ein zusammengefaltetes Blatt. Gottlob! rief dieser, so ist er fort! Fort? wiederholten beide Schwestern. Mein Gott, Du bist gewaltig! seufzte Marie, beide hände auf das kranke Herz legend.
Der Marquis kam jetzt auch herzu. Sie haben sich herrlich geschlagen, sagte er dem Herzog halb laut, der Chevalier ist durch die Schulter geschossen, Adalbert hat einen Streifschuss am rechten Arm unbedeutend, und keinesweges geeignet, ihn an seiner Reise zu hindern. Der Chevalier, ohne zum tod zu sein, wird das Bett hüten, und Adalberts Flucht hat einen Grund vor der Welt, der Anstand ist behauptet. Und die Ehre, fiel der Herzog ein, hat uns alle gerettet, indem sie heilig geachtet ward. – Marie, fuhr er zu dieser gewendet fort, Dein Mann ward vom Chevalier beleidigt, welcher Rechte auf Antonien zu haben glaubt, und gestern etwas Zweideutiges beim Heraustreten aus dem Kahne will gehört haben. Worte, mein Kind, sind innere Waffen, welche die äusseren herausfordern. Adalbert fasste die gelegenheit begierig auf, den tollen Gaukeleien ein Ende zu machen. Er musste mir versprechen, überlebe er den Ausgang, nach Russland zu flüchten. Es ist geschehn. Jetzt fordere ich Haltung und Ruhe von allen. Das Uebrige wird sich finden.
Funfzehntes Kapitel
Marie und der Arzt blieben die ganze Nacht über bei dem kranken Alexis; und obgleich das Kind nach Mitternacht ruhiger schien, so wollte ihn die sorgsame Pflegerin doch nicht verlassen. Ihre Haltung war die edelste, ihr Wesen klar und bestimmt. Der kleine Unmut, die ungezügelte Trauer, der sie sich wohl bei geringfügigern Ereignissen hinzugeben pflegte, schien in die schwankende Kindeszeit zurückgesunken, der sie plötzlich entwachsen war.
Sie redete gefasst mit dem Arzt über mancherlei, nur erwähnte sie Adalberts nicht mit einer Silbe. Antoniens wunderbare natur schien sie sich klar machen zu wollen. Sie kam immer auf diese zurück. Es ist eigen, sagte sie einmal, dass wir einander so verschieden und doch so ähnlich sind. Auch im Aeussern ist das auffallend. Man sagt, Zwillinge gleichen sich oft zum Verwechseln. Bei uns ist das nur zum teil der Fall! So im Tone der stimme, im Gange, in der Handschrist, die gleichwohl schon mehr durch das Innere bedingt wird, und in diesem ist das verwandtliche Begegnen ausserordentlich! Sie schwieg einige Augenblicke betrübt. Ich erinnere mich, fuhr sie fort, dass wir in den frühesten Kinderjahren oft plötzlich zugleich über ein Spielzeug herfielen, dass wir so lange darüber weinten und zankten, bis es beiden genommen ward! – Wie oft spielen Kinder so ihr ganzes kommendes Schicksal im voraus! Der Arzt fasste sie gerührt bei der Hand: rechnen Sie darauf, sagte er, dass Gott einem Jeden gibt oder vielmehr lässt, was von je her sein eigen zu sein bestimmt war. Das tue ich auch, Herr Doktor, entgegnete Marie, wie könnte ich sonst wohl noch leben!
Sie redeten hierauf ruhig weiter, und er, um sie zu zerstreuen, erzählte ihr manch merkwürdiges Beispiel der eben erwähnten Familienähnlichkeiten, welche sich in einer langen Reihe von Jahren durch ein ganzes Geschlecht dergestalt wiederholen, dass man alle des gleichen Namens durch e i n e n hervorklingenden Grundton wiedererkenne. Oftmals, fuhr er fort, ist die Aehnlichkeit nicht so durchgehend, sie springt über, wie von Grosseltern auf Enkelkinder, anderer Seits wird sie auch wohl durch Vermischungen gänzlich unterbrochen, und tritt erst nach mehrern Stufenfolgen gewissermaassen fremd als etwas Neues auf, ob wir gleich nur das Alte darin erkennen sollten. So ist auch die Individualität der Volksstämme allein zu begreifen.
Mir fällt bei dem, was sie zuvor über Geschlechtsvermischungen sagten, ein, entgegnete Marie, dass die Reinerhaltung des Adels, die Ahnenproben, und alles was dahin gehört, wohl auf der Vorliebe für jene Eigentümlichkeit beruhen. Und war der alte, einfache Grund wahrhaft gut, so mögen wir uns auch wohl hüten, etwas Fremdes darauf zu verpflanzen.
Man muss hierbei, nahm jener das Wort, viel auf die Kraft der Naturen rechnen. Es sichtet sich alles nach und nach, was im Kampf der zeiten übereinander geworfen wurde. Und fast immer finden wir in jeder Familie irgend eine versöhnende Erscheinung, welche, das Alte und Neue zusammenfassend, den übergetretenen Lebensstrom, auf eine oder die andere Weise, in seine Schranken zurückführt. Wie oft, dass ein Kind in Verwirrung und Schmerz geboren, bewusstlos Friede und Freude über sein Haus mit auf die Welt bringt.
Er dachte hierbei an Marien, welche ihm immer wie ein versöhnender Engel erschienen war. Sie aber deutete es anders, und blickte ernst und nachdenklich vor sich hin, dann reichte sie dem Arzt unter flüchtigem Erröten die Hand, und ging, da der Tag bereits angebrochen und Alexis fest eingeschlafen war, in ihr Zimmer zurück.
Nichts glich der wehmütigen Teilnahme, der innigen Zärtlichkeit, mit welcher die Baronin ihrem unglücklichen kind, wie sie Marien nannte, entgegen kam. Alles was sie selbst jemals erfahren und gelitten hatte, alle trübe Tage und Stunden, wanden sich wieder aus dem alten Abgrund der Zeit herauf. So vieles hatte sie eingebüsst, so vieles heldenmütig entbehrt, nichts Grosses mehr vom Schicksal verlangt, in das Unabwendbare hatte sie sich schnell gefunden, aber Familienfrieden, behagliches Teilen der letzten Lebensfreuden mit den teuern Verwandten, darauf hatte sie gerechnet, das, dachte sie, sei nicht zu viel gefodert, und nun war alles zerrissen, was