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gütig bei der Hand fassend, neben sich niedersetzen liess, Sie finden in mir eine herb geprüfte, viel erfahrene Bürgerin dieser Welt. Das Glück kenne ich nur trügerisch und doch bin ich nicht unglücklich. Ich müsste nach so vielen Täuschungen verzweifeln und doch hoffe ich gern, es ist mir nötig, und so oder so, am Ende geht mir doch mancher Wunsch aus, und es schickt und fügt sich mir zum Heil. Ich beweinte und betrauerte lange den einzigen Sohn. Ich gab ihn auf. Da fand ich ihn wieder. Aber anders, ganz anders, höchst fremd, und doch mein Kind. Sein Leben ward mir ein Schmerz. Ich war nicht ohne Schuld, ich hätte es denken können. Wer darf den Pestauch dieser Luft ungestraft einatmen! Unter allen Gräueln der Revolution aufgewachsen, hatte ich ihn gehegt, bewahrt und so tief ist der Grund, den ein frommer Sinn in eines Kindes Herzen legt, dass der falsche Schein nur augenblicklich weichen darf, so tritt das rechte Wesen lebendig hervor. Mein Türgis war so weich, so hold, so leicht beweglich, der Höllendämon der Armee, fasste und bearbeitete das arme, junge Herz. Mein Herr, Torheit und Leichtsinn sind Gespielen der Jugend, wer darf einen Stein auf ihn werfen? Glücklich alle die, welche ein reines Vaterland haben, und bescheidene Vorliebe und feste Treue hegen dürfen!

Sie schwieg einige Sekunden, den blick tiefsinnig am Boden geheftet. Drauf leicht und vertraulich zu Alonzo gewandt, sagte sie lächelnd, es scheint, der Himmel habe es sich vorgesetzt, unsre Bekanntschaft nicht fallen zu lassen. Zu stolz, meinen Dank anzunehmen, zwingt Sie die Vorsehung nun zum Mitleid. Sie erinnern sich, dass es ein menschliches Auge ist, dem Sie Tränen auspressten, und eilen menschlich fühlend es zu trocknen. Sie sahen, es musste so kommen, widerstreben Sie denn nicht länger, lassen Sie uns Freunde sein. Sie hatte ihre Hand mütterlich auf die seinige gelegt, Alonzo drückte sie gerührt an die Lippen. Ich bin stolz darauf, entgegnete er lebhaft, von Ihnen gnädige Frau erkannt zu sein, Sie tadeln nicht, was mich früherhin bestimmte, Sie fühlen, was mich jetzt zu Ihnen führt, und zweifeln keinen Augenblick an dem, was Sie zu unverhohlen in meiner Seele lesen.

Nun denn, sagte Frau von Saint Alban aufstehend, so ist Friede zwischen uns, und so Gott will, ein festerer als alle Politik der Welt zu schliessen vermag. Lassen Sie mich Sie nun meiner Familie vorstellen, der arme Kranke sehnt sich unaussprechlich Ihre Hand brüderlich zu fassen. Sie nahm Alonzos Arm und ging mit ihm durch mehrere Zimmer in einen kleinen Gartensaal. Türgis lag unter leichter Decke auf einem Ruhebett, den Kopf matt an Blansches Brust gelehnt. Diese hielt seine hände in der ihrigen, das Gesicht wandte sich gedankenvoll nach dem offenen Fenster. Hohe Blumen wiegten draussen die Kelche hin und wieder, Bienen und glänzende Käfer summten begehrlich an ihnen hin, der Kranke schlummerte in leichten Fieberträumen. Zuweilen hob Blansche die längliche Hand, und wehete leicht die Fliegen von des armen Türgis Stirn. Alonzo und die Mutter waren herzugetreten. Blansche wagte nicht sich zu regen, aus Furcht den Bruder zu erwecken, eine leichte Neigung des Kopfes, der gesenkte blick und das feinste Erröten begrüssten indess den Eintretenden. Alonzo betrachtete sie in stummer Ueberraschung. Die reichen blonden Haare waren in dichten Flechten aufgesteckt, Brust und arme umschloss ein knappes weisses Kleid, das Gesichtchen sah aus hohem Spitzenkragen, so schuldlos rein und friedlich wie der Engelskopf auf Philipps Bilde. Er hätte stundenlang so gegen ihr über stehen können, ohne das tiefe Schweigen in ihm und um ihn durch einen laut zu unterbrechen. Frau von Saint Alban war nicht so geduldig. Sie machte eine rasche Bewegung, Türgis schlug die Augen auf, ein leichter Schatten flog über seine Stirn, die bleichen Wangen färbten sich leise. Alonzo hatte seine Hand gefasst und sah hell und versöhnlich in die schönen, sich mehr und mehr belebenden Augen. Es ist mein los, sagte jener mit rührender stimme, Sie überall als Sieger zu sehen, Sie werden es indess begreifen, dass auch der Ueberwundene ein stolzes Herz hegen darf, und nur im wiedergefundenen Selbstgefühl sich und dem Schicksal verzeihet, ihm so gedemütiget zu haben. So gefallen und so gehoben darf ich Ihren brüderlichen Händedruck erwiedern. Alonzo ging ein tiefer Schauder durch die Seele, als er den matt gebrochenen Klang der jugendlichen stimme hörte, er sah mit bangem Herzklopfen die feinen, kaum geöffneten Lippen unter dem Sprechen beben, und als Türgis erschöpft auf die Kissen zurücksank, beugte er sich unwillkührlich ihn zu unterstützen. Frau von Saint Alban weinte in grosser Rührung, ihres Sohnes Stirn küssend, Blansche allein sah ruhig und klar auf den ritterlichen Versöhnungsbund. Es kostete ihr auch weder Anstrengung, noch spürte man einen Wechsel in ihrem Wesen, als sich nach und nach das Gespräch gewöhnlich gestaltete und alles mehr und mehr das Ansehn eines ruhig befreundeten Krankenbesuches gewann. Sie blieb unbefangen und innig, alle ihre Achtsamkeit auf den Bruder gerichtet; und teilte so den Andern eine Stille und Wärme mit, die Alle beglückte. Alonzo vergass, wo er war. Er fühlte sich ganz einheimisch, im inneren mit einer Familie verwachsen, von der er sich nur spät und mühsam losriss.

Zehntes Kapitel

Von da kostete es Alonzo weder Kampf noch Ueberredung zu seinen neuen, wunderbar gewonnenen Freunden zurückzukehren. Unwillkührlich führte ihn