. Ihr Wesen ist Liebe, wenn sie lieben, verstehn sie alles, sind sie alles, aber sie sollen sich auch nur liebend zeigen. Bei ihrem Anteil an dem Heil und Segen eines Staates, eines Volkes, soll immer die zärtliche sorge für befreundete Wesen und durch diese für alle Menschen hervorsehen, denn das Wort Volk an und für sich, ist ihnen nichts, so wenig wie Staat und Regierung.
Sie schweigen zu dem Allem, flüsterte der Chevalier Antonien zu, haben Sie nichts zur Rechtfertigung Ihres Geschlechtes zu erwiedern?
Wir sollen lieben, sagte sie zerstreuet, war es nicht so? Erschreckt Sie das Gebot, fragte er leiser, wollen Sie ihm folgen? können Sie es Antonie?
Sie sah ihn befremdet an, eine wunderliche Röte flammte über ihre Stirn, sie rückte einigemal ängstlich hin und her, dann, als könne sie seine Nähe nicht ertragen, stand sie hastig auf, und setzte sich an das andere Ende des Zimmers.
Der Herzog fuhr indess fort, seinem Unwillen Luft zu machen. Wüssten die Frauen nur, sagte er weiter, wie sehr sie sich aus dem Vorteil geben, wenn sie sich an etwas wagen, dem sie nicht gewachsen sind. Die fremden Mienen zu den fremden Gedanken und Worten, die erhöhete stimme, die unnatürliche Glut in ihren Augen, und all die gemachte Exaltation, lassen es die Männer vergessen, wer gegen sie streitet, Worte reihen sich an Worte, und wenn der Mann sein Leben an eine Meinung setzt, wodurch behauptet sich die Frau vor sich und der Welt, hat sie die Würde ihres Geschlechtes verletzt?
Viktorine stand aufs höchste beleidigt von ihrem Sitze auf; Tränen des allerbittersten Unmutes traten ihr in die Augen. Der Herzog fasste sie begütigend bei der Hand, warum, sagte er sanfter, wollen sie dem Schicksal etwas abtrotzen und sich dürftig aneignen, was Ihnen nicht werden sollte? warum wollen sie sich des schönen Vorrechtes begeben, durch ihr blosses erscheinen zu herrschen, Gesinnungen wie Taten zu zügeln. Was sollen Ihnen die ungeschickten Waffen, die sie nicht zu lenken wissen, die unsicher umher schwanken, und meist nur sie selbst verletzen.
Niemals, versetzte Viktorine, werde ich mich überzeugen, dass wir aus irgend einer Sphäre menschlicher Wirksamkeit ausgeschlossen seien. Wie häufig sind es grade Frauen, welche die Zügel des Staates geheim und sicher lenken, und nicht selten verdanken es die Männer nur ihnen, wenn sie auf ihrem rechtem platz stehen.
Meine schöne Freundin, entgegnete der Herzog, in Staatsintriguen sind die Frauen immer die Ueberlisteten, sie werden zufällige Mittel, man gibt ihnen ein buntes Seilchen in die Hand, und macht ihnen weiss, sie lenken das gewaltige Fahrzeug, indess sie selbst weit sichrer durch Eitelkeit, Ruhmsucht und andere unreine Motive gelenkt werden.
Weiser Einfluss, sagte die Präsidentin, ist sehr wohl von gewinnsüchtiger Intrigue zu unterscheiden. Wie viel erhabene Fürstinnen haben durch ihr ruhiges erkennen, geschicktes Sondern, und schnelles Durchdringen, Gatten und Söhne zum Vortrefflichen geführt, wie viele waren selbst vom Trone aus das Heil ihrer Völker.
Es ist wohl unleugbar, hub hierauf der Doktor an, dass den Frauen ein Organ für jedes Verständniss inwohnt; und sie augenblicklich in verwandtliche Berührung mit allem setzt, was ihnen nahe tritt. Sie erlangen dadurch eine geheimnissvolle Gewalt über Dinge und Menschen, welche selbst der gesellschaftliche Sprachgebrauch zauberisch nennt. Solch ein Zauber war von jeher anerkannt, die königlichen Frauen der Vorzeit übten ihn, mittelbar in das äussere Leben und dessen Gestaltung einwirkend; aber es gehört dazu das treueste Verharren in der eigenen natur, denn, wie es Ihre Worte erschöpfend sagten, in der Liebe, welche der Frauen Wesen ist, verstehn und sind diese allein jedes und alles.
Als nun hierauf Viktorine unversöhnt und die Präsidentin unbefriedigt die Gesellschaft verliessen und der kleine Kreis sich immer enger zusammenzog, fragte der Chevalier die Baronin, wie ihr die Vorlesung behagt habe? Ich kann das noch nicht wissen, erwiderte sie. Noch nicht! wiederholte er, mein Gott, wann wollen Sie es denn erfahren? Ich weiss nicht, war ihre Antwort, vielleicht zufällig einmal, wenn mir die Dichtung ganz von ungefähr in die hände fällt und ich sie wieder vergessen habe. Mir ist es allezeit ängstlich, Werke meiner Bekannten von ihnen selbst vortragen zu hören. Ich behalte kein freies Urteil dabei. Mir ist bange, sie entweder zu überschätzen, oder nicht hoch genug zu stellen. Darüber geht mir der Totaleindruck verloren. Es ist so schwer, Menschen, die man essen und trinken, Gewöhnliches im Tageslauf denken und tun sieht, plötzlich auf einer höhern Stufe zu erblicken, sie dreist zu der ganzen Welt reden zu hören, man kann sich nicht einbilden, dass dies nicht zuviel gewagt sei, man vermischt die einzelnen Stunden der Erhebung mit ihrem übrigen Leben, und glaubt sie früherhin oder jetzt misskannt zu haben; so wird das Urteil trübe, und es kommt zu keinem gesunden Gedanken.
Antonie, welche während dem unruhig auf und ab gegangen war, fragte jetzt den Arzt, ob man nicht in alten Büchern das Leben jener wundertätigen Frauen, deren er zuvor Erwähnung getan, aufgezeichnet fände? und ob sie solche Schriften wohl zu lesen bekommen könne? sie erinnere sich aus ihrer Kindheit, ein Lied von einer Zauberkönigin gehört zu haben, es schwebe ihr aber nur ganz dunkel vor, sei ihr auch nichts Besonderes daraus erinnerlich, allein sie fühle oft eine wehmütig sehnsucht nach dem alten lied