mein Plan nach Deutschland zu flüchten; spätestens Morgen oder Uebermorgen müssen wir die Wanderung antreten. Ich brauche nur soviel Zeit, das Notwendigste einzurichten, dann bin ich bereit. Euch meinen Töchtern wird das Opfer leicht. Eure Welt ist noch überall dieselbe! Mir auch! mir auch! – was ich suche, ist nirgend oder überall!
Sie blieben von da nachdenkend. Die Vorstellung eines fremden Volkes, fremder Sprache, vielleicht auch Sitten, verwickelte ihre Phantasie in unerfreulich unbequemes Denken. Sie fanden keinen Maasstab für das Künftige, und waren nirgend mehr zu haus.
Ziemlich spät langten sie auf dem schloss an. Der Marquis verschloss sich sogleich in seinem Cabinet. Doch Bertrand trug fast die jungen fräulein auf ihre Zimmer, wo das Schönste und Beste für sie bereitet war. Allein sie genossen von allem nur flüchtig, hatten nirgend Ruhe, und baten den Alten, ihnen alle Gemächer zu öffnen, damit sie noch heute alles in Augenschein nähmen. Die Augenblicke sind in dieser Zeit gemessen, sagte Antonie, wir werden die Herrlichkeiten kaum einmal überschauen dürfen.
So durchflogen sie denn Kammern und Säle. Auch zu dem Bildersale kamen sie. Marie hatte sich an Antoniens Arm gehängt. Diese trug die Kerze, welche sie in die Höhe hob, als sie zwischen zwei hervorspringenden Säulen in das Zimmer traten. Die veralteten, durch die Zeit angebräunten, Gesichter der Ritter, Marschälle und Geistlichen, neben den wunderlich aufgeputzten Damen an ihrer Seite, welche alle so grade und starr durcheinander hinsahen, gaben den beiden Mädchen das beklemmende Gefühl zweier Fremdlinge, die in grosse unbekannte Versammlung treten. Schüchtern schlossen sie sich aneinander, sie, die beiden einzigen, lebenden Wesen unter so vielen verehrten toten! Mit unaussprechlichem Entzücken entdeckte Antonie zuerst das Bild ihrer Mutter. Sie war mit aller Pracht höfischer Sitte, sehr reich, etwas steif, aber doch höchst edel, abgebildet. Beiden war, als sähen sie sich selbst, und auch jede die Andere, im Spiegel. Antonie hielt das Licht in grösster Ueberraschung gegen die wunderbar verschmolzenen Züge, beide betrachteten es lange, dann sahen sie einander an, wie sich der blick wohl vom Conterfei vergleichend auf das Original zurück wendet, und in überwältigender Rührung sanken sie sich in die arme, und weinten das erstemal Herz an Herzen. Antonie besonders war ganz Liebe und Milde, sie streichelte Mariens Wangen, und drückte das zarte dankbar an sie angeschmiegte Wesen liebkosend an die Brust. Wie rührst Du mich, da Du weinst, sagte sie, nun siehst Du erst der Mutter ganz ähnlich, die den reizend jungen Leib so vorahndend mit aller Pracht der Welt verziert, als werde sie nun bald vom Schmuck des Lebens scheiden! Das sagt der feuchte blick, der sich recht wie eine Decke über das glühende Herz hinzieht! Denn da glüht es, das fühl' ich, in den lieben bewegten Mienen, in der ernsten, strengen Haltung, die verbirgt, was die Welt nicht sehen soll. Die Haltung, sagte Marie, ist die Deine, darin eben, liebe Antonie, und in den hohen Brauen und den etwas gehobenen Schwanenhals bist Du ihr so sprechend ähnlich, mir hat sie wohl nur das blonde Haar gelassen, und die armen Augen, die so leicht über Geringes weinen müssen! Sei nicht böse darüber, unterbrach sie Antonie, es liegt ein ganzer Himmel in diesen Augen! Und, die Schwester wieder an sich ziehend, gingen beide in ungewohnter Vertraulichkeit den Saal auf und nieder. Während dem öffneten sie eine Glastüre, welche nach dem Balkon hinausführte, sie traten in dieselbe, den blick an der nächtigen Stille der Landschaft zu stärken. Das Gebäude selbst verbarg ihnen zwar den Mond, allein dessen lichter, schneeiger Glanz spielte dennoch um Büsche und Wiesen, und leuchtete zurück aus dem versilberten Flussbett. Unaussprechlich gewaltig, und doch mild wie die gehaltene Kraft, rauschte der Strom in gleichmässigem Wellenschlag durch die tiefe Ruhe der natur. Riesenhaft, in grossen massen, traten die Gegenstände hervor, undeutlich in ihren Umrissen und doch so ahndungsreich! die Schwestern blieben lange Zeit stumm, sie fürchteten, den leisen Schlaf des rasch bewegten Lebens zu unterbrechen. Ganz still setzten sie sich auf die schmale Steinbank, welche dem Eisengitter des Balkon entlängs lief, und flüsterten kaum hörbare Worte.
Antoniens Herz war wunderbar erweicht. Offen liess sie sich über manches aus, was in ihr vorging. Es ist traurig, sagte sie, dass oft etwas Unwillkührliches mein ganzes Wesen zusammenzieht, und Schrecken ungekannter Art mein Blut versteinen. So, ich darf es Dir wohl sagen, überlief's mich todeskalt, als die äbtissin scheidend ihren Arm um meinen Nacken legte; ein leiblich Weh stiess einen Schrei aus meiner Brust. Ihr Gesicht schien mir verzerrt, und ekler Leichenduft umgab sie. Mein Herz war mir zum Zerspringen voll, ich hätte sie um alles in die arme schliessen mögen, und doch vermocht ich's nichts. So geht mir es oft mit dem was ich liebe, es flösst mir plötzlich Schauder und Entsetzen ein, so ging mir es ganz frühe mit jener schönen Nonne, und fast muss ich glauben, die natur habe ein unglücklich weissagend Gefühl in meine Brust gelegt, und diese solle sich strenge dem verschliessen, was die Welt schön und freundlich nennt. Denn wie leicht, dass ich nur zerstörend lieben könnte! Ich spüre so etwas in mir! Drum liebes Kind bewach' ich mich, und zügele stets den Drang nach