bald ihren Lauf anhalten zu können. So berechnete sie stets, und nahm ängstlich dies und jenes zum Maassstabe an. Doch ward ihre Brust oft grade da zerschnitten, wo sie Trost erwartete.
Einst fügte es sich, dass beide Wagen am Ausgang eines Waldes zusammentrafen. Antonie hatte längst Stimmen hinter sich gehört, welche immer in der Waldumgränzung vernehmlicher herüberklingen. Sie war höchst erfreuet, und sah mit Vergnügen, wie sie eine Zeitlang, auf ganz gleichlaufenden Wegen, neben einander hinfuhren, als, höchst unerwünscht, der Postillon des grösseren Wagens einen Vorsprung zu gewinnen suchte, und der Herzog, sein früheres Recht behauptend, selbst in die Zügel griff, die Pferde ungestüm antrieb, über Stock und Stein hinflog, und einen Wettstreit veranlasste, der wenig Erfreuliches erwarten liess. Auch trafen sie bei der Einbiegung in einen Hohlweg so heftig zusammen, dass des Herzogs Wagen halb umgeworfen, gegen die Seitenwand gedrückt ward, und sämmtliche Pferde in einer Verwirrung drunter und drüber hinstürzten, dass alles wie ein Knäuel tot und beschädigt ineinander zu liegen schien. Der Herzog geriet ausser sich. Die Erinnerung jenes unglücklichen Sturzes, der seiner Freundin das Leben kostete, setzte ihn in ungemessene Wut, auch der Marquis fluchte und schimpfte, und gebot mit vorauseilender Heftigkeit, alles schnell wieder herzustellen. Dies wilde Durcheinanderrufen, das Gekrach des Falles, die Unbehülflichkeit ihrer Lage, alles gab den Unerfahrenen die grösste Angst, Marie glaubte die Schwester, alle Freunde in Gefahr, und, sich dicht an Adalbert anklammernd, flehete sie ihn um Rettung. Er fühlte das kleine Herzchen so ängstlich schlagen, er sah Tränen in ihren Augen, ihre hände lagen bittend zusammengefaltet in den seinen, er rief bewegt, Marie wer dürfte Dich je ungerührt weinen sehen! schlang dann seinen Arm dichter um sie, trug sie geschickt aus dem Wagen den Abhang hinauf, und liess die zierlich feine Gestalt leise auf einen Stein niedersinken. Marie sah ihm freundlich in die Augen, sie wollte ihn zu der andern Beistand fortdrängen, doch schien es ihr so undankbar, sie hatte nicht das Herz dazu, und blieb halb verlegen, halb unbewusst, was sie tue, dem lieben Freunde gegenüber, der sich zärtlich über sie neigte, und einen flüchtigen Kuss auf ihre Stirn drückte.
Als er denn endlich wieder zu der Tante und Antonien eilte, hatte diese den Verdruss, dass alles ohne ihn getan war, und der Herzog bereits, mit dem Verbote, ihm nicht den Willen zu durchkreuzen, weiter fuhr.
Auch in den ruhigern Abendstunden ging es ihr nicht besser. Marie hatte Romanzen und kleine Lieder von dem Vetter gelernt, Giannina begleitete sie auf der Mandoline, alle drei sangen und musizirten die halben Abende mit einander, und, seit jenem letzten Vorfalle, flossen Stimmen wie Blicke des Lehrers und der Schülerin so innig zusammen, dass Antonie ihr Elend langsam auf sich zukommen sah! –
Es ist eine Täuschung, sagte sie, es kann nicht sein, es soll nicht sein, das Schicksal hat anders gesprochen! Er darf sich nicht verblenden wollen! Sie sass des Nachts oft Stundenlang in ihrem Bette auf, und sann, wie es enden werde? Denn es schien ihr so unerträglich, wie unmöglich, dass er lange in dieser ängstigenden Täuschung verharre.
Deshalb drängte sie sich zu Adalbert, sie horchte auf die gespräche, in welche er sich öfter mit dem Marquis und seinem Vater über die gegenwärtige Verfassungen, über die Lage Frankreichs, und ihrer aller Beziehung zu dem vaterland, sehr angelegentlich verwickelte. Sie durchdrang schnell seine Ansicht, und da diese das Allgemeine wie das Einzelne umfasste, so war sie bald, mit unbegreiflicher Gewandheit, ganz heimatlich in dem fremden Gebiete. Beide älteren Männer verteidigten die alte, seit Jahrhunderten geheiligte Form, mit Feuer und dem nichts aufkommen lassenden Gewicht der Erfahrung. Adalbert fühlte die notwendigkeit einer Umwälzung, er sprach lebhaft, schön und eindringlich, so lange er hoffen konnte, verstanden zu werden, schwieg aber, wenn der Herzog, vom gegenstand abspringend, den Schwindelgeist der Jugend angriff. Dann liess Antonie oftmals einzelne Worte fallen, wie aus Adalberts tiefstem inneren herausgehoben, welche alle zwangen, auf sie zu merken, und dem Gespräch nicht selten eine ernstere, auf das Wesentliche zurückgehende, Wendung gaben.
Auf ähnliche Weise griff sie fast überall ein. Oft traf es sich, dass bei vorfallenden Streitigkeiten über militairische Operationen, Stellungen und Märsche der Corps, Adalbert seine Meinung durch einige flüchtig auf das Papier hingeworfene Striche unterstützte, und der Herzog sie dann, mit seinem Eigensinn, als undeutlich verwarf. Antonie an Sauberkeit und Schärfe der Umrisse, durch das Kupferstechen und Radiren gewöhnt, wusste nicht selten im Fortgange des Sprechens, seine rasche Andeutungen genauer im Kleinen anzugeben, wodurch der Herzog, schon aus Bewunderung und Liebe für sie, bezwungen ward. Adalbert konnte sie nicht übersehen. Sie riss seine Aufmerksamkeit, seine Verehrung an sich. Doch liess der erste Eindruck eine peinigende Scheu zurück, und er flüchtete nicht selten vor der Gewalt ihrer herrschaft, zu Mariens kindlicher, hellen Engelswelt. Ihm hatte das Leben so selten gelacht, die Verhältnisse der Gesellschaft hatten ihm so grosse Schmerzen gegeben! auch jetzt war er zerrissen in seiner Wirksamkeit, das Ziel blieb ihm verrückt, wie Vaterland, Stellung zur Welt und Gebrauch der Kräfte umdunkelt waren. Er scheuete Antoniens Ernst, wie den trüben Rückblick in die Vergangenheit. Marie war heiter, ihre kleine Tätigkeit hatte immer etwas Freundliches, das Leben Anfrischendes