sie sich seit drei Tagen zum erstenmale trennte, ging alles so sacht und eben, so grade und notwendig zu, dort freuete man sich auch, aber anders, stiller, innerlicher, sie wusste gar nicht wie ihr hier war, sie glaubte zuletzt, der tolle Strom werde sie unbarmherzig mit fortziehn.
Endlich waren sie vor der Kirche. Der Wagen hielt. Mit zitternden, wankenden Knieen traten sie in den Dom. Es waren eben noch nicht viel Menschen hier versammelt. Die Meisten trieb es nach Aussen hin. Frau von Saint Alban kniete vor einem Betpult, Blansche an ihrer Seite, beide, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Augen geschlossen, beteten unter leisen, immer wachsenden Schauern, je näher der heranrollende Freuderuf den Namen des Königs an ihr Ohr trug. Jetzt trat Ludwig der Geprüfte unter die leinene Halle. Sein würdevolles, edles Angesicht entfaltete sich heiter als er zwischen den geteilten Reihen hingetragen, nun vor dem Hochaltar, den heiligen Boden betretend, niederkniete, und das Gebetbuch aus des Erzbischofs Händen empfing. Die Wunder einer grossen, unerhörten Zeit, die Gewalt göttlichen Willens, der mit dem König so sinnlich nahe trat, die tief empfundene heilige Scheu vor dem Geweiheten des Schicksals, zügelte die taumelnden Sinne. Minutenlang ward kein Atemzug gehört, blick und Minen lagen in heiligen Banden, Blansche sah zitternd vor sich nieder. Jetzt ward das: Domine salvum fac regem angestimmt, ihr schwindelte, sie schlug die schönen blauen Augen auf, die Kirche war gepfropft voll, die gepresste Luft trat ihr zum Herzen, die Töne schienen in wunderbaren Gestalten an ihr hinumzuziehn, ängstlich umblickend streiften ihre Augen an einem jungen Mann vorüber, der sich nach ihr hinwandte und sie mit Teilnahme betrachtete. Die Haltung seines Kopfes war überaus edel, er hatte die arme übereinander geschlagen und schien in jeder Bewegung gehalten. Die ganz schwarze Kleidung und das aufwärts gehobene, nach einer Seite der Stirn hingeworfene, bläulich schwarze Haar gab ihm zudem ein düster ernstes Ansehn. Blansche zitterte heftiger, die Sinne vergingen ihr, sie fühlte sich zusammensinken, als sie ein starker Arm umfasste und sie gewandt und schnell an dem königlichen Gefolge hin, nach der Halle trug. Sie atmete tief an des fremden Mannes Brust, sah dankbar in seine dunkle melankolische Augen, und fühlte sich alsobald von ihm verlassen an der Seite einer ältlichen Frau, dem königlichen Leibarzt gegenüber, der ihr geschäftig die Schläfe mit starken Wassern rieb, und sie wohlmeinend der frischen Luft entgegenführte.
Sie erholte sich bald, doch sie fühlte sich mit Bangigkeit allein unter Fremden. Sie schrie laut auf und stürzte ihrer Mutter, die sich endlich zu ihr durcharbeitete, schluchzend und mit einer Freude in die arme, als hätten sie Jahre getrennt.
An einen Pfeiler gelehnt, das Gedränge an sich vorbeilassend, erzählte Blansche in grosser Bewegung ihr kleines Abenteuer, während sie Armand und den Wagen erwarteten. Die Mutter war voll Dankbarkeit, voll Ungeduld, den grossmütigen Ritter ihrer Tochter zu sehen, als Blansche rief, das ist er! das ist er gewiss! Frau von Saint Alban teilte die Menge, erreichte, fasste den jungen Mann – und liess nun ihr volles Herz in reichen Wortströmen überfliessen. Der Fremde dankte bescheiden, doch einsilbig und nachdem er gefragt, ob er noch nützlich sein könne, entfernte er sich unter etwas stolzer, ernster Verbeugung; die Tochter wie die Mutter sahen ihm gedankenvoll nach und fuhren, jedes in sich beschäftigt, nach haus.
Drittes Kapitel
Als Blansche am folgenden Morgen zu ihrer Mutter kam, fand sie einen ältlichen fremden Herrn, im dunkeln Frack mit dem Ludwigskreutz im Knopfloch neben ihr sitzen. Frau von Saint Alban rief, sogleich auf sie zueilend, mit unglaublicher Schnelligkeit: der Herzog, dein Oheim, liebste Blansche, der so lange Jahre mit seinem König auf fremdem, unheimatlichen Boden lebte und litt, er ist in alle seine Würden wieder eingesetzt, er liebt uns wie immer, er will unser Glück; wir werden künftig bei einander wohnen und alles, alles Leid ist vergessen. Sie drückte die Tochter heftig an sich, und warf sich dann in grosser Rührung an des Herzogs Brust. Dieser erwiderte schweigend, mit liebreichem Ernst und herzlich wohlmeinender Geberde der Schwester rasche Freude, indem er sich etwas beeilte die junge anmutige Nichte in angebohrner Galanterie und höfisch bequemer Sitte zu begrüssen.
Blansche besass jene anmutige Verbindlichkeit der Worte und Minen, welche schnell in ein unbefangnes verhältnis setzt. Ihre Blödigkeit schwand sogleich vor einer tief empfundenen inneren Berührung, es blitzte dann etwas von der Lebhaftigkeit der Mutter hervor, doch weniger glühend, eher wehmütig heiter. Die grosse Unschuld ihres Sinnes hielt noch jeden herben Lebensstreit fern, welcher Leiden schafft und über die grenzen vollständiger natur hinausstreift. Doch öffnen sich die Tiefen des Daseins oft vorahndend in jungen Gemütern, und machen das Gefühl an sich ernst und heilig in der innerlichen Erwartung naher und grosser Lebenserfahrungen. Wenn daher der Oheim in ihr klares, weiches Gesichtchen wie in die Maientage seiner Jugend verjüngt zurücksah, so empfand sie ihrer Seits voll Ehrfurcht und Teilnahme bei seinem Anblick die schwere Arbeit der Zeit.
Der Herzog betrachtete sie mit vergleichenden Blicken auf die Mutter, es schien, er suche die Vergangenheit in neu belebten, redenden Zeichen wieder auf. Doch liess sich hier eben keine sonderliche Uebereinkunft finden. Frau von Saint Alban war von kleinem, zartem Bau und sehr lebendiger Gewandteit, ihre grossen, feurigen Augen beleuchteten in spielenden Blitzen ein bleiches Gesicht und