in sich hinein, sie konnte nicht beten, nicht weinen!
Die Sonne neigte sich bereits, und warf ihre Strahlen scheidend über den Strom, als mehrere flache Fahrzeuge, von jungen Weibern geführt, mit Wäsche beladen, an das Ufer stiessen. Die Schifferinnen befestigten ihre Kähne, traten mit den weissen, nackten Füssen, auf einzelne freiliegende Steine des Walles, und flink und munter spülten sie das Linnen in dem klaren wasser. Das Klatschen der Wäsche schien den Takt zu ihren Liedchen zu schlagen, die sie frohen Mutes, mit schönen, hellen Stimmen sangen. Diese Töne, welche aus dem wasser heraufzusteigen schienen, lockten zuerst Tränen aus Antoniens Augen. Ihr gränzenloses Elend, wie das ganze, verfehlte Streben ihres krankhaften Daseins, fiel mit solcher Gewalt auf sie nieder, dass sich ihre Sinne verwirrten, und sie kaum noch wusste, wo sie sei, und was in ihr vorgehe. Fast war die Sonne hinunter, weisse Nebelkreise stiegen über die Wiesen, jenseit des Stromes herauf; bald dampfte das wasser in dichten Wolkenwirbeln, der Abendvogel zog schwirrend vorüber, die Stimmen dort unten klangen noch. Jetzt sangen sie das Lied von einer Zauberkönigin, die einem armen, schönen kind den Buhlen entführt, ihn in Liebesnetze verstrickt, durch böse Kunst an sich gekettet hält, bis diese sich verzweifelnd in die Wellen stürzt, und jeden Abend den Treulosen aus flüsterndem Rohrgesäusel an sich ruft. Die Stimmen schweigen plötzlich, denn eben jetzt rauscht es zitternd durch die schwankenden Rohrhalme. Antonie fährt schreiend in die Höhe, die Weiber, vom land stossend, sahen sie, wie sie mit drohender Geberde aus dem wüsten Gemäuer heraufblickte, und verhüllten Gesichtes gleiten sie pfeilschnell die Rhone hinunter. Antonie bleibt regungslos, wie verzückt, stehen, das Herz stockt ihr in der Brust, sie kann kaum noch atmen, das Blut scheint in den Adern zu kochen, sie greift krampfhaft umher, in der Angst fasst sie den Dolch, und stösst ihn langsam, langsam, sich an dem Stahle kühlend, in die kranke Brust hinein.
Ihre Augen waren noch nicht geschlossen, als, nicht weit von ihr, zwei Männer in der abendlichen Dämmerung auf dem Gestein niedersassen. Antonie richtete sich in die Höhe: Adalbert! rief sie schwach, er schwankte, von dem Andern geführt, zu ihren Füssen. Das wasser rauschte, wie an jenem Abend, neben ihnen, der Mond warf, wie damals, seinen verklärenden Schein auf Antonien, sie sagte stark, mit aufwärts gewandtem Auge: ich gebe Dich frei, Adalbert! dann sank sie, auf immer verstummend, an die Trümmer ihres Stammhauses nieder.
Achtzehntes Kapitel
Der Marquis hatte sich indess ungewöhnlich gegen Abend erholt, er sass aufgerichtet im Bett, Marie auf einem Fussbänkchen neben ihm, das Kind lag in blendend weissen Tüchern auf ihrem Schooss, seine grossen Augen schon hell nach dem Lichte wendend, durch das offne Fenster strichen angenehme Luftzüge, die nahen Pappeln und Linden schütteten ihren Blütenduft in das Zimmer, Marie tändelte leise mit dem Knaben, der Marquis sah lächelnd auf beide, und redete viel und heiter mit der Baronin und dem Herzoge, welche ihren Platz zu den Füssen des Bettes genommen hatten, der Arzt reichte ihm von Zeit zu Zeit einige Tropfen mit Wein vermischt, und bezeigte sich überall sehr aufmerksam. Nicht lange, so schlief der Kranke erschöpft ein. Da klopfte es an der Tür, sie ging auf, und es traten zwei Männer in Uniform herein. Auf das Geräusch schreckte der Marquis in die Höhe. Das Erste was ihm in die Augen fiel, war jene Gestalt, welche ihm bei Schloss Clairval in den Weg trat, er fuhr heftig auf, lass mich! schrie er, rühr mich nicht an! der kranke Bürger Villeroi geht zu den Barmherzigen im Himmel! Ich transportire Verwundete, erwiderte jener ruhig, wie zum Rapport, der brave Camerad hat bei Lodi was weggekriegt, er kann den Säbel leider Gottes nicht mehr führen, die rechte Hand ist ihm entzwei geschossen, er soll sich bei den Seinigen ausheilen. Ich will mich ausheilen, sagte Adalbert leise mit abgewandtem Gesicht. Seine stimme rief dem Marquis den jungen, schlanken Chasseur-Offizier in diesem Augenblick zuerst wieder zurück. Mein guter Engel! rief er betroffen, Du, Adalbert! Marie lag schon längst auf ihren Knieen, das Kind mit aufgehobenen Händen Adalbert entgegen haltend, dieser schwankte zu ihr hin, er kniete ebenfalls vor dem kind, beide Eltern spiegelten sich in dessen hellen Augen, ihre Tränen mischten sich auf den zarten Händchen, die damit zu spielen schienen. Dieser Tau wusch alle fremde Bilder aus Adalberts Seele, rein und heilig, drückte er Frau und Kind an sein Herz, das er Marien auf immer wiedergegeben fühlte. Alle waren wie neu geboren, der Herzog segnete erst jetzt mit freier Brust die Verbindung seines Sohnes ein, Marie schwamm in Freudentränen, sie war wieder ein seliges Kind geworden, sie schmiegte sich zärtlich und liebkosend an Vater und Freunde, als der finstere Kriegsmann einige Schritte vortrat, und mit seiner barschen stimme sagte, ich wollte nur melden, dass draussen bei dem alten Mauerwerk ein Frauenzimmer in ihrem Blute liegt, die hineingeschafft werden muss. Todesbote! rief der Marquis entsetzt, der Herzog und der Arzt stürtzten zum Zimmer hinaus, Adalbert sah bleich zur Erde. Ist sonst noch etwas hier zu tun? fragte dessen wilder Camerad, Adalbert winkte verneinend mit der Hand, und jener verliess sie