verfluchte Tat veranlasste, und wollte mir nun den Sohn wenigstens aus dem Höllenpfuhl erretten, der stand vor Lyon, bei der Republikaner Armee. Ich bettle und schleiche mich bis einige Meilen davon; grade da geht der Tross der Königsgesinnten über, Toulon war auch erobert, viehischer jubel schallt durch ganz Frankreich, ich muss mit jubeln oder mein Blut durch Henkers Hand verspritzen lassen; mein Entschluss war gefasst, durch und durch krank, verzehrt von Wut und Schmerz, schicke ich mich an, das Vaterland zu verlassen, bei den Trümmern vom Schloss Clairval stosse ich auf André, Deinen Kammerdiener, er ist jetzt Kärrner und fährt Baumwollen-Waaren aus der Schweitz nach Frankreich, er kannte Deinen Aufentalt. Ich bin nun hier; was weiter aus uns allen wird, ist Gott bekannt, hier können wir nicht bleiben, denn Savoyen wird in Kurzem aufs neue besetzt sein, und ich bin zum tod müde!
Der Marquis, wie immer durch einen starken Anstoss aufgeregt, vom Anblick des ehemaligen Waffenbruders in die alte Zeit versetzt, fühlte seine Kraft im aufflammenden Ehrgefühl wachsen. Ist nichts, gar nichts mehr zu tun, rief er! Soll Frankreich untergehn? Sollen wir Nahmen, Stand, Eigentum, alles hinwerfen, und die hände in den Schoos legen? Regt sichs nun? sagte der Herzog lachend, ja nun ist's zu spät! Ich habe meine Welt kennen gelernt! ich bin es müde, auf Worte zu bauen! In der Vendée da gab es Männer! und in Lyon! Was Menschen tun können, ist dort getan! Ich habe lange unter den Vendéern gestritten. Es ist vorbei! Die Andern haben kein Mark, keinen Willen! Es ist unglaublich, wie sich Menschen über sich selbst täuschen! Auch die Guten! Bei unbezwinglicher Scheu vor dem Streit fühlen sie gleichwohl das Gebot der Ehre und peitschen sich mit Worten das Blut in den Adern hin und her, bis sie schon in Gedanken auf dem Schlachtfelde stehen, da träumen sie Taten und schlagen uns ihr noch zu vergiessendes Blut zu hohen Preisen an! Dabei bleibt es aber! Die abgenutzten Worte Freiheit und Ehre sind wie ein Feuerzeug ohne Stahl, sie geben kein Feuer und kein Mensch wärmt sich an einer Flamme, von der er nur reden hört! Der Marquis schwieg. Alle waren erschüttert, gestört. Antonie stand vor dem Herzog, jedes seiner Worte in sich hineinziehend. Die Baronin fühlte, dass niemand in diesem Augenblick gestellt sei, etwas Zweckmässiges zu wollen, und für die Folge den Andern vorzuschlagen; sie dachte daher an das Nächste, und hiess für jetzt die Andern auseinandergehn, einzig auf die Pflege und Erholung des Herzogs bedacht. Morgen, sagte sie, werden wir uns eher finden, und das Notwendige tun, Heute hat keiner einen gesunden Willen. Es stösst sich alles wie im Fiebertraum aneinander, wir haben so viel in Kurzem erlebt, es kann noch nicht alles Platz in uns finden. Wir müssen es erst auseinanderpacken, und jedes an seine Stelle legen, dann kommt der vernünftige Entschluss von selbst. Gute Nacht also, Ihr Kinder, sagte sie, und winkte Allen, sie zu verlassen.
Der Herzog ging mit dem Marquis, bei welchem er sich einquartirte, die Andern mussten folgen. Antonie allein blieb ganz still auf der Stelle stehen, wo der Herzog gesessen hatte, schien von dem Gebote der Tante auch nichts gehört zu haben, und nur als diese es wiederholte, ging sie schweigend in ihr Zimmer.
Neuntes Kapitel
Die Baronin bedurfte wirklich mehr als je der Ruhe und inneren Sammlung. Das Leben war ihr aufs neue so aufgerüttelt, alles trübe ineinandergewirrt, und grade jetzt, wo die Verhältnisse anfingen, sich zu setzen. Sie wäre so gern an Ort und Stelle geblieben! Das Herumziehn in fremden Ländern, so spät im Jahre hinein, hatte viel Unerfreuliches. Und was war am Ende davon zu erwarten? Sie mochte die Gedanken hinwerfen, wohin sie wollte, sie mochte den Lebensplan so oder so ordnen, es blieb alles unbegründet, alles durch Umstände bedingt, die ich nicht vorher bestimmen liessen. Unter dem Vielen Hin- und Herschieben und Stellen der Lebensverhältnisse ward es ihr indess klar, dass über diese das Leben ganz allein zu bestimmen habe, dass man sie müsse kommen lassen, ohne sie sich selbst zuschneiden zu wollen, und dass der Mensch nichts anders solle und könne, als sich in jeder Lage würdig behaupten.
Am Ende, sagte sie sich, ist daran auch nichts zu meistern! es wächst alles aus tiefem, unbekanntem grund herauf, wir mögen die Richtungen lenken, wie wir wollen, das Leben schlägt immer seinen eigenen Weg ein. Und hier, fuhr sie fort, gibt uns die Menschliche Klugheit auch nicht einmal Augenblickliche Zwecke zu berücksichtigen. Das Notwendige liegt vor uns, wir müssen fort von hier. Wohin wir gehen? kann uns im grund gleich sein. Ein jeder Ort kann der rechte, ein jeder der unrechte sein. Wir haben keine ursache, einen vor dem andern zu wählen. Das Zweifelhafte hierbei muss uns, an uns selbst zweifeln, und höherer Führung vertrauen lehren.
Es ward ihr ganz leicht ums Herz, als sie sich das so anschaulich bestimmt ausgesprochen hatte; um so mehr, da sie nicht anders glauben konnte, als Frankreich werde dennoch das endliche Ziel aller dieser Irrfahrten sein. Und ob sich auch dort ihrer Seele kein vertraut gebliebenes Bild zeigen wollte, so war es doch