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, aber, als habe sie Gottes blick getroffen, so riss der Himmel die Wahrheit an das Licht, bei der raschen Bewegung glitt das Bild aus den Schleiern hervor und sah ernst und finster von ihrem Herzen auf die erstaunte Menge hin. Die Unglückliche hatte alle Besinnung verloren, sie welkte von da in einem wahnsinnigem Traume hin, der ihr niemals gestattete, das Gelübde wahrhaft abzulegen.

Antonie aber ward wie eine Heilige auf ihr Zimmer getragen. Ich hatte Mühe, dem Ueberlaufenden Zudringen zu wehren. Sie schlief indess viele Stunden einen festen nätürlichen Schlaf, und hatte, wie immer, keine Erinnerung von dem ganzen Vorgange, ja ihre ersten Worte vielmehr waren: nun sie sagt ja nichts! als horche sie auf das abzulegende Gelübbde, von welchem sie sich längst etwas Grosses versprochen und mich oft danach gefragt hatte.

Späterhin erfuhr ich, dass Antonie stets ein Uebelbefinden in der Nähe der armen Schwester spürte, und als sie einst das goldene Kettchen auf ihrem Busen schimmern sah, fuhr es ihr stechend durch den ganzen Körper, so dass sie laut ausschrie. Doch als man sie nach der ursache dieser Bewegung fragte, verschwieg sie sie aus geheimer Scheu. Von dem Bilde indess wusste sie wachend nicht, wie es in ihre Seele kam? – Hier trat der Köhler herzu und benachrichtigte sie, dass viel Kriegsvolk im Anmarsch sei, und so viel er von fern gesehen, glaube er, dieselben Truppen zu erkennen, welchen sie in der Nacht begegneten. Er empfahl Allen Stille und Zurückgezogenheit, da es nicht wahrscheinlich sei, dass sie dem Kloster vorbeiziehen werden, ohne es zuvor zu durchsuchen, er seiner Seits habe sogleich Wagen und Pferde in Sicherheit gebracht, indem er sie in die unter den Speichern befindlichen Gewölbe gezogen und verborgen.

Die äbtissin war sehr erschrocken und voll bittren Unwillens, sich noch in den letzten Stunden ihrer harten Prüfung gefährdet zu sehen. Doch vor allen bezeigte sich Antonie unruhig. Sie ging heftig hin und wieder, und äusserte den lebhaften Wunsch, selbst auf den obern Turm zu steigen, um den Zug der Krieger zu beobachten; ja als das wüste Lärmen dieser schon näher auf sie zudrang, war sie kaum von ihrem Vorhaben abzubringen.

Indess hörte man bald in den obern Gängen Fusstritte schallen, Türen wurden aufgesprengt, drauf tobte es wild in der Kapelle, heftige Kolbenstösse, von lautem Viktoriaruf begleitet, verkündeten den Umsturz und die Verstummelung geweiheter Gefässe und Heiligenbilder; das Gewühl wand sich bald über, bald neben den Gefangenen, plötzlich drang das Stampfen vieler Pferde zu diesen hinunter, ein dumpfer Trompetenstoss schmetterte durch die Hallen, alles lief wild durcheinander, viele drängten sich die Treppen zu den Gewölben hinunter, als eine einzelne Menschenstimme dicht neben ihnen ein lautes Commandowort rief. Antonie fuhr auf, stürtzte bis zu dem Eingang der Halle, und blieb mit ausgebreiteten Armen dort knieend, als das Getöse mehr und mehr fernabbrauste, und sich dann gänzlich verlor

Niemand als der Vater hatte Antonien in dem Augenblicke beobachtet, er selbst war, wie von der gebietenden stimme angezogen, vorgetreten, und als nun alles ruhig war, standen sich Vater und Tochter nahe und reichten einander die hände, wie solche, die sich auf einem Wege begegnen, ohne zu wissen, wohin dieser führt? –

Ob nun gleich die nahe Gefahr vorüber war, so blieb es doch für jeden ungeraten, sich sogleich hervorzuwagen, und das Kloster jetzt zu verlassen. Die Unruhe auf den Heerstrassen zwang sie, die Nacht abzuwarten. Es ward ihnen auch nicht schwer, die Zeit bis dahin mit vorbereitenden, der Gegenwart zuvoreilenden, Gesprächen auszufüllen. Jedes war durch den letzten Ueberfall auf eigene Weise in Nachdenken oder Sorgen versenkt. Marie sah ganz still und schüchtern in sich hinein; auch der Marquis richtete seine Gedanken auf die unsichere Zukunft. Antonie nur schien mit dem eben Erfahrenen beschäftigt. Es ist fürchterlich, sagte sie, von Wesen bedroht zu werden, denen unser Auge vielleicht nie begegnen wird! und wie man sonst wohl unterirdische Geister scheut, so hatten wir das zu fürchten, was unsichtbar über uns sein Wesen trieb! über oder unter uns, sagte die äbtissin, noch immer sehr erschüttert und ungewiss über das Nächste, es ist ewig der Ring des Schicksals, aus dem wir nicht heraus können! Ring des Schicksals! wiederholte Marie, ihr fiel dabei ein wirklicher wahrhafter Ring ein, ihre kindisch-spielende Phantasie führte ihr goldene Ringe und goldene Tage vor die Sinne, Gedanken rankten sich an Gedanken, eine liebe, heitere Welt tat sich vor ihr auf, und sie dachte vergnügt, dass dennoch eine Zeit kommen könne, welche ihr den Schmuck des Lebens zuführen werde. Die äbtissin hingegen fuhr in grosser Bewegung fort; es ist gewiss, man verliert den Mut zu handeln, ja zu denken, wenn man es steht, auf wie morschem grund des Menschen Werke stehen! Bedurfte es mehr, als der Frechheit niederer Rebellen, um das zu zerstören, was Jahrhunderte erzeugten! Was hat dieser Zeitmoment nicht alles untergraben, was spurlos vernichtet! Und wie es einem gesegneten, arg- und sorglosen volk im Allgemeinen erging, so ergeht es täglich jedem Einzelnen, ob auf Frankreichs oder Chinas Boden! und keinen, keinen gibt es, der nicht das Spiel seiner Hoffnungen, ja seiner Vorsätze, ein ganzes Leben hindurch wäre! Mit Schaudern betrat ich vor vielen Jahren diese Schwellen, und nun mir die Tore geöffnet sind, was bietet mir die Welt anders, als