sich Alexis in der Nacht unbemerkt auf sein Brettchen warf, das nur durch eine dünne Bretterwand von Antoniens Lager getrennt war. Und erst viel später traten die Vorstellungen hervor, welche das Kind wie im Traume berührten.
Als es darauf am folgenden Morgen in Adalbert Tag ward, besannen sich auch die Andern, und erschraken fast über den gestrigen Taumel, der, so unvorbereitet, eine wirkliche, bleibende Tat veranlasste. Die ruhig-gesetzliche klarheit um sie her schob die Erinnerung ihrer raschen Freude in den Hintergrund, und, wie ein Vorwurf, wie eine Warnung, reiheten sich Antonie, ihr Zusammenstürtzen, der helle Schrei, der ihrer Brust entfuhr, der Vorfall mit den Ringen, an den bleichen Saum der Nacht, und schienen in den hellen Tag herüber zu sehen. Adalbert allein blieb heiter. Ihm war, wie Jemand, der von einem ersehnten Gute träumt, mit Bangigkeit erwacht, und sich plötzlich im Besitz desselben sieht. Das Ziel seiner Wünsche schien erreicht Er wollte sein Dasein nur dauernd begründen. Tausend Plane flogen ihm durch den Sinn. Frankreichs Schicksal konnte nicht lange unentschieden bleiben. Seiner Rückkehr dahin lag, bei gemässigterer Verfassung, nichts im Wege. Er hatte für die Freiheit mit strengem Eifer, mit Auszeichnung, gefochten, sich allein ruchloser Willkühr entzogen. Alle natürliche Bande zwischen dem vaterland und ihm waren unzerschnitten, und konnten sich in jedem Augenblicke enger zusammenziehn. Er hatte das nie so angesehen, nie so empfunden. Früher erwartete er, alles annoch Bestehende werde zusammenbrechen, und aus dem allgemeinen Umsturz solle das Neue und Bessere hervorgehn; jetzt glaubte er an ein mögliches Zurücktreten der überströmenden Willenskraft, er hoffte auf eine weise, begütigende Hand, welche die grenzen aufs neue scharf und bestimmt ziehe. Alle konnten noch glücklich, noch zufrieden werden; er rechnete darauf mit einer Zuversicht, wie sie nur der glückliche kennt. Marie teilte seine Hoffnungen, ihr häuslichansiedelnd Gemüt schuf sich in Gedanken schon all die freudige Wirksamkeit, die ein heimatliches Eigentum der tätigen Frauenliebe bereitet.
So innig froh durch Besitz und Hoffnung, empfingen beide junge Gatten ihre glückwünschenden Freunde. Mariens Gesichtchen glänzte wie der Schmelz des Frührotes. Sie war nur durch Eines beunruhigt. Die Schwester gab ihr Sorgen, und Niemand wusste recht, wie es mit ihr stehe? Endlich trat der Arzt in das Zimmer. Ein jeder bestürmte ihn mit fragen. Der Chevalier war kaum noch Herr seiner Ungeduld. Er trug die Gewissheit dessen, was Antoniens Uebelbefinden zum grund lag, dunkel in sich, die innere Angst sagte ihm etwas, das er nicht sogleich verstehn mochte. Jetzt erschien ihm der ernste deutsche Mann wie ein rettender Engel. Er hoffte, dieser solle etwas anders, etwas ganz Gewöhnliches, über jenes Ereigniss sagen, er flüchtete sich mit seinen Sorgen schon dahinter, als dieser, die Ungeduldigen höflich abwehrend, seinen Platz neben der Baronin nahm, und mit seiner gewohnten Besonnenheit sagte: Der Arzt besonders soll bescheiden in der Beurteilung solcher Fälle sein, welche nicht in der a u f g e d e c k t e n Folgereihe wirkender Motive und Ursachen liegen, da seine Wissenschaft, vielleicht mehr als jede andere, mit der geheimnissvollen, unerforschten, natur verkehrt. Er darf so wenig einzelne Anklänge zu ausgesprochenen Worten umbilden, als sie überhören wollen. Er soll stets mit stillem, tief in das Innere zurückgehenden Sinn beobachten, aber weder die Sucht, etwas Ausserordentliches aufgefunden zu haben, noch der kleinliche Kitzel, Entdeckungen Anderer verspotten zu wollen, darf ihn auf Nebenwege verlocken. Die heilige Ehrfurcht gegen das Wesen der Dinge erlaubt kein allzudreistes Hervortreten, und deshalb ist dem Arzt besonnenes Schweigen unerlässliche Pflicht.
Hiermit schwieg er wirklich, und niemand gewann sogleich den Mut zu erneueter Frage. Die Baronin allein, ob er gleich ihre eigenste Meinung ganz unleugbar aussprach, wollte es dennoch hierbei nicht bewenden lassen. Es schien ihr zuviel laut geworden zu sein, um es so unberührt bei Seite zu legen. Sie selbst hatte gestern in der Ueberraschung manches über Antoniens wunderbares Wesen, die inneren Offenbarungen, welche sie früherhin schmerzhaft durchzuckten, und alle in ihr erspäheten Eigentümlichkeiten, fallen lassen, sie wollte jenen Aeusserungen das Abenteuerliche benehmen, indem sie dem Arzt zwang, umständlicher auf das Vorliegende einzugehn. Deshalb sagte sie: wie sehr Sie im Allgemeinen recht haben, empfindet niemand deutlicher als ich. Doch tut es im Einzelnen öfters Not, dass des Erfahrenen Urteil schwankende Vorstellungen berichtige, da Irrtümer und Abwege ja allein d a r a u s entstehn, dass wir auf keinem sichern grund Fuss gefasst, und nur auf flüchtigen Erdschollen unsere systematische Gebäude aufgetürmt haben. Sie fuhr jetzt fort, manches kluge Wort über Antonien zu reden, und alles zur Sprache zu bringen, was sie selbst über diese wusste.
Es ist unleugbar, erwiderte der Arzt, nach einigem Besinnen, und wir dürfen es wohl mit Zuversicht behaupten, dass, wie in allem organischen Leben Wechselbeziehungen statt finden, diese sich auch unter den Menschen, sowohl gegenseitig, als der bewusstlosen natur gegenüber, offenbaren. Was hier nun jedesmal das Vermittelnde ist, ob ein Aeusseres, oder ein Inneres, ob beides zugleich? der sinnvolle, denkende Beobachter wird es prüfen, ohne gleichwohl seinen Mutmassungen den Stempel der Unfehlbarkeit aufzudrücken. Vieles, das sehen wir wohl, soll dem Einzelnen dunkel bleiben, was über seinen Zeitmoment hinaus liegt. Die ganze Menschheit reift immer erst langsam in eine grosse idee hinein, und diese entwickelt sich während dem