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durch keine genauere Dienstbeschäftigung einengen wollte.

Marie ward dadurch um vieles getrösteter, nur kostete es ihr Mühe, sich von ihren freundlichen Wirtsleuten zu trennen. Sie gewöhnte sich so leicht an Menschen! Der Ton ihrer stimme, ihr Lächeln, ein gutes Wort, herzliches Benehmen' ja die eigene, selbst auf sie nicht Bezug habende, Art und Weise, fesselte sie, und ihr weiches Herzchen brach fast, musste sie solche verlassen, die ihr wohlgewollt, oder sie durch gefälligkeit verpflichtet hatten. Zudem goss das lautlose Gewerbe beider Eheleute, ihre stille, genaue Tätigkeit, das Notwendige ihres Gehens und Kommens, der angenehm belebte und doch so friedfertige gang ihrer Unterhaltung, ein so helles lebendiges Sein, so behagliche Ordnung, durch das kleine Häuschen, dass allen darin wohl war, und Marie oftmals mit innerm Behagen dachte, wie schön es sei, sich als Mittelpunkt einer so geschaffenen kleinen Welt zu finden! Sie beneidete Felicitas darum, wie denn überhaupt der Umgang dieser stets heiteren Frau, die Anlage zu mancher häuslichen Tugend und den alles fördernden und über allem waltenden Ordnungssinn mehr und mehr in ihr heraushob, und ihr vielfache Unterhaltung in der wohleingerichteten Haushaltung gab. Jetzt ward der Faden ihrer kleinen Gedankenspiele plötzlich wieder zerrissen, der einfach ruhige Farbenton ihrer Vorstellungen gemischt, vervielfacht, ihr blick auf Ungekanntes gelenkt, sie konnte sich der inneren Trauer so wenig wie des Gedankens erwehren, dass solch unstätes Leben sie nur verwirre, und ihr Gefühl noch oft zerreissen werde.

Ihre Zärtlichkeit für die; welche sie verlassen sollte, mehrte sich mit jeder Stunde, und bewegte sowohl Felicitas, wie ihren Mann, auf solche Weise, dass Erstere ihr einen feinen Spitzenschleier, Letzterer aber zwei mit einander verbundene Goldringe, mit dem Bedeuten verehrte, solche an ihrem Hochzeitstage von einander zu lösen und die Einigkeit und freudige Lust, die sie hier verbunden, mit dem Geliebten zu teilen; wie Gott ihrer beider hände dann zusammenfügen werde, so werde sich auch das stille Band der Einigkeit verschlingen und Liebe und Treue nur Eine sein.

Marie empfing die Gaben, sowohl durch ihre Bedeutung, als den lustigen Glanz derselben, erfreuet. Sie besah sie wohl tausendmal, und steckte die Ringe unter innerm Erzittern des Herzens an den Finger. Noch oft am Tage zog sie sie ab, und steckte sie wieder an, sie errötete dabei, und versuchte, wie sie sich wohl ablösen würden, ohne dadurch verletzt zu werden. Der Goldarbeiter bemerkte es wohl, und freuete sich ihrer unschuldigen Lust.

Indess war alles zur Reise angefertigt, Felleisen gepackt, Wagen und Führer gemietet, Wege und Stationen berechnet, die Richtung östlich über Aosta, den St. Bernhard und die Walliser Gebirge, nach Tun, Bern und Basel zu genommen; und da sie den näheren Weg über Genf wegen der Kriegsunruhen vermeiden mussten, so sahen alle dem späteren Ruhepunkte mit Verlangen entgegen, und eilten nun insgesammt, aus dem natürlichen Triebe das frühere Ungemach erst hinter sich zu haben, schnell zur Abfahrt.

Auch diesmal verliess sie der Köhler nicht, um so mehr, da er sich dort drüben die gelegenheit ansehen, und erwägen wollte, ob da seines Bleibens sein könnte. Die kränkliche Frau aber liess er unter dem Schutze ihres Bruders zurück, was er wohl tun durfte, da sie als Italienerin nichts von den feindlichen Franzosen zu fürchten hatte. Nur von Alexis wusste er sich auf keine Weise zu trennen, und da der Knabe so leidenschaftlich an Giannina gebannt war, und diese ihre besten Neckereien mit ihm trieb, so fügten sich alle, und das Kind fand sein Plätzchen.

Der Herzog hatte seinen Aerger über das viele Hin und her Reden, die kleinen Berücksichtigungen, das Abschiednehmen und seltsame Erweichen bei der Trennung von einem Ort, den man von Anfang her nur als einen Durchgangspunkt angesehen, ja ihn niemals anders betrachtet wissen wollte. Welche Umstände, sagte er, um von Abend bis Morgen zu leben! wie schwerfällig macht so unzeitiges Erweichen, und wie träge zu jeder tüchtigen Betriebsamkeit! Du könntest, unterbrach ihn die Baronin, eben so gut sagen, welche Umstände überall, zu leben, da jeder des Todes gewiss ist! Ein jeder weiss, dass er hier auf Erden keine bleibende Stätte aufschlägt, und gleichwohl! wer vergässe es nicht gern? wer möchte noch etwas anfassen, erinnerte er sich jeden Augenblick, dass er den Tod in Händen halte? Treibt man im Allgemeinen schon so tolles Narrenspiel, sich selbst zu äffen, sagte der Herzog, so sollte man es doch nicht absichtlich, bis zur Kinderei, vervielfachen. Es geschieht auch im Kleinen wie im Grossen nicht absichtlich, erwiderte jene, es kommt von selbst, man muss die Gegenwart eben so oft von ganzer Seele lieben, wie sie einem in andern Augenblicken von Herzen lästig fällt.

Sie wandte sich bei diesen Worten nicht ohne Unwillen von dem edlen aber schroffen Bruder, und Marien, auf welche dieser Ausfall besonders, ihrer vielen Tränen wegen, gerichtet war, bei der Hand nehmend, stieg sie in den Wagen, und gab so das Zeichen zum Aufbruch.

Es schien aber, als seien alle aus ihrem Gleise gewichen. Die heftigen, über die Lippen hinfliegenden Worte, hatten die Baronin verstimmt, sie fühlte dadurch in ihrem inneren das verhältnis zu dem Bruder für den Augenblick gestört, sie konnte sich niemals einen Unwillen, oder gar eine Heftigkeit, gegen die, welche sie liebte, verzeihen, und wie sichtlich deren Unrecht war,