Seele unangefochten! Sie senkte das Gesicht in beide hände, und blieb einige Sekunden still, drauf sich zu Alonzo wendend und ihn sanft vom Boden aufhebend, fuhr sie zutraulich fort: mein Freund, ich weiss wenig von der Welt, ihre Verhältnisse sind mir meist unverständlich und was sich dunkel und verworren um mich her getrieben, macht mich nicht begierig mehr zu erfahren. Was das Leben von mir fodern wird, es wird es mir ja sagen; ich will es gefasst erwarten. Was aber in mir lebt, – Sie haben den stillen Gedanken Worte gegeben, ich hege keine Scheu es auszusprechen, ja Alonzo, in mir lebt Ihr Bild, es hat mein ganzes Herz genommen, und ich widerstehe der sanften Gewalt nicht. Geht es Ihnen auch so, so lassen Sie uns in dem inneren, geheim gehaltenen Verkehr beglückt und heiter sein, vertrauen Sie Gott, lassen Sie das Uebrige kommen, noch weiss ich gewiss, ist die Stunde nicht da, wo die Welt, wo ein Mensch ausser uns darum wissen darf. Alonzo wagte nicht zu sprechen, sie anzurühren, seine ganze Seele war in ihr, doch Wort und Bewegung schien ihm zu roh, zu kühn für dies durchsichtig helle Wesen, ihre Blicke flossen lautlos in einander, die Lippen verschlossen den allzudreisten Klang.
Frau von Saint Alban war wieder hineingetreten. Sie fand Alonzo gedankenvoll, ohne Worte. Freundlich, mit höchst liebenswürdiger Beschämung, die Hand auf seine Schulter gelegt, sagte sie: hat mein rasches Gefühl Sie vorher beleidigt, armer Freund? Ich habe es schon längst vergessen, dass Sie nicht immer zu uns gehörten, wollen Sie, dass ich Worte und Gefühl beherrschend, mich absichtlich daran erinnern soll? – Alonzo war viel zu bewegt, um an irgend etwas ausser Blansche und an sein Glück zu denken. Mein Gott, entgegnete er zerstreut, ich glaube, es ist überall Friede, im Himmel und auf Erden, was bleibt uns noch zu wünschen übrig? Freilich, sagte Frau von Saint Alban, Sie haben wohl recht, man ist lange nicht durchdrungen, lange nicht entzückt genug über diese Himmelsgabe! Aber so ist das Herz, niemals gnügt ihm das Eine, das Höchste, es zieht sich mühsam herab in den Streit hinein, es kann nicht Ruhe halten. Nun, Alonzo, nicht wahr, wir streiten nicht mit einander? Nein, gewiss nicht, gnädige Frau, rief er hastig, bei Ihnen ist Liebe und Güte und eine Welt voll Glück. Er war im Begriff mehr zu sagen, Blansche sah ihn warnend an. Frau von Saint Alban war wieder mit sich selbst Eins und über das Vergangene beruhigt. Alonzo allein wusste nirgend hin mit dem gedrängten Herzen, wie im Taumel redete er lebhaft und confus, küsste mit immer wachsender Innigkeit verschiedentlich Frau von Saint Alban die Hand und rettete endlich die überströmende leidenschaft vor allzu bedrohlichem Ausbruch durch frühes Entfernen.
Vierzehntes Kapitel
Es war gescheh'n, der Bund war geschlossen. Was Alonzo noch vor wenigen Wochen ein frecher Spott über sich selbst geschienen hätte, war Schritt vor Schritt heraufgedrungen, hatte sich Bahn gemacht, stand ausgesprochen vor ihm, und hatte seine Gewalt über ein andres Wesen ausgestreckt, das zu ihm gehörte, das von nun an Pflicht und Ehre an sein Herz legten, das er nicht mehr lassen konnte.
Er erwachte des folgenden Morgens etwas schüchtern, ohne rechtes Vertrauen zu seinem Glück, zu sich selbst. Sein Stolz war geknickt, er verhüllte sich in den Zweifel an menschliche Kraft überhaupt. Er fing an, der notwendigkeit ein furchtbares Recht über Tat und Gedanken einzuräumen und sah mit Unsicherheit dem fortrollenden Rade der Zeit kein Ziel.
Philipp hatte ihm einen teil seiner Sachen zum Aufbewahren zurückgelassen. Auch das unvollendet gebliebene Bild. Es stand auf einem Tischchen, die Rückseite nach aussen, gegen die Wand gelehnt. Alonzo hatte es schon mehrere male betrachtet, und immer wieder mit einiger Unruhe abwärts gestellt. Unausgeführte Gemählde haben stets etwas schauerlich Rührendes. Das unerschaffene geheimnis liegt noch wie ein Schleier darüber, das ausgesprochene Leben hat kein Recht daran. Dies Bild ganz besonders sah wie ein Geisterhauch aus der dunkeln Traumwelt herüber. Alonzo ward immer bewegter, je öfter und länger er es ansah. So ist es, rief er sehr erschüttert, so ist es, aufwärts rufst du den blick, unter dir, auf der trüb bewegten Welle ist nicht Halt, nicht Raum für des Menschenfuss. Das steile Ufer, der kahle Strand, alles glatt und schroff und zurückweisend, nirgend wo der Mensch dem Menschen begegnen mag! O läge ich, wo Türgis liegt, wir wären wohl weniger getrennt! Weisses Nachtwölkchen mit den blendenden Schmetterlings-Schwingen weisest du dahin? Mahntest du nicht umsonst, bleicher warnender Todtenvogel? – Er setzte das Bild schweigend an seine Stelle, und den bangen Druck im inneren los zu werden, ging er, sich an Aeusserem zerstreuend, in die Stadt umher.
Der Friede war bekannt gemacht, der Abmarsch der Truppen bestimmt. Die Freude der Franzosen gewann mehr und mehr ein übermütiges Gesicht. Des rettenden Schutzes uneingedenk, die lästigen Mahner armen Unvermögens verwünschend, bläheten sich aufs neue viele in Eitelkeit und Hochmut. Was man nicht ungeschehen machen konnte, wollte man doch wenigstens lächerlich machen. Vertrauen, Mässigung, ritterliche Treue, alles ward durch solche verhöhnt, die mit behender Gewandheit, mit gespanntem Scharfsinn über alles jenes hinaus ein einziges Gesetz übten und ehrten, die es sich täglich