Frankreich wahrhaft befreien können!
Philipp sah ihm gedankenvoll nach. Wie eitel die Jugend ist, sagte er nach einer Pause zu Alonzo gewandt, wie klug und sicher waren wir vorher, und wie stehen wir nun da! Mich ärgern meine voreiligen Worte! Leben Sie wohl, ich bin verdrüsslich, weiss nicht recht wie ich mit mir selbst dran bin. Der Hass ist von dieser Welt, aber die Gerechtigkeit ist Gottes, das fühle ich wohl! Der Krieg macht doch wüst und einseitig, es muss wieder anders werden! Leben Sie für heute wohl.
hören Sie doch, rief Alonzo ihn zurückhaltend, Sie schlugen noch so eben vor, wir sollten unsere Rollen in dieser Sache vertauschen, so ganz denke ich Sie nicht beim Worte zu nehmen, doch einigermassen müssen Sie in meiner Seele handeln. Gott weiss es, setzte er tiefsinnig hinzu, ich bin mir selbst fremd geworden, wer mag sagen, wie weit das gehen kann, ich muss mich bei zeiten zügeln, ich darf mich keiner allzu grossen Weichheit hingeben, und doch bin ich der Familie, dem braven alten mann etwas schuldig, es muss etwas gescheh'n, ich darf nicht in dieser gemessenen Zurückhaltung verharren. Wollen Sie in meinem Namen zu dem Kranken, zu der Mutter gehen? Ihnen wird es leichter sein, ein allgemein begütigendes Wort zu sprechen, ohne doch zu viel zu sagen. Sie werden das schon zu machen wissen, und verschaffen mir dadurch Zeit, mich zu sammeln. Es hat mich dies alles sehr überrascht, ich muss mich wirklich erst wiederfinden. Vielleicht begnügen sich auch die Menschen mit dieser einen Höflichkeit, sie wollen die Formen beobachtet wissen, sie vergessen nachher das Uebrige. Tun Sie es immer, lieber Philipp. Ich merke wohl, sagte dieser, es ist eine erschreckliche Sache mit den Worten, sie fallen einem so unversehens aus dem mund und verstricken nachher in Dinge, die besser fern blieben. Ohne meinen unzeitigen Spass vorhin wären Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen. Nun ich gehe, fuhr er fort, aber was daraus entsteht, setzte er mit halb verstecktem Ernst hinzu, kommt dennoch auf Sie.
Neuntes Kapitel
Alonzo vermied es auf alle Weise, mit sich zur Sprache zu kommen. Er liess die inneren Wogen über Herz und Brust zusammenschlagen, ohne viel zu rühren und zu rücken. Die beklemmende Schwüle hielt jeden freiern Lebensstrom gefangen. Das eben war ihm recht, er scheuete die eigne Kühnheit.
Gleichwohl erwartete er Philipps Rükkehr mit weit mehr Unruhe als ihm lieb war. Er wollte etwas hören, etwas erfahren, er wusste selbst nicht was? Mit jeder Minute schwoll das Verlangen, die sehnsucht immer stürmischer an. Er ging heftig auf und ab, tür und Fenster standen offen, er wollte durch kein falsches Geräusch länger getäuscht werden. Bei dem ersten Tritt, dem ersten laut seiner stimme, wollte er Philipp entgegentreten, er musste doch endlich kommen, es konnte gar nicht fehlen.
Ob der Kranke wohl noch lebt? fragte er zuweilen, mit dem allerinnigsten, tiefsten Mitleid, dazwischen drang eine andre Frage herauf, der er niemals Herr werden konnte, sie sah ihn so lange und so fest an, bis er ganz verwirrt die Hand auf die Augen drückte und nichts mehr hören und nichts mehr sehen mochte.
So quälte er sich stundenlang. Endlich sagte er ganz trotzig: mag er kommen oder nicht, was ist's weiter? – Er ging aus, und verträumte den Abend über in Teater und Caffees. Aber mitten unter den tausend Lampen, unter den fremden Menschengesichtern schlich es wie ein Gespenst heran? was ist das schlanke, weinende Mädgen dem wunden Jüngling? liebt sie den Bruder, liebt sie den Freund in ihm? Und kann sie anders als den Mörder hassen? –
Als er spät nach haus kam, erfuhr er, dass ihm Philipp aufgesucht, ihn zu sprechen gewünscht, gleichwohl etwas eilig und zerstreut, nichts an ihn zurückgelassen habe. Gleichviel! sagte Alonzo, es ist auch so gut. Doch legte er sich ins Fenster und hoffte, jener solle noch einmal heransprechen. Es blieb indess alles wie es war. Seltsam ist es bei allem dem, sagte er missmütig, dass Philipp nicht wenigstens ein paar Zeilen schreibt! wer weiss, was er mir zu sagen hatte! Es war schon tief in der Nacht. Er warf sich aufs Bett. Ihm ward unerträglich heiss. An Schlaf war nicht zu denken. Er sprang wieder auf, ging im Zimmer hin und her und griff dann in Gedanken nach der Guitarre, und da sie verstimmt war, spannte er an den saiten, und rührte in die Töne, ohne etwas mehr als einzelne Akkorde anzuschlagen. Er sass dem Nachtlicht gegen über, die Klänge hallten leise an ihm hin, ein kühler Luftauch strich durch das offene Fenster, auf den Strassen war es still geworden, Alonzo sann und spielte sich so in eine tiefe Wehmut hinein, als ein kleiner weisser Schmetterling, den man Nacht- oder Todtenvogel zu nennen pflegt, in blendenden Kreisen aus dem Dunkel an das Licht flog und vorüberschwirrend bald wieder verschwand. Alonzo wehete ein Schauer an, er wusste nicht woher noch worüber. Lange nachher kam es ihm vor, als höre er noch das Schillern der bleichen Flügel, er griff deshalb stärker in die saiten und stimmte zuletzt unter lautem Begleiten der stimme einen Choral an, vor dem seine Seele sich hob und dehnte.
Er hatte die