und eilte dann fort zu seinem Geschäft.
Alonzo sah ihm nach. Ob es Philipp, ob es ein Bote des himmels, der eben geredet, war, er wusste es nicht, sein Herz bebte, er wollte ihm folgen, – doch tröstlich war es ihm zugleich, dass er ihn nun nicht mehr erreichen konnte.
Dreizehntes Kapitel
Alonzo erfuhr bald, dass Frau von Saint Alban mit ihrer Tochter im Kloster Sainte Genevieve sei und dort die stille Trauerzeit zuzubringen denke. Er war noch in den bangsten Zweifeln, ob er sie dort aufsuchen dürfe als eine Einladung der liebenswürdigen Frau ihn schnell über alle Unsicherheit hinaushob. Sie schrieb ihm:
Mein armer junger Freund. Ich muss Sie sehen, wir gehören von nun an zusammen, das Unglück verbindet uns; denn mein Gott! wie unglücklich müssen Sie jetzt sein! Ich habe alle die Zeit mit wahrem Schmerz an Sie gedacht. Und ich Alonzo – ich? denken Sie nicht, dass Sie mein Gefühl begreifen, dass Sie es nur entfernt ahnden können! Wie ich an dem fürchterlichen Tage die Augen aufschlug! wie es Nacht war und Nacht blieb, wie es an meinem Herzen riss und ich es mit aller Lebenskraft halten wollte! Es ist gescheh'n, es ist vorbei! Das Herz ist mir aus der Brust gefallen, sie ist seitdem ganz hohl und leer, nur Blansches Bild schwankt noch drin umher. Das arme Kind! sie lernt so frühe weinen! Die Augen sind ihr so trübe, die Wangen so bleich, matt und krank die stimme, der gang langsam und schleppend. Ich sah das mit neuen Sorgen, aber ich habe noch keine Kraft zur Angst, wie müsste ich sein, um ein neues Unglück fassen zu können, Sie werden das alles lesen, die Tränen werden Ihnen in die Augen treten, Sie werden glauben mitzufühlen! Ach mein Herr, der Schmerz der hier wühlt, zittert nur matt in einer andern Seele wieder! Die Einbildungskraft schafft das nicht, die natur sträubt sich es vorher zu offenbaren, nur wenn das Schicksal sie beschleicht und zwingt, dann tritt sie aus aller Ordnung und wird entsetzlich!
Ich lerne jetzt die Worte recht verachten! sie beschneiden das Gefühl, es kommt ganz eng und matt heraus. Ein Ton, – ein einziger Ton! O Gott, was sagt der nicht! Zuweilen, wenn es mich so befällt, das Namenlose mich packt, ich in der Angst die hände krampfhaft zusammenpresse, und ein Schrei aus meiner Brust dringt, dann beben selbst der Engel Seelen, die Heiligen weinen, und Menschen ahnden, was ein Mutterherz spaltet und zerbricht!
Alonzo, der graue Mantel ist nun doch niedergefallen! sie haben ihm das liebe Gesicht verhüllt. Das schwere Kleid liegt auf ihm. Vielleicht erbarmt sich der Frühling und streuet leichte Blumen darauf.
Wie ich sonst wohl sein Bett sorgsam zurecht legte, jedes Fältchen aus den Tüchern strich, die Vorhänge zuzog, Luft und Zug abwehrte, so hüte ich nun sein Grab, pflanze und begiesse und spiele Leben, aber kein Auge dankt mir, keine Lippe öffnet sich nicht mehr!
Ich hätte unrecht vor Ihnen so zu klagen? Nein, nein, Sie dürfen es hören, Ihre Seele ist rein von aller Schuld, das schwöre ich! Aber auch seine? nicht wahr Alonzo, auch er ist gereinigt?
"Gott weiss es, ich liebe Sie jetzt mehr als sonst. Sie sind mir ein schmerzliches Andenken; und der Schmerz tut mir so wohl! Kommen Sie denn mein trüber, armer Freund. Ich erwarte Sie."
Es bedurfte der herzerschütternden Worte nicht, um Alonzos ganzes Wesen gefangen zu nehmen. Er hatte ja schon lange keinen andern Wunsch, keinen andern Gedanken mehr. Das Unglück, was er über diese Familie gebracht, erschien ihm so ungeheuer, dass sein Leben nicht hinreichte es auszugleichen. Von jetzt kannte er keine andre Pflicht als die Tränen zu trocknen, die er ausgepresst. Er hielt sich dazu für berufen. Umsonst hatte ihn das Verhängniss nicht so wunderbar gestellt.
Kaum hatte er die letzte Zeile gelesen, so flog er zu Frau von Saint Alban. Sie schrie laut als sie ihn sah. Er stürzte zu ihren Füssen, er drückte ihre hände an seine Brust, seine Augen lagen bittend auf den ihrigen. Sie weinte ohne ein Wort hervorbringen zu können, doch ihm unter den Tränen freundlich zulächelnd, war sie bemüht, Friede in das allzubewegte Herz zu giessen. Blansche stand in grosser Anstrengung abwärts. Mit der einen Hand das herabhängende Batisttuch haltend, stemmte sie sich gegen ein Tischchen, die andre spielte in einer neben ihr stehenden Cypressenstaude. Ohne Verrückung der ruhig klaren Züge, flossen die Tränen perlend über ihre Wangen, die Augen senkten sich zur Erde, ein bleiches Rot flog an sie hin, als sie schüchtern aufsehend, Alonzos rührenden Blicken begegnete. Er sah sie leicht beben. Das war der Strahl, so fühlte er, der ihre Seelen auf ewig vermählte.
Frau von Saint Alban hatte sich schnell gefasst. Sie zeigte sich ruhiger als es Alonzo erwarten durfte. Mit unaussprechlicher Güte hob sie ihn vom Boden auf, hiess sie ihn neben ihr sitzen. Alles Liebkosende und Süsse ihrer stimme wandte sie an, um jede Scheu, jede Besorgniss aus seiner Seele zu wischen. Wie sie nun so herzlich bemühet war, ihn zu beruhigen und der düstere Zweifel doch nicht von seiner Stirn weichen wollte, sagte sie: denken Sie nicht,