, und eine unruhig in seiner Seele heraufdämmernde Zukunft, versetzte. Er redete, wie immer, ausserordentlich schnell, leise, und mit geringer Bewegung der kaum geöffneten Lippen; so dass der Ton seiner stimme einem fernen Säuseln glich, und um so grässlicher eingriff, wenn ihn einzelne Erschütterungen, unversehns wie Sturmgeheul, hoben. Seine Worte fügten sich leicht und kunstlos: aber mit der seltsamen Behendigkeit laut denkender, sich alles aussprechender Gemüter, zu einem ganz eigentümlich wogenden Strom der Rede zusammen. Ohne seinen Entschluss für die Zukunft bestimmt hinzustellen, verbreitete er sich mit der sinnlichsten Erfasslichkeit über die schaudervolle Zerrüttung seines Vaterlandes und das verhältnis jedes Gutgesinnten zu diesem; der rasche Lauf seiner Rede entführte ihn zuletzt sich selbst, er sagte Worte voll prophetischen Inhaltes, vor denen sich die äbtissin scheu abwandte. Marie hielt diese freundlich umfangen, und folgte mit geschäftigem blick den ungekannten schnellen Verschlingungen des Gesprächs. Antonie ging Gedankenvoll auf und nieder; zuweilen betrachtete sie die schönen, jetzt durch Alter und fortwährendes arbeiten der Seele, scharfausgesprochenen Züge ihres Vaters. Auf das Gespräch achtete sie wenig: mehr aber auf die Blitzartigen Bewegungen des Marquis, vor welchen sie oft, wie davon getroffen, die Augen schloss und mit verschränkten Armen dastand, als wolle sie das fremde Bild vor die inneren Spiegel tragen, unfähig es sogleich zu erkennen.
Noch, sagte die äbtissin, den Marquis abwärts führend, läge mir ob, Ihnen in allgemeinen Unrissen das Bild Ihrer Kinder zu entwerfen und so das schnellere Verstehn aller Teile zu erleichtern, doch glaube ich, überheben Sie mich dieser, ohnehin gewagten, Arbeit. Beider Erscheinung sagt vieles, und, ich leugne es nicht, die Hand würde dem Herzen folgen, das aber ist nicht frei von Parteilichkeit. Antonie steht allen, auch mir und der Schwester, fern. Ich habe sie nie verstanden, und wage es nicht, sie zu ahnden. Schon als Kind war ihre Nähe ängstend. Am Tage träumend, ohne Lust und Teilnahme zu Spiel und Arbeit, war Nachts im Schlafe ihre Seele wie geflügelt, sie erzählte gehörte und nicht gehörte Dinge; und ging zum Entsetzen der Klosterfrauen durch die langen Gänge, zur Kapelle, wo sie vor einem Schrein, in welchem das Muttergottesbild steht, knieend, das Salve regina und Stabat Mater mit heller tönender stimme sang. Oft fanden wir sie noch in den Frühmetten umherschleichend, oder sie gesellte sich im Schlafe zu uns, und fand jedesmal ihren Platz an meiner Seite. Erweckten wir sie, so war ihr von allem dem keine Erinnerung geblieben, und sie schien unsern Worten sogar keinen Glauben beizumessen. Da ihre Gesundheit indess durch diese Naturunordnung litt, so war ich genötigt, dem Rat erfahrner ärzte gemäss, zu strengen Züchtigungen meine Zuflucht zu nehmen, und ich heilte sie auch wirklich von diesem krankhaften Schlaf, der ihr oftmals die heftigsten Uebel zuzog. Doch scheint die, einmal in ihren Grundfesten anders gebildete Organisation, stets einen eigentümlichen gang zu gehen! Antonie fällt zu zeiten, am Tage, in jenen dem Nachtwandel ähnlichen Zustand; welchen noch kein Arzt recht verstand, ihn entweder zu hoch, ausser der Sphäre medicinischer erkenntnis, oder zu tief, in die klasse gemeiner Verstellungskunst, hinabsetzend. Wie wenig letzteres nun hier der Fall ist, bewies schon sehr frühe ein Vorfall, der mir stets unvergesslich bleiben wird. Eine junge Novize sollte ihr Gelübde ablegen. Der Tag war festgesetzt. Die Heiligkeit, wie der äussere Schein der Feier, zog Fromme und Neugierige herbei, ganz ungewohntes Leben regte sich um die Kinder, deren Gemüt durch Hin- und Wieder-Reden, Vorkehrungen und Erwarten aufs höchste gespannt war. Endlich schlug die Stunde. Der Zug brach auf nach der Kapelle, die, voll gepfropft von Menschen, der scheidenden Himmelsbraut noch ein letztesmal das Bild der bunten Welt vor die Sinne führte. Diese schwankte in sichtlicher Bewegung zu den Stufen des Altars. Ein drückender Dunst zitterte durch das Gebäude und schien mit den reinen Klängen der Orgel und den hallenden Menschenstimmen zu ringen. Ich weiss selbst nicht, wie mir so bange und beklommen ward, noch weniger, wie es kam, dass Antonie, von der Hand ihrer Aufseherin losgemacht, zu mir hintrat. Sie sah mit scharfem blick auf die Novize, und als diese niederkniete und sich anschickte, ihr Gelübbde abzulegen, die Musik schwieg, und kein Atemzug aus der dichten Volksmenge gehört ward, schlang Antonie beide arme über die Brust, und sank wie tot zu meinen Füssen. Ich hob sie erschrocken auf, richtete ihr den Kopf in die Höhe, sie hatte beide Augen geschlossen und vollkommen das Ansehn einer Schlafenden. Wie ist Dir Kind? fragte ich leise, den Andern kaum hörbar, aber sie sagte, langsam und sehr deutlich, mit einer stimme, die aus keiner Menschenbrust, nicht über Menschenlippen zu kommen schien, tief wie aus dem hohlen inneren einer Maschine: heisst ihr, das Bildniss wegwerfen, das sie an goldner Kette im Busen trägt, es drückt mir das Herz entzwei! Ich neigte meinen Mund, so verwirrende Worte abwehrend, auf den ihrigen, aber sie rief fast schreiend: heisst ihr das Bild wegwerfen, es ist eines Mannes Bild, ich ertrage den Schmerz nicht länger! Dumpfes Murmeln rollte durch die Versammlung, plötzlich wiederholten viele Stimmen Antoniens Gebot. Der unruhige Strom wogte immer näher und näher heran, ich wollte die Angeklagte retten, und drängte mich zu ihr hin, sie flüchtete scheu an meine Brust