beschattet hätte. Doch vor allem auffallend an ihm war die Gewohnheit, sehr laut und überaus schnell und anhaltend vor sich selbst zu reden, so bald er allein war. Die innere notwendigkeit, dieses zu sein, und das Bedürfniss, durch Wort und Geberde aus sich herauszugehn, vielleicht auch andere, nicht gekannte, Ursachen, liessen ihn so ungeteiltes Gespräch oft Stundenlang führen. Seine Leute, anfänglich in dem Glauben, ihm sei etwas zugestossen, dann aber, um ihn aufmerksamer auf sich selbst zu machen, eilten zu ihm in das Zimmer, nach seinen Befehlen fragend? Aber sie mussten jedesmal solchen Vorwitz durch einen fürchterlichen blick büssen, den er aus dem glühendem Augenpaar auf sie niederschoss, indem er mit einer Art zitternden Donner in der stimme rief: was wollt Ihr? Niemand verlangt Euch! Ihr seid Gottlob weit von meinen Gedanken. Auch konnte er solche Störung sobald nicht überwinden, und man sah ihn Tagelang mit innerer Beklemmung kämpfen, die es sogleich nicht wieder zu einem ähnlichen Strom der Rede kommen liess. Er konnte sich niemals von diesem fremdartigen Weesen losmachen, selbst bei unabzuweisenden Besuchen seiner Nachbarn, oder von Geschäftsmännern, ja späterhin, in einem ausgebreiteten geselligen Verkehr, flüsterte er oftmals lange Zeit vor sich hin, und jeder liess ihn gewähren, seine Art schon kennend.
Das erste deutliche Bewusstsein jener obenerwähnten Wiederbelebung gab dem Marquis indess ein Augenblick, der, wie immer im Leben, der Gipfelpunkt vieler andern war, die ihm vorbereitend vorausgingen.
Er fand sich nämlich einst bei hereinbrechender Abenddämmerung in jener Gallerie, wo es ihm bald ausschliessend einheimisch und wohl war. Die Jahreszeit fiel in die Herbst-Aequinoktien. Die natur arbeitete schwer, unter starken, anhaltenden Stürmen. Ungeheure Wolkenmassen rissen sich voneinander und türmten sich wieder zusammen, immer wechselnd und steigend, bis ihre tiefblauen Gipfel sich über das Flussbett neigten und das geängstete wasser unter sich wie mit metallener Geissel peitschten. Dieses aber brauste und zischte und der gährende Brodem kämpfte gegen die heulenden Luftzüge, die immer gewichtiger darüher hinfuhren, die Bäume in ihren Gipfeln fassend, wie ein ungestümer, trotziger Gast an Gemäuer und Fenster mit gewaltigen Stössen anschlagend. Der Marquis geriet gemeinhin durch die gebrochenen Töne, das plötzliche Abprallen, und fernhin rollende Gewimmer des Sturmes, in den quälendsten Zustand. Sein ganzes Wesen schwankte wie auf Windeswogen. Schon als Knabe fand er in solchen Augenblicken keine Ruhe, und auch späterhin hatte er sehr peinliche Kämpfe mit den wechselnden Naturzuständen auszuhalten. Jetzt stand er wie eingewurzelt, und starrte gedankenvoll, doch bewusstlos wie im Traume, in die aufgerührte Elementenwirbel. Plötzlich legte es sich wie ein weisser Schein über dem dunklen Wolkenberge auseinander, kleine Silberflokken kreisten anfangs am Saume umher, bis sie immer dünner und durchsichtiger ineinanderflossen, und das weisse Gewölk endlich wie ein weiter Schleier aufwallete, hinter welchem der Vollmond in seiner ganzen, wunderlichen Herrlichkeit heraufstieg, und gleichsam auf dem schwarzen Trone Platz nahm. Dem Marquis war es, als sähe die strenge Naturgöttin strafend auf ihn nieder. Er schauerte unwillkührlich zusammen, und schloss die geblendeten Augen.
Der gesellige Mensch, voll heim atlicher Bilder des befreundeten Lebens, voll vertraulich gewordenen, aus der aufgedeckten Welt geschöpften Wünschen, weiss kaum, wie die Nacht an die Seele des einsamen, Hoffnungsarmen, rührt, wie er dastehen, auf einen Ton horchen könne, den er vergebens dem reichen Tagesschein abbettelte.
Der Marquis hoffte mit gespannten Sinnen auf irgend eine grosse Offenbarung. Ihm werde, dachte er, jetzt gegeben, was er früher der natur abzutrotzen meinte. Doch leider sollte er nur immer tiefer in die alte Verwirrung hineingeraten!
Das volle Mondenlicht warf einem hellen Kreis in das Zimmer, der Marquis stand in Mitten desselben, fast regungslos, in einem Strudel ungestüm arbeitender Vorstellungen befangen. Zwei Welten schmolzen jetzt in ihm zusammen, äussere Wahrnehmung und inneres Schauen und Fühlen wurden Eins. Der wachsende Sturm riss in seiner Seele, ohne dass er sich bewusst war, ihn zu hören, der herabströmende Regen, ja ein, zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich starkes, Gewitter, rollte nur dumpf an ihm vorüber, doch fühlte er es wie Feuergüsse durch sich hinziehn. Auch vor den geschlossenen Augen sprühete es ihm wie Feuer, und zwar wie lauter brennende Schriftzüge, von denen er gleichwohl nichts lesen konnte. Er sprach in der Zukunft gern und oft von diesem Zustand, der ihm wie ein Traum erinnerlich blieb, und den er, als einen Licht- und Wendepunkt seines Lebens, sehr in Ehren hielt. Plötzlich fiel ein heftiger Donnerschlag, der, mehrere Scheiben zerschlagend, in das Gemach hinein, eine metallene Leiste entlängs, an einem sehr kunstreichen, in die Wand eingelassenen, Uhrwerke herab, in die Erde fuhr. Dies Uhrwerk, von einem deutschen Meister vor mehrerern hundert Jahren verfertigt, liess zu bestimmter Zeit einen Vogel aus goldgeflochtenem Bauer hervorgehen, der, seine Schwingen ausspreitzend, mit gellender Kehle die Stundenzahl angab. Die ganze Sache war seit langer Zeit ins Stocken geraten. Niemand erinnerte sich, das nunmehr ziemlich verachtete Kunststückchen selbst gesehen und gehört zu haben, man erwähnte dessen nur als einer Merkwürdigkeit des Schlosses. Jetzt aber, wie durch einen elektrischen Schlag entzaubert, trat der Vogel hervor, und gleichsam, als wolle er sich für das lange Schweigen schadlos halten, blieb er in einem schnarrenden Geschmetter, bis das rostige Räderwerk, abgelaufen, wieder in seine Fugen zurücksprang, indem noch zuletzt ein Ton nachklang und langsam verhallte. Da nun der Marquis mit