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aufspringend, ein Unrecht gegen Sie durch ein grösseres gegen mich selbst aufheben zu wollen. Man gewinnt nie sogleich durch die erste veränderte Stellung das verlorene Gleichgewicht wieder, aber ein französischer Ritter hat es noch immer gefunden, wenn es die Ehre gebietet. Ich denke, es zweifelt niemand an mir, sagte er, zuversichtlich umhersehend, die kleinen Wolken auf der Stirn wird der ruhige Tagesschein bald wieder wegwischen. Er grüsste anständig, und verliess einigermassen zufrieden mit sich selbst, den Schauplatz einer kurzen, ziemlich hart bestraften, Torheit.

Sechzehntes Kapitel

Der Marquis ward gleich bei seinem Eintritt in Frankreich auf eigene Weise überrascht. Was er auch bis dahin von der neuen Verfassung gehört, was er selbst darüber gelesen hatte, er fand kein eigentliches Bild dafür in seiner Phantasie. An die Vorstellung des Gesetzlichen, der wiederbegründeten Ordnung, reihete sich unwillkührlich die Erinnerung des ehemals Bestandenen. Es blieb ihm stets das Alte, er mochte es zurecht legen und stellen wie er wollte.

In dieser dunklen, wenn auch nicht ausgesprochenen, Erwartung, betrat er jetzt französischen Boden. Sitte und notwendigkeit hatten nach grade genauere Schranken gezogen. Eine jede Tätigkeit fand ihre eigene Sphäre. Betriebsamkeit und tüchtiges Wesen suchten überall wieder zu schaffen, zu erneuern. War indess das Leben in seinen Grundbestimmungen, auf die Weise, hier wie überall, dasselbe geblieben, so war die Form desselben dennoch so ganz anders geworden, dass er sich nicht darin zu finden wusste, und grade durch die gesetzliche Feststellung des Neuen am meisten erschreckt ward. So lange noch alles in der allgemeinen Crisis begriffen, und ein jeder mir in die Gährung hineingezogen war, konnte das zerrissene Gefühl nicht zum eigentlichen Bewusstsein gelangen, doch jetzt, wo sich der Tumult arbeitender Kräfte gelegt, und wirklich etwas gestaltet hatte, prallte das Auge scheu vor dem Fremden, Ungewohnten, zurück. Der Marquis empfand den Stoss in der Fortentwickelung der Zeit, allein er konnte sich nicht besinnen, auf welchem Punkte er selbst stehe!

Um nichts besser ging es ihm beim Wiederfinden seines alten Besitztumes, in welchem man kaum noch die Spur menschlichen Wohnsitzes erkannte. Das mächtige Schloss war völlig in sich zusammengestürzt, und die gewaltigen massen übereinanderliegender Steine schienen Frieden mit der Gegenwart geschlossen zu haben, die wohl nicht mehr an ihnen rühren mochte. Eine grüne Moosdecke hatte sich schon über das dunkle Gemäuer ausgelegt, von der Terrasse herauf wanden sich Wein- und Epheuranken an einzelne Pfeilerstümpfe hinan, die Bäume, welche es von der Wallseite schützten, waren abgehauen, nichts von allem war sich gleich geblieben, als die prachtvolle Rhone, die, wie die natur, an der verwüstenden Zeit, in stiller notwendigkeit vorüberging.

Nirgend mochte menschlicher Sinn hier an an heimatliches Ansiedeln, an friedlichen Lebensverkehr denken. Das einzige, was sich noch in bewohnlichen Stand setzen liess, war ein ehmals moderner GartenPavillon, dessen Aussenwände ziemlich unverfehrt geblieben, und von dem nur die Bedachung und das Innere der Gemächer zerstört waren. Alle umfassende Pläne des Marquis, alle seine Hoffnungen und Wünsche schrumpften demnach, bei genauerer Besichtigung des Vorgefundenen, auf die Wiederherstellung dieses einen, armen Restes ehemaliger Herrlichkeit, zusammen!

Zwar konnte er nicht sogleich einen Plan aufgeben, in welchem er seit langer Zeit lebte. Er hatte immer gehofft, das Alte wieder zu erneuern, und sich in mitten des königlichen Gebäudes gleichsam als Zauberer betrachtet, welcher die Bande zwischen Vor- und Mitwelt versöhnend zusammenhalte. Jetzt lag der tiefe Grund freilich verschüttet, aber er hoffte, die Zeit, die so Grosses verschuldet, werde auch nach und nach seinen Wünschen begütigend entgegen kommen.

Kaum hatte er sich indess an die neue Arbeit gewagt, Pläne entworfen, Arbeiter angestellt, und selbst sein aufmerksames Auge darauf gerichtet, als er an dem Fortgange des Ganzen das lebhafteste Interesse nahm. Er hatte nie etwas Aeusseres erschaffen, ihm ward die Ringmauer des neuen Gehöftes eine Art magischer Kreis, in welchem er mit unglaublicher Schnelligkeit wirkte! Es war noch so vieles zu tun, so vieles aus der widrigen Verwilderung herauszureissen! Und zu dem behaglichen Gefühl, auf dem Boden seiner Väter zu schalten und walten, gesellte sich bald die zuversichtliche Hoffnung, welche Mariens Briefe ihm nunmehr mitteilten, da deren Zustand nicht länger zu verbergen war, und sie, ihrer Entbindung nahe, eine grosse sehnsucht nach dem Ort ihrer Bestimmung hegte.

Die Familie hatte einen teil des kurzen Winters in Besançon verlebt, und traf nun zu Anfang des Märzes bei dem Marquis ein, den sie in ganz fremder Umgebung fanden. Vom alten Schloss sah man hier nichts. Das erneuete Gebäude lag zwischen heitern Pflanzungen, welche, noch ziemlich jung, der Raubsucht zu geringer Ausbeute dienend, unangetastet geblieben waren, und jetzt einen leicht gewundenen Pfad beschatteten, der sich an dem flacher werdenden Ufern des Stromes hinwand. Der Süden schickt seine Frühlingsblüten früh. Das Gras duftete hier schon von tausend würzigen Kräutern, die Bäume sahen nach und nach aus ihren Blütenaugen hervor, alles schien sich zu Empfang und Freude zu schmücken. Der Köhler, welcher überall rüstig Hand anlegte, und sich, als alter Waldbewohner, auf Bäume und Pflanzungen verstand, hatte manches zu Verschönung der neuen Anlagen beigetragen. Man musste sich in der kleinen Schöpfung behaglich, recht häuslich wohl fühlen.

Die Baronin war wie im Himmel. Sie hörte, sah und empfand in allem ihr Frankreich wieder. S i e störte weder das Neue, noch vermisste sie das Alte! Alles war, wie es sein musste,