umher, hielten Wegelagerung und waren die grausamsten Verfolgerinnen ihrer Beute. Spindel und Nadel ruheten, das Schwerdt half ertrozzen, was diese mühsam erwarben. Aber mehr noch als Geldgier und Rache war Misstrauen das Schreckensgespenst, das vor jeglichem herging, und mit seinem Pestauch die Lebensluft vergiftete. Es zerschnitt plötzlich Vertrauen und Zuversicht und verwirrete die reinsten Verhältnisse.
Unversehns hatte es auch den Marquis erfasst, die düstere Verwilderung um ihn her hatte in diesem den unheimlichen Gedanken erwerkt, dass der Köhler abgeschickt sei, ihn vor irgend ein Blut-Gericht zu lokken, dass man ihn dort der Zauberei angeklagt habe, sein verborgenes Wesen indess scheue, deshalb keine Gewalt gebrauchen wolle, und sich der List bediene.
Was zu Anfang nur in dunkler Beklemmung sein Herz zusammenzog, arbeitete sich immer deutlicher und kenntlicher herauf, wie er den Gedanken nur einmal ins Auge fasste. Jede Bewegung des Köhlers ward ihm verdächtig. Er bewachte ihn mit gespannten Blikken und steigerte seine Angst, vorzüglich gegen die Nacht, auf eine Weise, dass die wildesten Mordbilder seine Seele durchzuckten. Der stille Schlaf des müden Mannes schien ihm die abgefeimteste Heuchelei, und ein verruchtes Mittel, ihn selbst zu ähnlicher Hingebung anzulocken. Dahin liess es nun die geängstete natur auf keine Weise in ihm kommen, das fühlte er wohl, indem er sein Ahnungsvermögen pries, welches ihn zu rechter Zeit vor Gefahr warnte. Diese ward ihm aber so gewiss, dass er entschlossen war, umzuwenden, und nach dem schloss zurückzufahren. Indess schwankte er noch, und verweilte einen Augenblick bei der Möglichkeit, das allgemeine Elend könne ihn sehr zur Unzeit scheu und voreilig machen, als ein neuer unerwarteter Auftritt seine ganze Aufmerksamkeit gefangen nahm und ihn zwang, auf das Nächste und Gewisseste hinzusehn.
Ihr Weg führte sie an dem schloss des Baron C l a i r v a l vorbei, welcher mit einer Schwester der verstorbenen Marquise vermählt war. Unzähligemal kamen die jungen Frauen in der schönen Sommerzeit des kurzen Eheglückes der Marquise hier zusammen. Der Baron, voll gemütlicher Fröhlichkeit, reich, grossmütig, gastlich, sinnreich im Genuss der Zeit, zog Freunde und Bekannte in seinen heitern Kreise. Die jugendlichste Lebenslust trieb hier ihr freudiges Spiel. Teater, Bälle, glänzende Aufzüge, mutwillige Verkleidungen, gesellige Intriguen, Freundschaft und Liebe, alles durcheinander, füllte hier Herz und Sinne vieler sorgenfreien, lustigen Menschen, denen sich die Welt, wie eine Knospe, plötzlich im Frührot des Lebens öffnete. Der Marquis insbesondere sprühete seine Feuernatur in tausend glühenden Funken umher, wohin diese fielen, zündeten sie, und strömten bewegliches Leben durch die gesellige Lust. Ihn selbst erfüllte nur e i n Gefühl, Vergötterung der jungen, bildschönen Frau, und heftiges Verlangen, diese unauflöslich an sich zu ketten, zu bannen, durch alle Künste geheimnissvoller Liebeszauberei. Damals spielte dies Verlangen nur noch auf der frischen, farbigen Blumendecke des Lebens. Die Aufmerksamkeit des geliebten Weibes immer neu und gespannt auf sich zu heften, zeigte er sich dieser in mannigfacher Gestalt. Sein reiches Talent, die Gewalt und brennende Kraft seines Willens, gaben ihm tausend Mittel dazu. Er war furchtbar herrlich in der Tragödie, blendend und fast verwirrend im magischen Zauber ausgewählter Aufzüge, zierlich, gewandt bei Tanz und Spiel, und unwiderstehlich fortreissend in der leidenschaftlichen Glut seiner Liebe. So überfüllte und zersprengte er denn auch das zarteste Herz, das sich in jenen Tagen unbefangen an das seine legte. Seitdem sah er das Schloss nicht wieder. Mit allem, was ihm sonst gelacht, zerfallen, blieb ihm das gastliche Gebäude verschlossen. Jetzt war es bis auf seine Grundsteine geschleift, Lust- und Fruchtgärten lagen verschüttet, wo sich einst die heitern Zimmer dem vertrautesten Menschenverkehr eröffneten; wo Musik, befreundete gespräche und der Liebe leises, berauschendes Geflüster erklangen, da brannten jetzt Wachtfeuer, ein republikanisches Chasseur-Regiment nebst Infantexte-Bataillon stand dort auf dem Bivouac, Gesindel aller Art hatte sich hinzugesellt, viel abenteuerliche Gestalten lagen neben dem Auswurf des Pöbels um dampfende Kessel frisch geschlachteten Fleisches, freche Lieder schallten durch die Luft, zwischen den Feuern sah man die Carmagnole unter wütenden Verdrehungen tanzen, dazwischen schrieen ganze Schaaren Raubvögel, die gierig auf die ekelhaft umhergeworfenen Eingeweide des getödteten Viehes niederfielen, an den Seiten hielten Vedetten zu Pferde und zu Fuss. Eine derselben, ein Infanterist, vertrockneter, dürftiger Statur, in weiten Lumpen hängend, mit seltsam aufgeputztem Helm, dessen Flügelartige Schutzleder von Tigerfell sich um das gelbe, abgeflachte Gesicht legten und es bewahrend einschlossen, brüllte den Reisenden sein qui vit? entgegen. Dem Marquis, dem Vergangenheit und Gegenwart, wie zwei gegeneinander fassende Dolche ohnehin in die Seele schnitten, geriet durch den widerlich-trotzigen Anruf ganz ausser sich, er sprang auf, griff nach seinen Waffen, und war im Begriff, ein Pistol abzudrücken, als der Köhler sich über ihn warf, seine arme fest um ihn schlang und dem Vorposten zurief, er bringe den wahnsinnigen Bürger Villeroi in Verwahrung in das Hospital nach S t . F o n s . Der Marquis schrie bei diesen Worten laut auf, und der Köhler hatte alle Mühe, sich seiner versichert zu halten, als der Republikaner ungestüm den Pass zu sehen verlangte. Da kam ein junger schöner Mann, in reicher Uniform, auf stattlichem Pferde, an den Wagen gesprengt, und gebot mit überaus milder stimme, den Unglücklichen fahren zu lassen, der sichtlich hülfe bedürfe. Der Ton dieser stimme fiel wie Balsam auf des Marquis innere Wunden