der heimatliche Boden, welcher sich, wie glückliche Inseln, aus den unruhigen Wellen der Ereignisse heraufhob.
Sie ruhete hier aus, liess die Familie des Marquis ihre eigene sein, sah mancherlei von weitem kommen, bis die Gedanken immer loser, die Bilder immer unkenntlicher, wurden, und sie endlich einschlief.
Sie lag indess noch zwischen Bewusstsein und Traum, im anmutigen Gefühl unwiderstehlicher Hingebung, als ihre Vorhänge leise geöffnet wurden und der warme Hauch flüsternder Lippen ihre Wange berührte.
Die Baronin war von natur schrekhaft, leicht überrascht, und verfiel, durch irgend etwas stark ergriffen, auf das Unwahrscheinlichste. Sie fuhr jetzt schnell in die Höhe, sah indess kaum die Umrisse einer weiblichen Gestalt im Dämmerlicht der Lampe, als sie eben so schnell in ihre Kissen zurückfiel, und kaum hörbar stammelte: mein Heiland! die Marquise! Meine beste Tante, sagte Antoniens stimme, ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber Sie haben in meinem Herzen gelesen. Die Mutter ist es, die mich zu Ihnen führt. Ich habe ihretwegen keine Ruhe. Ich muss es wissen, wie und auf welche Weise sie starb. Sonderbares Kind! sagte die Baronin etwas beschämt, welche Stunde wählst Du auch dazu, Du hast mich ganz verwirrt, ich träumte wohl grade. Verzeihen Sie mir, erwiderte jene, aber ich dachte, wie unzuverlässig es jetzt mit der Zeitbestimmung sei, wir müssen vielleicht schon Morgen von hier fort, was uns zusammenführte, kann uns auch wieder von einander reissen, man wird anjetzt so scheu, und dazu ängstet mich das Dunkel der Vergangenheit mehr als die ungewisse Zukunft, deshalb meine Tante – Nun wohl, unterbrach sie die Baronin, ich will Dir gern die gewünschte Auskunft geben. Sie richtete sich im Bette auf, und Antoniens beide hände fassend, gleich als wolle sie sich versichern, dass sie zu einem lebenden Wesen rede, zog sie diese sanft zu sich nieder. Hast Du, hub sie nach einigem Besinnen an, vielleicht von einer geheimnissvollen Kraft gehört, welche einem Wesen über das Andere eine furchtbare Gewalt einräumt, und die man, mit Recht oder Unrecht, magnetisch zu nennen pflegt? – Magnetisch heisst die Kraft? fiel Antonie schnell ein. Ja, erwiderte die Baronin. Ich zweifele nicht, fuhr sie fort, es gibt so unbegreifliche Einflüsse in der natur, welche der Einzelne freilich nur am Einzelnen entdekken kann. Allein das Menschliche Gemüt ist nicht entaltsam, es kann nichts kommen, nichts aus seiner notwendigkeit ruhig hervorgehn lassen, es muss alles an sich reissen, und wie der Effekt den Sinn trifft, und der Mensch durch irgend ein Vermittelndes dem Herr wird, so freuet er sich schwachherzig der Meisterschaft, und prüft und übt sich an etwas Willkührlichem, das ihm unvermerkt Zweck wird. So ging es sicher mit mancher unerforschten Tätigkeit in der natur, deren wirkung, blendend oder verletzend, als Gaukelspiel verworfen ward, weil sie ausser ihrem Zusammenhang auf Individuelles bezogen, das tote Produkt tief verborgener, ungekannter ursache blieb. Die bereits festgestellte Wissenschaft duldet das nicht, und es konnte nicht fehlen, dass grade dasjenige, was dem Geisterreich so nahe gerückt schien, alle solche zu Feinden hatte, welche nach vorgefundenem Maassstabe prüfen, wie im Gegenteil in denjenigen Anhänger fand, die niemals Zeit behalten zu prüfen. Dein Vater gehörte ganz unbedingt zu den letzteren; und jemehr die kalte Zergliederung und Herabwürdigung Anderer ihn verletzte, je leidenschaftlicher hielt er sich an dem, was er sah, erlebte, durch sich selbst erfuhr. Und wirklich waren die Hervorbringungen des Magnetismus so unleugbar, die Kraft des Willens erschien dabei so über alles herrschend, dass der Marquis den weisern Einwurf, wie den frechen Tadel, auf gleiche Weise verlachte.
Es wäre mir so unbequem, wie Dir unerspriesslich, wollte ich alle die zauberischen Wirkungen des Magnetismus hier aufzeichnen. Eben so wenig kann ich Dir ein genaues Bild der dabei vorwaltenden, mechanischen Behandlung entwerfen. Die grosse Hauptsache war, dass zuerst durch magnetische, mit der flachen oder geschlossenen Hand geführte, Striche, der Behandelte von dem ersten Grad müden Ziehens der Augen, nach und nach in einen Zustand versetzt ward, in welchem die äussern Sinne vollkommen ruhen und die inneren allein agiren. In diesem Zustande hat der magnetisch Schlafende eine vollkommene Kenntniss seiner selbst, sieht in sich, wie in Andere, hinein, denkt, handelt mit Bewusstsein, und redet Dinge, welche er vielleicht wachend nicht zu sagen wüsste.
Es ist unglaublich, welche Sensation diese Entdekkung in Paris machte. Verbindungen wurden geschlossen, Gebäude, Zimmer eingerichtet, Versuche gemacht, an deren Resultate sich die gescheutesten Köpfe vergebens wagten.
Der Marquis hatte indess bei alle dem nur Eines im Sinne. Er beherrschte das Gemüt seiner Frau, und hielt ihr Herz in Händen. Sie war froh, seine leidenschaftliche Zweifel stillen zu können, und öffnete ihm in Stunden der Crisen willig ihr reines Innre. Da sie indess guter Hoffnung und äusserst reizbar war, so kam es dahin, dass ein anhaltender blick des Marquis sie in convulsivische Zuckungen und dann in jenen unnatürlichen Schlaf versetzte, die mir, als ich einst gegenwärtig war, das ängstigende Gefühl gaben, als stehe ich zwischen dem toten Leib und der geschiedenen Seele meiner Schwester.
Vergebens schrie ich dem Marquis ins Gewissen, dass er seine Frau tödte, beschwor ihn, sich von ihr zu entfernen, setzte Freunde, ärzte, Himmel und Erde, in Bewegung, sie vor ihm zu retten, allein durch einen