den Garten hinein. über dem breiten Rasenplatz hin zogen Nachtdünste in seltsamen Nebelbildern aufwärts. Alonzo war seinen Blikken gefolgt. Es ist eine tiefsinnige Bedeutung deutscher Sprache, sagte Philipp leise, dass Nebel umgekehrt Leben ist, und Eines in dem Andern liegt. So ist es ja denn auch wirklich, und erst wenn die Wahnund Trugspiele sinken, bricht die Lebenssonne an! Er hatte die Knie übereinander geschlagen, und das Gesicht in die aufgestemmte Hand gesenkt, als spüre er im inneren das Dämmern ew'ger Glorie.
Türgis griff indess unruhig mit den Händen in die Luft, dann zupfte er an den Decken und schien in Gedanken Blumen zu zerpflücken. Noch einmal schlug er die gebrochenen Augen auf, er machte eine verlangende Bewegung mit den durstenden Lippen. Der Geistliche hielt das Crucifix an seinen Mund. Blansche zitterte heftig, doch fasste sie sich schnell. Niederkniend betete sie mit Engelsklarheit, Alonzo und Philipp an ihrer Seite. Es ist vorbei! sagte der Geistliche zu den Umstehenden gewandt. Blansche richtete sich auf. Sie drückte die Hand aufs Herz. Der Atem verging ihr. Tief aufseufzend sank sie ohnmächtig an Alonzos Brust. Er hielt sie, er trug sie wie ehemals aus der Kirche. Erde und Dasein, Leben und Tod, alles was Worte nennen, schwand vor seinen Blicken. Er fühlte das arme Herz matt an seinem schlagen, den holden Leib kraftlos hingegeben in seinen Armen ruhen! Das zarte Köpfchen senkte sich gebeugt auf tiefbewegter Brust, ein scharfer Nachtauch schien es, habe der schlanken Blume wehe getan. Alonzo fürchtete sie mit seinem Atem zu berühren. Ganz leise legte er sie im Nebenzimmer auf ein Ruhebett, ein Schauder, eine Scheu wehete ihn an, er hatte sie einen Augenblick sein genannt, zum zweitenmal hatte sie Gott unter heil'ger Weihe an seine Brust gelegt, doch er durfte, er konnte sie so nicht halten, er selber liess sie aus seinen Armen los. Noch hielt er ihre beiden hände, er kniete schweigend neben ihr, kein Wort, kein laut drang über seine Lippen. Jetzt regte sie sich, sie schlug die Augen auf. Blansche, flüsterte er, sagen Sie, das Sie mir den ungeheuren Schmerz verzeihen, dass Sie mich nicht hassen! Sie sah klar zum Himmel, wie käme, sagte sie, in dieser Stunde Hass in meine Seele. Er starb ja versöhnt. Vor dem Klang ihrer weichen, rührenden stimme sprangen alle Banden von seiner Seele. Nichts mehr sehend als sie, unfähig zu denken, alles andre vergessend, rief er ganz ausser sich, so nehmen Sie denn das Opfer meines ganzen Lebens, Blansche, lassen Sie mich nur für Sie Herz und Dasein haben, verwerfen Sie mich nicht, ich bin, ich atme nur durch Sie! Aufgerichtet, innig in sein schönes Auge sehend, schwieg Blansche einen Augenblick, dann legte sie die errötende Wange wieder auf die Kissen zurück und winkte Alonzo schweigend, mit linder Güte in blick und Bewegung, sie zu verlassen.
Er gehorchte. Wie im Traume schwankte er nach dem saal zurück. Philipp stand seitwärts neben der Leiche, den einen Arm über sie hingestreckt, drückte er sanft dem schlummernden Jüngling die Augen zu, die seinen schwammen in dunkelm Glanz, er sah fast aus wie der Todesengel selbst. Der alte Herzog lehnte weinend an ein Fenster. Die Lichte waren ausgebrannt, der Morgen dämmerte fahl herein, Einer erschrack vor des Andern Leichenblässe. Armand trat ein, er nahm seinen Platz zu seines jungen Herrn Füssen, der Herzog wandte sich traurig zu den beiden Freunden, die schwere Nacht, sagte er, war überstanden, wir wollen uns alle einen hellen Morgen wünschen! Er neigte sich sehr liebreich und ging, das Taschentuch gegen die brennenden Augen haltend, aus dem Zimmer. Noch einmal fassten beide Türgis Hand, sie sahen sich gerührt an und sanken laut schluchzend einander in die arme. Schweigend, mit gesenktem blick gingen sie darauf durch den hellen, lauter werdenden Tagesschein, in der Seele schmerzliches Entzücken und die Verheissung unvergänglichen Daseins.
Zwölftes Kapitel
Es vergingen mehrere Tage, ohne dass Alonzo Blansche und ihre Mutter sah. Die Familie begleitete die Leiche nach einem unweit gelegenen Landgute. Alles war leer und öde im haus, niemand als Armand zurückgeblieben. Es gereichte gleichwohl Alonzo zum Trost dahin zurückzukehren und des Abends unter den Blumen und Bäumen sitzend, von Blansche träumen zu können. Zuweilen gesellte sich der alte Diener zu ihm. Dieser redete gern von dem frühern Glanz und der langen Prüfungszeit seiner herrschaft. Er erzählte von der Hochzeitfeier der Frau von Saint Alban, und den vielen Gästen, von seinem Gehen und Laufen, und wie die verstorbene Herzogin Mutter gesagt habe: es ist wahr, niemand in der Welt versteht zu serviren wie der Armand; worauf der selige Herr von Saint Alban lächelnd erwiderte: er hat mich stets auf meinen Reisen begleitet, er war überall in London, Wien und Petersburg mit mir, er hat die feinere Lebensart gebildeter Menschen studirt und kennt die Weise guter Häuser. Dieser Tag, der wie eine Ordensfeier in seine Dienstjahre fiel, ward denn plötzlich durch die Schrecken der Revolution verdunkelt. Er wusste von den damaligen Gräueln und der sinnreichen Bosheit der Rebellen viel zu erzählen, beweinte noch heute den König und die Königin, und schloss gewöhnlich mit der Versicherung: Ströme Blutes, mein Herr, sind hier geflossen, Ströme Blutes, sie haben die alte Zuverlässigkeit, den Respekt und die Devotion aus