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kann nicht zweifeln, Gott habe zwischen mir und Antonien entschieden, die natur lässt sich nicht irren, sie hat ihr einfaches Wort gesprochen, Adalbert ist durch sie an mich gebunden, er ist Vater. – Der Herzog sah sie überrascht und zugleich mit Ehrfurcht an, küsste ihre Stirn, und sagte, meine Tochter, bewahre das als ein heiliges geheimnis, das in dieser Verwirrung noch nicht an das Licht treten soll. Vertraue Dich Niemand als dem arzt, greife der Entscheidung durch nichts vor, lass die natur ungehindert ihren zuverlässigen Sieg bereiten. Sie will uns in ihre stille Ordnung zurück haben. Mein Gott! sagte er nach augenblicklichen Nachsinnen, wie ungestüm ist der Mensch! wie arbeitet er sich an dem Unmöglichen ab, und dann kommt ihm das Gute unversehens von selbst, aber anders, ganz anders wie er es dachte! Mein Kind! es ist viel Wunderbares in dem Leben!

Von jetzt betrieb er nun die Versöhnung mit dem vaterland auf alle Weise, was ihm um so leichter ward, da die gemässigte Gewalt der Direktoren nach der dritten Constitution, den Ausgewanderten die Tore der Heimat öffnete. Frankreich hatte um diese Zeit mit einem teil seiner auswärtigen Feinde Frieden geschlossen. Es begründete sich nun in sich selbst und zog die vertriebenen Mitbürger teils durch die wieder aufgehende Ruhe, teils durch die allernatürlichsten, unzerreissbarsten Bande, nach und nach an sich. Auch der Köhler ward des Suchens und vergeblichen Ansiedelns in der Fremde müde, und schon im Herbst begleitete er den Marquis, der, den Wiederaufbau des Rhoneschlosses betreibend, vorauseilte, nach Frankreich zurück, wie er ihn früher aus diesem führte.

Die Andern sollten unter dem Schutz des Herzogs

in kleinen Tagereisen folgen, und in B e s a n ç o n Nachricht über ihren fernern Aufentalt erwarten, da vielleicht ein teil des Schlosses stehen geblieben sei, und sie dort bis zur Wiederherstellung des Ganzen einziehen könnten. Marie fügte sich in alles, ohne grade besonderen Hoffnungen Raum geben zu wollen. Doch wie es auch werden mochte, ängstlicher konnte ihre Lage nirgend sein, als hier, wo ihr alles so liebe, glückliche Tage zurückrief, und wo sie jetzt die dunkle Gegenwart doppelt drückte. Auch konnte sie es nicht wehren, dass manch verheissender Traum unmerklich aus der unbekannten Zukunft heraufstieg; sie drückte ihn wohl scheu und bescheiden zurück, aber er war doch einmal da gewesen, und jeder blick in die Ferne zeigte ein mögliches Glück, da die nahen Umgebungen im Gegenteil nur Störung und Sorgen entielten. Denn Antoniens Zustand ward mit jedem Tage leidenschaftlicher, ihr Sinn immer finsterer. Sie kam wenig mehr unter Menschen. Meist allein in ihrem Zimmer, war sie beschäftigt, Scenen aus ihrem Leben, welche Bezug auf Adalbert hatten, mit grosser Kraft und erschütternder Wahrheit, in reichen und schön zusammengestellten Gruppen, mit Kreide auf das Papier zu werfen. Vorzüglich verweilte sie bei dem Uebergang über den Gottard. Alle andern Gestalten waren nur eben angegeben, Adalbert allein mit der höchsten Liebe in rührender Aehnlichkeit ausgezeichnet. Niemand konnte den Zug tiefen Leidens in seinem Gesicht ohne Wehmut sehen. So mochte sie sich ihn am liebsten denken. Oft wenn sie stundenlang an seinem Bilde gearbeitet hatte und seine Lippen sich wie zum Sprechen zu öffnen schienen, dann drückte sie die ihren darauf, und verwischte mit ihren Tränen die trügerisch verlockende Erinnerung!

Die herannahende Veränderung ihres Aufentaltes war ihr willkommen. Sie verlangte sogar mit Heftigkeit darnach. In den letzten Tagen vor ihrer Abreise zeigte sie sich geselliger, oftmals heiter und liebreich, ihr war, als sei die Entscheidung nun ganz nahe. Sie sprach mit Liebe von der Rhone und dem blühenden, heimatlichen Boden! zuweilen hoffte sie, die Flammen sollen nur das Innere des schönen Schlosses angegriffen und die Möglichkeit gelassen haben, es wieder bewohnen zu können. Sie pries dem Arzt die Herrlichkeit der schönen Besitzung, und lag ihm an, sie dahin zu begleiten. Sie hatte sich einmal an seine milde Behandlung gewöhnt, selbst auf gewisse Weise Vertrauen zu ihm gefasst. Es schien ihr tröstlich, sich ihn als eine Art von Mittelsperson zwischen ihr und der übrigen Familie zu denken, er war vielleicht der einzige, der sie verstand, seit sich auch der Herzog von ihr wandte. Sie hatte eine so beherrschende Gewalt in ihren Worten und Mienen, sie bestimmte nicht eigentlich durch Gründe, allein sie überwältigte die Gründe Anderer so, dass der leutselige Mann, durch Teilnahme für eine der wunderbarsten Erscheinungen der Zeit, wie für eine ganze liebenswürdige Familie, bewogen, in ihren Vorschlag willigte.

Am Vorabend der Reise trat der Chevalier zum erstenmal nach jenem unglückseligen Vorfall wieder in ihren Kreis. Ein jeder ward durch seinen Anblick erschüttert. Er nahete sich Antonien, und in ehrerbietiger Entfernung sagte er: ich habe Sie beleidigt, mein fräulein, mein Blut konnte den Frevel nicht wegwischen, ich will ihn abbüssen, auf welche Weise Sie es wollen, unter allen Strafen die Sie mir auflegen können, ist wohl die härteste, Sie zu fliehen, doch ich bin Ihnen so sehr verschuldet, dass ich mich auch dieser unterwerfen muss. Wissen Sie aber eine freundlichere Art, die trüben Missverständnisse auszugleichen, wollen sie mir die schöne PflichtAntonie winkte mit der Handder Krampf stellte sich wieder ein, er zog ihr das Herz zusammen, sie konnte nicht reden, und als der Chevalier übermannt zu ihren Füssen sank, bezeigte sie die unerträglichste Unruhe. Ich bin ein Tor! rief er, stolz