an, warf es hin und wieder, und machte es in der Wechselberührung der Laune und des Witzes nach und nach zu etwas, das unterhielt, ohne zu beschäftigen. Alonzo vergass an ihrer Seite einen kurzen Augenblick, was seine Seele so schwer belastete, was aus der Ferne drohete, was zum teil schon ganz nahe war. Die flüchtigen Worte wirbelten sich so leicht wie ein gefälliger Tanz an ihm hin, und stahlen seinen Beifall und sein Wohlgefallen, ohnerachtet des Disperaten ihres beiderseitigen Verhältnisses. Zum lachen gezwungen, vergass er leicht worüber und verlor ein paar Stunden an einem Spiel, dessen absichtlichen gang er weit entfernt war zu ahnden. Als er endlich durch Blansches schwebenden gang und ihr lautloses Verschwinden aufgeschreckt ward, verliess er Frau von Saint Alban etwas wüst und betäubt, ohne ins Klare über sie und sich selbst kommen zu können.
Auf den Strassen sang man das Couplet auf Heinrich den Vierten. Er hatte das tausend und tausendmal gehört, heute frappirten ihn die Worte angenehm. Das höchst wunderbare