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in der grossen Beweglichkeit der Züge unwiderstehliche Anmut.

Frau von Saint Alban sah liebkosend auf ihn nieder, mein bestes Kind, sagte sie, wenn werde ich dich wieder so frisch und freudig pfeifend und singend die Treppe hinauffliegen, deinen raschen Schritt durch Zimmer und Säle schallen hören. Gott weiss es, mir ist all' die Tage so still und ängstlich gewesen, wie im grab. Blansche barg das Gesicht in Türgis Kissen. Es wird alles nach grade kommen, sagte der Oheim auf- und abgehend. Ja Gottlob, fiel Frau von Saint Alban ein, den heutigen Tag darf ich als eine Crisis ansehen, heute' ist er ganz umgewandelt. Nicht wahr, Türgis, dir ist viel leichter? Viel, erwiderte der Kranke, dankbar, ihre schmeichelnde Hand mit seinen Lippen suchend. Blansche küsste ihm auf die Stirn, sie hatte ihm Früchte und Blumen, und alles was ihr junges Herz erfreuen konnte, auf die Decken gelegt. Er sah sie liebreich an, auf seinen Lippen schwebten die herzlichsten, süssesten Worte, doch schwieg er, und liess die Blicke in stiller Rührung an sie hingleiten. Als sie aber aus Furcht ihn zu hindern, zurücktrat, hielt er sie bei der Hand: bleibe so, sagte er leise, deine sanfte Nähe tut mir wohl. Ueberall ängstete ihn das zerstreuete Umhergehn im Zimmer. Er wollte niemand entfernt wissen, und sah es gern, als der Teetisch dicht an sein Bett geschoben ward, und alle nun ruhig umhersassen.

Frau von Saint Alban war von der sorglosesten Heiterkeit. Ein wenig vorgelehnt, mit übereinandergeschlagenen Armen, sass sie recht behaglich da, und sprach von Türgis Krankheit wie von etwas, das nun überwunden, nur noch in der Erinnerung schrecklich sei. Ein Vorgefühl von dem, was mich treffen würde, sagte sie, hatte ich doch wohl. Mir träumte, ich sah Türgis ganz klein in seiner Wiege liegen. Ich wollte ihn putzen und trug allerlei veraltete Stücke Zeug und staubigen Wust herbei. Sehr geschäftig hielt ich das zusammengetragene prüfend gegen das Licht. Eins kam mir ganz auserlesen vor, ich zeigte es mehreren, die umherstanden, man lobte es sehr, ich legte es zurecht, als ich es aber dem kind nun antun wollte, sah ich mit einem mal, dass es ein steifer, schwerer grauer Mantel war, ich erschrack sehr, und liess vor Entsetzen das hässliche Ding auf die Wiege fallen. Mir zitterten alle Glieder beim Erwachen, und als ich gar drüber nachdachte, und die Nacht mir das Blut rascher durch die Adern jagte, befiel mich solch ein Schauder, dass ich nicht zu atmen wusste. Früher, fuhr sie fort, habe ich niemals darüber reden wollen. Aber nun, da das Unglück geschehen und zum teil wieder gehoben ist, hat es weiter nichts zu bedeuten.

Wie gebannt lagen alle Blicke am Boden, niemand wagte die Augen aufzuschlagen, niemand sprach. Frau von Saint Alban bedachte zurücksehend das Vergangene, und blieb einen Augenblick gedankenvoll. Nach einer Weile sagte Türgis: ich vermisse ungern den jungen Deutschen unter uns, er brachte mir die erste versöhnende Botschaft von Ihnen Alonzo, ich wollte er wäre hier, mein Friedensbote! Er kommt wohl gewiss noch, entgegnete Frau von Saint Alban, denn hat er auch nicht das Ansehn die Menschen zu suchen, so kann er doch nicht von ihnen lassen. Ihm steht das etwas spröde Verschmähen im Umgang recht wohl. Der Künstler muss nicht allzuviel umhersehen, es stört ihn nur, darum liebe ich den abhaltenden Ernst, ja den ganzen wunderlichen Trotz in Philipp, der doch auch niemals die gute Sitte und den Anstand verletzt. Und denn, fuhr sie fort, hat er so innige verklärte Augen, so heilig verschämte Blicke, sein treuer Mund redet so liebe Worte. Ich bin gewiss, er hegt und bewahrt im Herzen, was Andre fahrig am Leben veräussern. Sie redeten noch mancherlei über Philipp und das Uebersehen und flüchtige Abschätzen der Jugend. Es liegt, nahm der Herzog das Wort, in dem Nichts oder Alles, dem Entweder: Oder der Jünglingsseele einzig der Keim zu festerer Lebensgestaltung. Die Verhältnisse der Gesellschaft, die Behaglichkeit des Daseins vermitteln und gleichen nachher aus, wogegen früherhin die frische Jugend in Zorn und Bewunderung aufloderte. Wir lassen es eben gehen, aber was wir empfinden und denken, es wird blass und fahl. Wer nicht über alles lieben und aus voller Seele verabscheuen kann, der denke nicht zu leben. Frau von Saint Alban legte zutraulich ihre Hand auf seine Schulter, sie dachte mit Ehrfurcht an die feste Treue seines ganzen Lebens, und wie er sich auch im wiederkehrenden Glücke nicht verleugne. Doch das Gespräch auf Vergangenes zurücklenkend, nicht allzu ernst werden zu lassen, sagte sie mit angenehmen Lächeln: nun, wenn wir Frauen uns auch nicht so streng und scharf bezeigen, so übt auch das Alter keinesweges diese niederschlagende Gewalt über uns. Ich für mein teil empfinde noch immer die lebendigste Teilnahme, ich kann mich heute wie ehemals mit derselben Lebhaftigkeit dem Schmerz und der Freude entgegenwerfen, und so ausser mir vor Entzücken und Leidwesen geraten, tadeln, loben, lieben, hassen, schelten und entschuldigen, als wäre ich achtzehn Jahr. Die Frauen, entgegnete der Herzog, mit gutmütiger Galanterie ihre Hand küssend, wollen schon höher beachtet sein. Wir sollten ihnen billig eine andre Sphäre anweisen, sie stehen keinesweges so mitten inne im Lebensverkehr, oder wissen sich doch drüber hinauszuheben, die