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von den Stufen des Trones durch Gerichtshöfe und Institutionen bis zu dem stillen Verkehr des Landmanns hinunterwälzen. Das grosse Triebund Räderwerk ineinander greifender Verhältnisse aus seinen Fugen reissen, alle Bande des Gesetzes, der Ehre, sichtbarer und unsichtbarer Liebe zerbrechen, weder Parteigeist, noch Freundschaft, noch tapferer Mut machten sich Bahn zu dem abenteuerlich gesinnten Mann, dem sich, in trüber Verpuppung, die glänzenden Fittige niemals lösen wollten.

Wie der Marquis indess in jener Nacht das Gewitter schmerzlich fühlte, ohne es deutlich zu hören, so zitterte auch jetzt sein Herz bei dem Untergange alles dessen, was zahllose Geschlechter aus sich erwachsen sahen, wie der Leib ihres Denkens und Schaffens Fuss fasste auf Erden. Der Mensch wächst mit der Form zusammen, die er bilden half, und man zerbricht diese niemals, ohne das innere Leben nicht auch zu berühren. Die Nachricht der Gefangennehmung des Königs, und später dessen Tod, jagte dem Marquis das Blut flammend durch die Adern. Ein unleidlicher Druck legte sich ihm auf Brust und Herz. Seine ganze Vergangenheit war zusammengestürtzt, zu welcher ihn der Gedanke, in stillen, erschöpften Stunden, unwillkührlich zurücktrug, und den ganzen wehmütigen Traum des Lebens nochmals vor ihm aufrollte. Deshalb ward ihm nunmehr alles peinigend, was aus jener Zeit zu ihm redete, und er befliss sich sorgfältig, jeglichen Gegenstand zu entfernen, welcher diese Sprache führte. Aus eben dem grund liess er die Bildnisse seiner Eltern aus dem Zimmer tragen und sein Familienwappen über dem Kamin verhangen. Dieser Umstand legte den Grund nachheriger Verwirrungen, und gab den ersten Anstoss, welcher in die Ereignisse der Zeit hineindrängte. Denn es war nicht sobald laut geworden, dass der Marquis, in lichten Momenten, wie sie es nannten, der guten Sache anhänge, ja Vater und Mutter verleugne und der grossen Angelegenheit der Menschheit huldige, als einzelne rohe Bursche versuchten, seine Reichtümer und geheimen Künste zu ihrem Vorteil zu benutzen.

Es war schon hoch an der Zeit, als eines Abends der ehemalige Essenkehrer des Schlosses und zwei andere Handwerksgesellen aus dem nahen Städtchens in täppischer Eil zu dem Marquis eintraten. Mit gespreitzten Beinen, auf Eisen beschlagenem Knotenstock gestützt, standen sie da, streckten die breiten, bärtigen Gesichter auf kurtzem Halse aus Flügelartig gebogenen Schultern hervor, und schickten lüstern freche Blicke im reichen Zimmer umher. Verwogen hing die Jakobinermütze über einem Ohr in den Nakken herab, das struppig wilde Haar bauschte sich unter dieser über flacher, eingedrückter Stirn. Der Marquis fuhr erstaunt bei ihrem Eintritt in die Höhe, aber sie legten die groben Fäuste vertraulich auf seine Schultern und arme; und riefen "Hör' Bürger, Du bist von den Unsern, wir wissens, lass jetzt einmal Deine Hexenstreiche, und tu' was rechts. Die Lyoner Königsknechte schicken Streifpartieen im land umher, zieh' mit uns! wer weiss, wie lange der alte Steinhaufen so noch steht! Zieh' mit uns!" riefen alle drei und stiessen die derben Knittel ermunternd auf gegen den Boden. "Oder willst Du das nicht, fuhr der Essenkehrer fort, so gieb Deine Baarschaft her, wir brauchen Geld, Waffen, Kleider und Schuh, es ist ja für Dich wie für uns, wie das Sündengeld von Dir, was Deine höllischen Väter erpressten." –

Bleich wie der Tod, die nackten arme drohend aufgehoben, starren Blickes, mit verhaltenem Atem, stand der Marquis ihnen gegenüber! So dreist sah die neue Welt zum erstenmal in seine Einsamkeit hinein! Die Wut schwellte sein Herz zum Zerspringen. Fürchterlich schrie er auf, und fiel, wie die überreitzte natur sich jetzt oft so in ihm zerriss, in Haaransträubenden Zuckungen zur Erde.

Die Bursche blickten einander, wie gelähmt an Händen und Füssen, ganz verdutzt an, dann aber, wie auf einen Wink, stürtzten sie, ohne hinter sich zu sehen, zur Tür und zum schloss hinaus, und meinten nicht anders, als der Teufel gehe drin um, und es sei nicht geraten, sich mit diesem weiter einzulassen. Mehrere Domestiken des Marquis, welche schon längst ähnliche Vermutungen hegten, schlossen sich an die Flüchtenden an. Wenige blieben zurück, unter ihnen Bertrand, der bejahrte Schlossverwalter. Dieser eilte zu seinem Herrn, leistete ihm alle erdenkliche hülfe, und verliess ihn während der ganzen Nacht, in welcher der Marquis viel innere und äussere Schmerzen litt, nicht einen Augenblick. Der unerwartete Vorgang schwebte diesem unablässig vor der Seele. Er hatte so lange nichts von der Welt gesehen, nun brach sie so frech, so verwirrend, auf ihn ein! Dass diesem ersten Anfalle ähnliche folgen würden, fühlte er wohl. Er sah sich der rohesten Willkühr blossgestellt. Deshalb fiel es ihm auch wohl ein, Eigentum und Vaterland zu verlassen, allein sein blick war nirgend in der Aussenwelt zu haus, sein Denken, nach dieser Richtung hin, so unbehülflich, er selbst so losgerissen von jeder befreundeten Beziehung des Lebens, so eingefugt in die liebe, lange Gewohnheit täglichen Seins und Tuns, dass er sich tröstete, so gut es ging, die Gefahr in weite Ferne hinausschob, und bange Vorgefühle einschläferte.

Der Mensch mag sich indess vor sich selbst und gegen die Welt hinstellen und wenden wie er will, das Alte kehrt ihm nie in seiner vorigen Gestalt zurück. So kam dem Marquis grade dasjenige, was er bewahren wollte, die gewohnte Weise, nicht in dem vorigen Takt und Maasse wieder. Mit dem müssigen Zusehn des Aussenlebens war es vorbei! Jene grossen