sein konnte, sie hatte nichts daran auszusetzen. Sie mochte alle Menschen glücklich denken! Marie trug sie auf den Händen. Um alles hätte sie Adalbert herzaubern, ihr ihn wiedergeben, Antonien beruhigen, schadlos halten mögen! Sie hoffte deshalb manches in dem zärtlichen Ungestüm ihres Herzens, was sie sich selbst nicht anzugeben wusste, da auch wirklich kein eigentlicher Ausweg zu finden, kein Trost bei dem gänzlichen Mangel an Nachricht über Adalbert zu erteilen war. Marie behielt indess Mut, und die stille Ergebung, welche es ihr allein möglich machte, Antoniens zerreissenden Schmerz zu ertragen, der diese befiel, so oft sie Marien ansichtig ward. Die arme Marie zog sich dann bescheiden und sanft zurück, und weinte oft im Stillen über den unbegreiflichen Widerspruch der natur, welcher der Einen das zur Pein werden lasse, was das einzige und höchste Glück der Andern sei. Sie fragte auch wohl ihre Freunde, wie sich die immer wachsende Verwirrung lösen, wie alles enden solle, und diese wussten sie dann freilich einzig auf Gott zurückzuführen, der einmal alles so zugelassen habe, und es nach seinem Willen fügen werde.
Der Marquis aber war weder so gelassen, noch in dem Unvermeidlichen gefasst. Ihn verliess zu Anfang der alte Glaube, als sei er zur Wiederauffindung der magischen Kräfte seines Stammes ausersehen, auch keinesweges. Nur hatte er, wie immer, durch seine Zeit getrieben, einen neuen Weg einschlagen, und indem er sich in die Aussenwelt wagte, rührte diese auf eigene Weise an sein Inneres. Er ward unruhig über das Vergangene, es irrte und störte ihn, besonders der Anblick des alten Schlosses, das er auch mit einer Art von Scheu vermied. Er wandte sich nun mit grosser Heftigkeit in die Zukunft, und strebte ängstlich, das langsame Wenden des Zeitmomentes zu überfliegen. Alles sollte schon da, alles zum Empfang des Kindes, das aus seinem Blute ausgegangen war, bereit, und er im stand sein, dieses in seinen Geheimnissen auferziehend, zur Blüte einer neuen Welterrlichkeit zu bilden. Doch erschreckte ihn unter solchen Vorstellungen oft plötzlich Antoniens gespenstisches erscheinen. Sie schlich wie ein Spuk an dem Schlossgemäuer hin, und sah verwirrend aus dem alten Leben herauf. Dem Marquis war zuweilen, als sei mit ihrer Geburt der natur Gewalt angetan, und das längst Verschollene freventlich ans Licht gerissen worden. Er gedachte dabei der Stunde ihrer Geburt, des damaligen Aufruhrs seiner Sinne, der Marquise, ihrer Leiden; Mariens herannahende Niederkunft mischte sich beengend unter diese Bilder, er fühlte sich plötzlich in Erinnerung und Erwarten zerrissen, in keinem Zeitpunkt seines Lebens behaglich froh. Die verarbeiteten Kräfte erschöpften sich endlich in dem steten Kampfe; er verfiel in eine Abspannung, welche, von einem abzehrenden Fieber begleitet, Alle, und besonders den Arzt, für sein Leben bange machte.
Um diese Zeit ward Marie sehr leicht und glücklich von einem Knaben entbunden. Am nemlichen Tage erhielt der Herzog die bestimmte Nachricht, dass Adalbert bei der Armee in Savoyen fechte, und ihnen folglich nahe sei. Doch wollte er, im Augenblick des eben eröffneten Feldzuges, sein Gemüt nicht durch eine Nachricht erschüttern, von der es nicht wohl voraus zu sehen war, wie sie ihn treffen werde. Er begnügte sich daher, ihm zu schreiben, dass sie alle nach Frankreich zurückgekehrt seien, und er selbst vor der Hand noch auf den Gütern des Marquis bei diesem lebe. Zugleich bat er ihn dringend, sobald als möglich etwas Näheres von sich hören zu lassen, und sowohl ihm, als seiner Familie, über seine gegenwärtige Lage Auskunft zu geben.
Antonie geriet durch die Nähe des Geliebten, wie durch des Kindes Geburt, in den allerentsetzlichsten Zustand. Ihr Abscheu gegen die neue wohnung trieb sie jetzt noch rastloser im Freien umher. Stundenlang lag sie wimmernd auf dem alten Gestein, und breitete ihre arme über die Rhone hinaus, dem armen Vertriebenen entgegen. Wie ausgestossen von aller Welt brachen sich ihre Klagen an den zusammengestürzten Mauern. Der Strom rauschte ernst dazwischen, und schien ihr aus der Tiefe Antwort zu bringen. Oft lockte sie sein wogendes Bett, doch fühlte sie sich starr und wie eisern in den Gliedern, sobald sie sich dem wasser zu sehr nahete. Sie hatte ähnliche Wirkungen schon früher, Zeitenweise, verspürt, es ging ihr fast auf ähnliche Weise damit, wie mit dem Berühren der Metalle, vorzüglich bei hellem Sonnenschein. Doch wie auch der Fluss selbst aus der Ferne auf sie wirkte, sie konnte von ihrem Lieblingssitz auf der hohen Terasse nicht lassen, ob sie es gleich zum öftern durch verstärkten Herzkrämpfe und die peinlichste Angst büssen musste. Hier war sie allein, hier trat ihr Adalbert nahe, hier war er ihr eigen, daheim war alles ungestaltet, das Leben, ihr Herz, zerrissen! Vielleicht stockte das arme Herz einmal auf immer in dieser seligen Abgeschiedenheit!
Siebenzehntes Kapitel
Es war Ende Mai, drei Wochen nach der Schlacht bei Lodi, dass Marie ihren Knaben taufen, und ihn nach ihrem Vater nennen liess. Der Marquis war so schwach, dass er das Bett nicht mehr verliess, und die heilige Handlung vor diesem verrichtet werden musste.
Antonie hatte sich nur mit Mühe während derselben im Zimmer erhalten, sie stürzte verstört hinaus, und warf sich atemlos auf die Schlossterrasse nieder. Gott hatte das Kind in seine Liebesarme aufgenommen! Die Versöhnungsworte waren über dasselbe ausgesprochen, es war geheiliget, ihr Recht auf Adalbert vernichtet, der natur geheimnissvolles Walten blieb ein unentworrenes Rätsel. Sie starrte finster