sich so natürlich, so von selbst, zusammengefügt. Sie war von dem letztem Schlage wie zerschmettert.
Doch konnte sie nicht lange in einem Zustande verharren der sie zu allem tauglichen unfähig, zu jeder wohltätigen Erheiterung Anderer ungeschickt machte. Sie gewann Kraft, sich aus einer Kette abspannender Erinnerungen und trüber Weltansichten herauszureissen. Das alte Gleichgewicht war bald wieder in ihr hergestellt. Sie fasste die Gegenwart klar auf, und arbeitete einer bessern Zukunft dadurch entgegen, dass sie sich mit dem arzt vereinte, Antoniens widerstrebendes Gemüt dem Gesetz und der notwendigkeit zu unterwerfen.
Erneuen, das wusste sie wohl, lassen sich Menschen nicht. Wegzuwischen, anders zu machen, war hier nichts, das Alte musste bleiben. Die leidenschaft stumpft sich indess an dem Unmöglichen ab, oder sie wendet sich gegen die Brust, die sie hegt. Die natur musste zeigen, zu was sie hier Mut habe, zum Besiegen oder Zerstören!
Antonien ward daher die Unmöglichkeit, jemals zu Adalberts Besitz zu gelangen, hell und anschaulich auseinander gelegt. Du kannst ihn, sagte die Tante, bis ans Ende der Welt, aus der Welt treiben, aber was gewinnst Du dabei? Antonie schwieg. Gehört er dir darum mehr, wenn er Euch beide flieht? fuhr die Baronin fort, was hilft es Dir denn, ein Band locker und lose auseinander zu halten, das Du niemals zerreissen kannst? An Dir ist es also, den fremden Mann aufzugeben, und Deine eingebildeten Rechte bescheiden fahren zu lassen!
Fremder Mann! rief Antonie, Gott! Gott! Hier brennt sein Bild, sagte sie, die Hand der Baronin auf ihre Brust drückend, meine Tante, Sie wissens ja, Sie sagten es selbst, Sie konnten nicht von einander lassen, die unglücklichen Eltern! Wie soll ich denn von ihm lassen! Schieben, rühren Sie nicht an seinem Bilde, Sie drücken es sonst so tief hinein, dass ich schreien muss! Es schnitt mir ja von Kindheit an blutige Wunden ins Herz, wie soll ich es denn jetzt wegwerfen können! Wie fodern nur überall Menschen grade das Unmenschlichste! Lassen Sie dem Schicksal ungehindert seinen Lauf, ich bitte Sie!
Die Baronin ging nach jedem neuen Versuche trostloser von dem krankhaft verwirrten Mädchen zurück. Es stärkte sich ihr wohl das Herz an Mariens ruhigem Walten, an ihrem milden Tun mit Alexis, der unter ihrer Pflege wieder aufblühete, und sie Stundenlang auf ihren Spatziergängen begleitete, aber sie sah in dem allen keinen Ausweg, und zitterte vor irgend einem entscheidenden Schlage! Ueberall begriff sie die Fassung ihres zarten, so leicht zu verletzenden Kindes, nicht, die keine Anstrengung, keine Gattung nützlicher Tätigkeit verschmähete, niemals klagte, niemals Adalberts Namen nannte, und jeden Fremden in schicklicher Entfernung zu halten wusste. Zwar hatte sich die Präsidentin bald genug eingestellt, erst leise angechlagen, dann dreister nach dem eigentlichen Grund des seltsamen Duells nachgegraben, auf die unbesonnene Heftigkeit der Männer gescholten, es lächerlich gefunden, dass solche, welchen das verhältnis verbiete, die Waffen für das Vaterland zu führen, und die es gewissermassen entwaffnet habe, nun ihre Blutgier gegen einander richten, und dies aus Ursachen – wobei sie lauernd inne hielt, – denen wohl dieselben lähmenden Verhältnisse, die ewige, nie zu erschöpfende, Politik zum grund liege. Marie entgegnete ihr indess gelassen, dass sie das ernste Ereigniss nicht lächerlich finden könne, andern möge es so erscheinen, es sei hiermit, wie überall mit jedem entusiastischen Aufwallen, das den Gleichgültigen immer zum Spotte reize. Dann aber liess sie sich auf nichts weiter ein, und die Präsidentin verzweifelte an der strengen Entschlossenheit des sonst so geschmeidigen, fast unterwürfigen Wesens. Sie tadelte deshalb Marien, und meinte, sie habe doch im grund viel von Antoniens starrem Trotz. Viktorine hingegen hob die gekränkte Frau auf alle Weise heraus, und suchte an dieser ihre ganze Liebesfähigkeit, und den Schatz weiblicher Tugenden an den Tag legen zu wollen. Mit der Miene einer barmherzigen Schwester stattete sie der Leidenden unablässig Leidensbesuche ab, kam und ging zu jeder Stunde, verschmähete jede andere gesellige Mitteilung, hatte tausend leise Aufmerksamkeiten, und war von einer Aufopferung welche die Welt nicht unbeachtet, nicht unerkannt, lassen konnte. Gleichwohl war sie nicht zu bereden, Antonien ein einzigesmal in ihrer Abgeschlossenheit aufzusuchen. Die Unglückliche litt zeiter an einem unerträglichen Herzkrampf, der sie oft halbe Tage lang unfähig machte, ein Wort herauszubringen. Die Baronin lag deshalb Viktorinen oftmals an, ihre Güte zwischen beiden Schwestern zu teilen, doch sie entschuldigte sich anfangs unter frostiger Zurückhaltung, endlich aber sagte sie, nicht ohne entstellende Bitterkeit: ich war immer von strengen Sitten, geprüfter Auswahl meiner Freunde, und gestehn Sie mir, würde eine junge Frau, in den Tagen der guten Gesellschaft, fräulein Antonien ungestraft in Paris haben sehen können? Sie können es sich nicht verbergen, dass der Schein, trotz aller klugen Maassregeln ihrer Familie, gegen sie ist, und ich gestehe Ihnen, ich liebe meinen Ruf zu sehr, um ihm durch übel angebrachte Nachgiebigkeit schaden zu wollen. Die Baronin stutzte, doch machte sie eine so stolze als abwehrende Bewegung mit dem kopf, und sagte mit gezwungener Haltung: dagegen lässt sich nichts einwenden, das hat die Sitte sanktionirt. Doch kaum hatte sich Viktorine entfernt, als sie mit losbrechender Heftigkeit ausrief, wie grausam und wie ungeschickt sind diese unsichern Geschöpfe, die niemals wissen, wie sie mit sich und der Welt stehen, die ohne jene edle Haltung starker