noch so innig, so leidenschaftlich, in ihr fortlebend! Sie erinnerte sich des schönen, früh gefallenen Opfers gar wohl. Der Tag war ihr immer unvergesslich geblieben. Es war, als sähe sie die bleiche, schmachtende Gestalt in diesem Augenblicke niedersinken, und durch eine wunderbare Täuschung der Sinne, lieh sie dieser die eigenen Züge, wie sie ihr unendlich Leid in sich selbst übertrug. Sie konnte sich der Tränen nicht entalten, ihr Herz schlug so ängstlich, sie sank an Adalberts Brust, der sie liebreich, aber verstört und eigen zerstreut, an sich drückte, ohne gleichwohl nach der ursache ihres Kummers zu fragen.
Die Präsidentin nutzte die allgemein verbreitete Stimmung zu ihrem Vorteil, und sehr überzeugt, dass ein jeder willig etwas ausser ihm liegendes ergreifen werde, schlug sie vor, eine von ihr kürzlich verfasste Dichtung vorzulesen. Sie hatte richtig geurteilt. Ihr Anerbieten ward von allen Seiten, sowohl aus Artigkeit, als Missbehagen mit der inneren Gegenwart, angenommen. Man schloss sogleich einen engen Kreis um die Vorleserin, die, mit voller, angenehmer stimme, recht wohltönende Worte las. So viel Behendigkeit sie indess im Auffassen und Darstellen gesellschaftlicher Verhältnisse, eigentümlicher Sonderbarkeiten der Menschen, und daraus entstehender Verwirrungen des Lebens und der Schicksalsbestimmungen besass, so fehlte es ihr doch gänzlich an Umsicht und Tiefe, wenn sie über diese leicht angedeuteten Kreise hinausschweifte. Da sie nun jetzt durch eigenes und fremdes Missgeschick widerwärtig getroffen, politische Ansichten und Zwecke schärfer ins Auge gefasst und häufig in sich umhergeworfen hatte, so wagte sie sich unbedacht in dies weite Feld; das sie noch unsicherer betrat, indem sie den Schauplatz nach dem Oriente verlegte, wohin die Phantasie nur unbequem hinübergetragen und in die entwachsene Märchenform gezwängt wurde. Den Zuhörern war dabei, als seien sie auf einem Maskenball. Bei jedem Schritte stiessen sie auf ein Bekanntes, dessen Verkleidung gleichwohl, wie eine abhaltende Scheidewand, die alte Vertraulichkeit hinderte. Man war zu haus und auch wieder nicht, der Standpunkt für Wahrnehmung und Mitgefühl blieb verrückt, niemand konnte mit der behaglichen Teilnahme recht zu stand kommen, da die Ereignisse, statt frisch und beweglich aus gesunder Wurzel zu erwachsen, wie eine Reihe aus dem Zusammenhang gerissener Erfahrungssätze, aufeinander gepackt dalagen, und das Schmerzliche, was ein jeder in der Zeit mit durchlebt, mit durcharbeitet hatte, das im rüstigen Gegenstreit überwunden war, jetzt schroff und schneidend in die Seele zurückfiel. Zudem griffen die häufig vorkommenden politischen Diskussionen alte Streitpunkte ungeschickt an, und da sie sämmtlich, auf Zufälligkeiten begründet, aller soliden Basis ermangelten, so verletzten sie nicht selten Wahrheit und Sitte, und liessen alle Parteien unbefriedigt.
Es stand daher nach beendigter Vorlesung mit der
geselligen Heiterkeit um nichts besser, als zuvor, und die Verlegenheit, mit welcher ein jeder das dürftige Lob über kaum geöffnete Lippen drückte, gehörte in die Reihe aller peinlichen Zustände, die an diesem Tage auf einander folgten.
Der Herzog nahm indess ziemlich mürrisch den
Faden der Unterhaltung bei der eben verhandelten Politik auf, und brachte das Gespräch nach und nach leidlich in gang. Er griff die Präsidentin nicht ohne Gründe an, behauptete indess mit seiner gewohnten Strenge, Frauen haben gar keine stimme über öffentliche Angelegenheiten, weil ihnen der innere, wie der äussere Maassstab, zu deren Beurteilung, fehle. Was, fragte er, wollen Sie als Grundsatz, was als Zweck annehmen? Sie haben nur Familienruhe, Lebensglanz, oder höchst abenteuerliche Weltbürgerliche Ideen im Sinne. gewöhnlich ist etwas Einseitiges der trübe Quell ihrer Ehr- und Freiheitsliebe; ja sie haben kein anderes Vaterland, als den engen Raum, welchen die vier Pfäle ihrer häuslichen Wirksamkeit einschliessen. Die Welt mögen sie hier ahnden und fühlen, Liebesund Lebensverhältnisse mögen sie hier begründen, aber Staatsverhältnisse werden sie nie begreifen, weil diese auf Bedingungen beruhen, deren Wesen ihnen nur undeutlich vorschwebt. Abgeschlossenes Recht, Gewalt, erfassender Wille, stehen ihnen so fern, wie der hohe Gedanke königlicher Welterrschaft. Sie träumen davon, wie von allem, aber empfunden hat es keine.
Viktorine, auf welche diese Worte hauptsächlich gerichtet waren, nahm sie auch ganz ausschliessend übel auf. Ihr Mann focht mit den Engländern gegen das Vaterland, und so wenig man es tadeln mochte, dass sie sein Verfahren, wie die hierbei zum grund liegende Ansichten, billigte, so konnten es ihr die Männer niemals verzeihen, dass sie mit sarkastischen Ausfällen solche angriff, welche anderen grundsätzen folgten. Sie stand daher in einer Art kriegerischem verhältnis mit Vielen unter ihnen, wenn Andere im Gegenteil die Oriflamme in ihrer Hand gewünscht hätten. Jetzt insbesondere hatte sie sich in ihrer einmal genommenen Stellung zu behaupten. Sie verteidigte sich daher nachdrücklich, doch, wie immer, ohne Wortreichtum, mit gedämpfter, etwas gedehnter, stimme, welche den bescheidenen Rückzug anzukündigen schien, im grund aber den Feind zu heftigerem Angriff verlocken sollte. Den Sinn für Ehre, sagte sie sanft, werden Sie uns wenigstens lassen müssen, da sie es allein ist, um derentwillen wir die Männer lieben.
Drehen Sie den Satz um, unterbrach sie der Herzog lachend, Sie lieben die Ehre, der Männer willen. Denn diese Gattung der Ehre liegt ausserhalb ihrer Welt. Aber es ist Frauenart, sich in alles Fremde hineinzuwerfen und das Einzelne ins Allgemeine, Gränzenlose auszudehnen. Die Teilnahme an dem Ruf, der günstigen Stellung e i n e s Mannes, macht ihnen glauben, ihr Wesen wie das der Männer überhaupt, glühe und flamme in Tatendurst und ritterlichem Stolz