zu verbergen! Mein Sohn! rief er endlich, diesen mit aller Gewalt des überwältigenden Entzükkens an die starke, liebevolle Brust drückend.
Alle hatten sich herzugedrängt, es war, als sei der schöne tapfere Vetter erst in diesem Augenblick der Welt und ihnen insgesammt gegeben. Marie hatte im Gefühl unaussprechlicher Verehrung auch ein Knie vor dem Herzog gebeugt, und küsste ganz still, dem eignen Herzen Gnüge zu tun, die Falten seines Mantels! Als daher Adalbert zuerst von der Brust des Vaters aufblickte, sah er das weinende Mädchen an seiner Seite. Er reichte ihr sehr gerührt die Hand, und als die Tante rief: Deine kleine Cousine Villeroi, so umarmten beide niegesehene Verwandte einander in dieser Stellung, welche ohnehin die Form gewohnter Sitte weit hinter sich liess.
Antonie sah zwischen dem Vater und der Tante hin, sehr ernst, fast gebietend, auf beide nieder, so dass Adalbert, als er auch auf sie durch die Tante aufmerksam gemacht ward, den blick senkte, und sie mit ehrfurchtsvoller Scheu, den Kopf tief neigend, begrüsste.
Die Freude ist ein Balsam, der oft schneller und wirksamer heilt, als die erprobteste Arzenei. Adalbert fühlte sich gehoben, frei und stark in der Brust. Sein Blut floss so leicht durch die Adern, sein Herz klopfte so frei und ruhig. Alle gewannen dadurch Mut, auch an sich zu denken. Man freuete sich der endlich errungenen Bequemlichkeit, erfrischte und stärkte sich, und setzte dem Wunsch, sich mitzuteilen, und voneinander zu hören, länger keine ängstigende grenzen. Der Herzog sorgte indess für Adalberts Gesundheit und behagliches Sein, mit einer Zärtlichkeit, welche doppelt rührend war, jemehr sie unwillkührlich aus dem gehaltensten und festesten inneren hervorbrach. Er bestand darauf, dass der Kranke seinen vorigen Platz einnehme, holte selbst Mäntel und Decken herbei, um ihn vor der eindringenden Zugluft zu bewahren, er beugte sich zur Erde nieder, und umlegte und umwand den Sessel damit, ja die früher bezähmte Liebe wusste sich auf keine Weise selbst zu gnügen, und Vater und Sohn schienen in die zarten Verhältnisse zurückgekehrt, wo die unbeholfene Kindheit noch des Väterlichen Beistandes bedarf, und die gegenseitige Beziehung zu einander durch leibliche notwendigkeit fester zusammengezogen erscheint. Auch war Adalbert schmeichelnd und gerührt wie ein Kind. Er liess des Vaters Hand nicht aus der seinen, und richtete alle seine Worte ausschliessend an ihn, als habe er nur ihm von einem ganzen Leben Rechenschaft zu geben.
Die Ereignisse der letzten Tage wurden bald das ausschliessende Gespräch. Adalbert hatte wenig mehr zu sagen, als der Vater bereits wusste. Seit der Einnahme von Lyon und Robespierres Bluterrschaft hatte sich sein Regiment aufgelöst. Er hatte denselben Weg wie sie gemacht, und war wenige Stunden vor ihnen auf der Stelle liegen geblieben, wo sie ihn gefunden, Erschöpfung und Anstrengung hatten seine, bei Lyon empfangene, Wunden aufgerissen, er musste sterben, wenn sie ihn nicht retteten. Marie umarmte bei diesen Worten Antonien, sie schmeichelte der Tante, Giannina nahm den kleinen Alexis auf den Schoos, herzte ihn, und erlaubte ihm willig, mit einem kleinen Riechfläschchen zu spielen, das sie an einer feinen Kette um den Hals trug. Antonie sah sie befremdet an, sie konnte ihre Liebkosungen nicht erwiedern, es ängstete sie selbst das fröhliche Wesen, ihre Brust war durch alles Vorhergehende beklemmt, sie drückte, wie sie es in solchen Augenblicken oft tat, die Hand gegen die Brust, um tief aus dem inneren heraus zu atmen, da durchschauerte sie etwas Unbegreifliches, es zog wie der zitternde Hauch eines warmen Luftstromes durch sie hin, Tränen traten ihr in die Augen, sie küsste die Schwester leise und zärtlich.
Die Nacht foderte indess jeden zu Schlaf und Ruhe auf. Auch gebot der Herzog bald Stille, und da nur das eine Zimmer und weiter keine Lagerstätten vorhanden waren, so mussten sich alle bequemen, in ihren Sesseln beieinander zu übernachten. Für den Kranken ward ausschliessend gesorgt, die andern richteten sich ein, wie es eben ging.
Alle schliefen bald. Nur Antonie fand keine Ruhe; ihr brannte es wie Feuer in den Adern. Sie stand auf, schlich leise im Zimmer auf und ab, und liess ihre Blicke leicht über die Schlafenden hingleiten. So oft sie Adalbert nahe trat, oder ihr Auge fest auf ihn richten wollte, ward dessen Schlaf unruhig, er warf sich hin und her, und sie musste sich abwenden, aus Furcht, ihn zu erwecken. Unwillkührlich sah sie von ihm weg auf Marien hin; und musste sich gestehn, dass sie nie ein zarteres Engelsköpfchen gesehen habe. Höchst unbefangen sass die Kleine, beide hände über der Brust gefaltet, neben der Tante, ihr Kopf war dieser auf die Schultern gesunken, die blonden Löckchen kräuselten sich weich über den Schläfen, ihr Schatten lag fast wie ein Nebelstreifen auf dem klaren, ruhigen Gesicht. Zu ihren Füssen sass Alexis, den kleinen Krauskopf halb in ihrem Schooss verhüllt.
Eilftes Kapitel
Der anbrechende Tag fand Antonien noch ruhelos, am Kamine sitzend, und beschäftiget, die Flamme hell und lebendig darin zu erhalten. Ob sie gleich selbst von ungewohnter Hitze brannte, so konnte sie doch nicht fort von dem beweglichen Elemente, das den dunklen fragen ihrer Seele geheime Antwort zu geben schien. Sie fühlte eine Unendlichkeit in sich, und hatte kein Wort, kein Bild, keinen Gedanken dafür, hier sah sie Unendliches ausser sich, senkte tiefsinnig den blick hinein, und empfand mit geheimer Wollust ihr eigenes