seltsamen Widerspruch wollte sie so wenig von ihm, als er von ihr lassen, ja sie war in dem Maasse an ihn gebannt, als seine Nähe zerstörend auf sie wirkte. So ward sie immer schwächer, fast verworren in sich selbst, und gab in einer dieser Crisen Euch, meine armen Kinder, das Dasein. Die natur aber ward durch den doppelten Kampf zerrissen, sie starb wenige Stunden darauf.
Die Baronin schwieg sehr bewegt. Antonie sah vor sich hin. Der Tod der Mutter hatte nichts Trübes mehr für sie, im Gegenteil ward ihre Brust von der süssesten Wehmut gehoben. Sie fühlte in allem dem eben Erfahrenen nur die Gewalt tiefer, unergründlicher Liebe. Sie konnten nicht von einander lassen, sagte sie sich leise, so fest kettet die geheimnissvolle Kraft!
Seitdem, unterbrach endlich die Baronin das Schweigen, haben nähere Ereignisse das Auge von dem Unbegreiflichen abgezogen. Mein Kind, fuhr sie fort, ich habe noch immer gefunden, dass wenn die Menschen die natur so recht derb anfassen, und sie nun in ihrer Gewalt zu haben glauben, diese plötzlich ihren Händen entschlüpft, und gross und gelassen ihren gemessenen gang über ihnen hingeht; sie ruft sie an, aber unter ganz anderer Gestalt, und heisst ihnen, sie geschichtlich begleiten, wenn sie im freundlichen Verkehr mit ihr bleiben wollen. Wer dem Moment die Flügel beschneiden und ihn zu etwas machen will, der tut eben gar nichts! Und doch, sagte Antonie, ist das ganze Leben auch nur ein Moment, und was geschieht nicht alles in ihm! Ach die Liebe schafft ja eine ganze Welt hinein!
Grade die Liebe, erwiderte die Baronin, soll viel mehr als den Augenblick wollen. Will sie ihr Reich auf Erden so recht dicht und fest gründen, so bricht es zusammen, und das Herz obenein.
Aber wie bricht es! unterbrach sie Antonie, unter der allerseligsten, wie unter der furchtbarsten Gewalt! Kind, entgegnete die Tante, erinnere Dich, dass jedes Heraustreten aus dem Gleichgewicht der natur Krankheit ist, und dass wir uns vor dieser überall zu hüten haben. Und nun geh', Du kleine Nachtwandlerin, fuhr sie gütig fort, geh, wir kehren sonst auch die Naturordnung um, und das tut niemals gut.
Mir hat es wohl getan, sagte Antonie, indem sie ihre brennende Lippen auf die Hand der Baronin drückte. Diese küsste ihr die Stirn, und sah sie, mit einer Art von wehmütigen Beklemmung, an dem Nachtlicht vorüber durch das Zimmer gehen.
Am folgenden Morgen liess der Herzog keinen aus der Gesellschaft lange ruhen. Er war heftig, ja ungestüm, und konnte es nicht dulden, dass man lange über einen Entschluss sann, oder die Entscheidung gar von sich wegschob. Die Baronin aber trauete sich selbst nicht recht in Dingen, die in einem sächlich oder persönlichen verhältnis zu nahe auf sie zutraten, ihr blick ward alsdann leicht befangen, es ging ihr, wie solchen Augenkranken, die nur in gewisser Entfernung eine helle Unterscheidung und Uebersicht gewinnen. Sie sagte daher dem Herzog: Niemand wird so geblendet, so leicht bestochen, als ich wenn Mehreres zusammentritt; verschone mich also mit jedem, was einer Auswahl unter Vielem ähnlich sieht. Ich bin entweder ganz Gefühl, oder ganz überlegung. Die Letztere allein lässt es zu nichts kommen, das Erstere reisst mich fort. Ist einmal ein Unglück geschehn, so weiss ich mich schnell zu finden, weil ich, zurücksehend, die ursache bald entdecke, soll ich dies aber umgehn, so verwickele ich mich in den Wegen die umherlaufen. Es ist einmal meine Art so. Aendern lässt sich darin nicht viel. Schilt darüber auch weiter nicht, und da Du siehst, dass uns allen ein kräftig-bestimmender Wille Not tut, so bestimme Du für uns.
Nun gut, sagte der Herzog, meine Partie ist bald genommen. Der Marquis schwindelt da noch von Abwehren der Gefahr, geheimen Einflüssen, und Gott weiss was allem, aber das muss er mir nicht sagen, ich weiss auf ein Haar, wie wir stehen, ich bin auch keinesweges auf Gaukeleien der Art gestellt. Das Kurze und das Lange von der Sache ist, dass wir fort müssen, je eher je lieber, auf dem kürzesten Wege dem besten. Daher ist mein Plan, über die Gebirge nach der Schweiz und Deutschland zu gehen. Sind wir gleich bereits weit in der Jahreszeit vorgerückt, und sind Wege und Wetter rauh, so ist das ein freiwilliges Uebel, das wir uns auflegen, und keinesweges mit einem entehrenden tod zu vergleichen, der uns hier unfehlbar bedroht. Ich für mein teil wenigstens gehe, und seid ihr klug, so folgt ihr nach. War es sonst schon immer schwer, dem raschen Andringen seiner Worte zu widerstreben, so liess sich jetzt gegen das Gewichtige derselben nichts einwenden. Es wurden deshalb, trotz der Unbequemlichkeit und dem Störenden einer Winterreise, alle erforderliche Anstalten dazu getroffen. Antonie, welche sich dem Herzog sehr ergeben zeigte, war besonders geschäftig dabei, und übertrug gewissermassen Marien, die ungern den angenehmen, ruhigen Auffentalt verliess, zumal da sie wegen Giannina in Verlegenheit war, und nicht recht wusste, wie sie es einzuleiten habe, dass sie das gute Kind begleiten dürfe. Allein diese hatte in der Baronin eine Beschützerin gefunden, die selbst nicht von der Kleinen lassen konnte. Sie ward daher förmlich in das Gefolge des Marquis eingeschoben, ob man gleich ihr heiter-luftiges Wesen