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beruhigt. Die Gefahr trat mit Frankreichs Küsten zurück. Ein fremder Boden sollte ihnen eine neue Welt, neue Verhältnisse, neue Glückseligkeit, zuführen. Die Erinnerung jener verstörenden Schreckbilder ward von den vorüberrauschenden Wellen verdrängt. Wo diese herkamen, war es anders; dahin ging ihr Weg. Zudem boten ihnen Savoyens nahe Ufer Augenblickliche Rettung. Und als der Köhler dem Marquis vorschlug, mit ihm nach Chambery zu gehen, und so lange dort zu bleiben, bis er einen festen Plan für die Zukunft gefasst habe, willigte dieser ein, worauf sie sofort ans Land stiegen, und ihre Wanderung durch das anmutige Tal bis zur Hauptstadt voll belebender Hoffnung fortsetzten.

Als sie dort ankamen, und durch die schmale Gassen, zwischen hohen, schönen Häusern hingingen, ihre Blicke bald hier bald dortin auf den belebten gang ungefährdeten Verkehrs richtend, der lang entbehrten bürgerlichen Sicherheit froh, ward in mehreren Kirchen die Messe eingeläutet. Der Glocken metallene Schwingungen bebten durch die eng aneinander gereiheten Gebäude, und brachen sich, wie Himmelsruf, in den Herzen der glücklich Erretteten. Unwillkührlich lenkten diese ihre Schritte zu den Stufen einer Katedrale, und dort niedersinkend, beteten alle aus tiefstem inneren, ja in beschämender Freude, so vieler Huld gewürdigt zu sein.

Unter der Menge hier aus und ein strömender Menschen, streifte auch eine ärmlich in Trauer gekleidete Frau an ihnen vorbei. Sie blieb einen Augenblick stehen, und sah leutselig froh auf die verschiedenartige Gruppe schöner, bedeutender Köpfe, als sie, plötzlich den Marquis in die Augen fassend, näher hinzu trat; doch eben so plötzlich durch das Gedränge neu Herzukommender fortgerissen, sich in die grosse Masse verlor.

Der Marquis hatte weder sie, noch überall einen der Vorübergehenden bemerkt. Durch das eigene Innere überrascht und bezwungen, hatte er gebetet, und folgte nun fast träumend dem Köhler, der ihn freundlich einlud, bei seinem Schwager einzukehren, welcher Goldarbeiter, wohlhabend und gastlich sei, die ausgewanderten Nachbarn daher gern aufnehmen werde. Die Frau, setzte er hinzu, treibe daneben einen Spitzenhandel, der wie bekannt überall stark in der Stadt getrieben werde, habe deshalb viel Verkehr, selbst im Auslande, bis nördlich über die Berge hin, und, gewandt und freundlich wie sie sei, könne sie ihnen wohl über manches Auskunft geben.

Dem Marquis war das ganz willkommen. Er trug ausser mehrern wichtigen Papieren noch das Schmuckkästchen der Marquise bei sich, und hoffte, mit hülfe des Goldarbeiters, einige Kleinigkeiten desselben vorteilhaft benutzen zu können, indem es ihm wichtig war, die Papiere, alle auf bedeutende Summen ausgestellt, nicht eher umzusetzen, als bis sein äusseres verhältnis sich fest gestaltet habe.

Sie kamen jetzt an ein sauberes Häuschen oberhalb der Leisse gelegen, als der Köhler sagte, nun sind wir an Ort und Stelle! Der Goldarbeiter hatte seine Werkstatt in der Vorhalle aufgeschlagen, und arbeitete dort emsig. Die Tür nach Innen zu war offen. Man sah um einen grünbehangenen Tisch Kinder und Jungfrauen im Vorsale sitzen, alle die schweren Kissen vor sich, und die feinen Knöppel, wie zum Spiel, zwischen den Fingern hin und her werfend. Als der Köhler zuerst mit Frau und Kind herantrat, stand der Mann höflich grüssend von seinem Sitze auf, doch plötzlich ward sein Gesicht hell wie die Freude, und ein Zug weichen Mitleids um den Mund, sagte was in seinem Herzen vorging. Er nahm den Knaben auf den Arm, hertzte und küsste ihn, streichelte der Köhlerin blasse Wange, und eilte, nach einer flüchtigen Unterredung, dem Marquis, voll Bereitwilligkeit, ihn und die Seinen aufzunehmen, entgegen. Es bedurfte wenig Worte, um dass alle befreundet in das Haus traten. Auch Felicitas, die Hausfrau, zeigte sich wohlmeinend; und gewohnt, die geschäftigen hände flink zu rühren, hatte sie alles bald angeordnet, Zimmer geräumt, jeden seinen Platz angewiesen, Erfrischungen herbeigeschafft; und wohl fühlend, dass Ruhe das Notwendigste sei, was die armen Erschöpften bedürften, diese im haus geboten, und sich mit den Ihren zurückgezogen.

Es gab auch wirklich Niemand unter ihnen, welcher den Schlaf nicht gesucht und gefunden hätte. Er legte sich besonders den beiden Schwestern so bleiern auf Auge und Bewusstsein, dass andern Tages beider Erwachen recht beklemmend war. Das ungewohnte Zimmer, das fremde Bett, die eigens dem Bedarf angepassten bürgerlichen Umgebungen, ja ehe sie alles das noch deutlich wahrnehmen konnten, das lose Schwanken des inneren und äussern Blickes, bis er die wirkliche, nun aufgegangene Gegenwart gefasst, alles drückte sie schüchtern in ihre Decken zurück. Was gestern noch wünschenswert erschienen, was der Not des Augenblicks plötzlich abhalf, war heute doch beengend. Wie aus dem Schlaf, so erwachten sie jetzt erst aus der Verwirrung ihrer Sinne. Frankreich, dem schönen vaterland, hatten sie in ängstlicher Eile den rücken gewandt, und sich blindlings fremdem Boden anvertrauet! Anders, sagte Antonie, ist es hier, ganz anders, das ist gewiss! ob besser oder schlechter? wir wissens nicht! Niemand von uns weiss es! Mir fällt, vielleicht zur Unzeit, die geschichte eines Offiziers bei, welcher während eines Krieges in den Transcheen kommandirend, endlich abgelöst, zu seinem Regimente geht, und aller Gefahr entgangen, auf dem Wege dahin vom Gewitter erschlagen wird. Liebe Marie! wer weiss was sich da hinter den blauen Gebirgen für Gewitter gegen uns auftürmen!

Marie sah ängstlich in dem engen Zimmerchen umher, und zu der trüben Schwester hin, deren Worte immer so schwer in ihre