, welche das bleiche Gesichtchen ganz erschöpft an der Schwester Schulter lehnte, und nur bat: man möge weiter fahren, da sich ihr unter dem Anhalten alles schwindelnd drehe und sie es kaum noch ertragen könne. Dem Marquis kochte schon längst das Blut: gewohnt, sich durch eine lange Reihe von Jahren gehorcht zu sehen, ohne seinen Willen irgend einer obern Gewalt zu unterwerfen, befahl er, man solle die Tür einschlagen, wenn die Hunde keine Vernunft annehmen wollten! Er machte dabei Miene, aus dem Wagen zu springen und selbst Hand an das Werk zu legen, als der Köhler seine stimme noch einmal erhob, und dringend und mit mehr Höflichkeit bat, einer jungen, kranken Dame nur einen Augenblick Ruhe und etwas Brod und Wein zu gestatten. Drauf fielen drinnen einige Worte, und ob gleich der Köhler diese nicht verstand, so hörte er doch Schritte auf sich zukommen und sah endlich die Tür aufgehn.
Es war indess ziemlich hell geworden, man konnte die Gegenstände umher genau ins Auge fassen. Der Anblick des Mannes, der jetzt aus dem haus, und auf den Wagen zutrat, benahm den Frauen daher fast den Mut, auszusteigen und seinem Anerbieten zu folgen. Er war wilden, Soldatischen Ansehns, von roher Gesichtsbildung und plumper Galanterie. Sehr ungeschickt entschuldigte er seine frühere Grobheit, und setzte lachend hinzu: dass wenn er gewusst, welche Schönheiten zu ihm hineingewollt, er ihnen wahrhaftig die Tür nicht würde verschlossen haben. Marie und Antonie wandten sich betroffdn ab. Der Marquis aber, immer noch ungeduldig, seinen Vorsatz durchgesetzt zu sehen, riss den Schlag auf, und trat mit seinen Töchtern unter die offene Tür. Der fremde Mann sagte ihnen, indem sie sich auf dem Hausflur befanden, dies Gebäude gehöre zwar nicht ihm, es sei auch überall keine eigentliche Wirtschaft und kein fortgesetzter Verkehr darin, allein für etwas Glühwein und geröstetes Brod wolle er dennoch sorgen, die zarten Püppchen möchten indess nur ihre Bequemlichkeit brauchen, und somit öffnete er ihnen eine lange, dunkle stube, deren räucherige, angeschmutzte Wände auf den ersten blick widrig in die Sinne fielen. Doch wie mit Eiseshand zog es den Eintretenden das Herz zusammen, als sie auf dem Boden umher wohl an zwanzig schlafende Männer auf Strohlagern hingestreckt sahen. Ihre Reisebündel, Gewehre und Mützen, lagen zerstreut, zwischen Gläsern, leeren und halbangefüllten Flaschen, auf einem langen Tische; ekelhafte Spuren verschütteten Getränks nässten noch den schmalen gang zwischen den Lagerstätten der Schlafenden, so dass man nicht wohl trockenen Fusses einen Schritt gehen konnte. Der Köhler zupfte den Marquis leise beim Ermel, dieser machte eine unschlüssige Bewegung, ungewiss, ob er vor, oder zurückgehn solle? Doch als einige der Kerle sich regten, und halb aufgerichtet mit blinzelnden, kaum geöffneten, Augen schlaftrunken auf ihn hinsahen, stand er fest, jeden Gedanken an Entfernen jetzt für feig und niederträchtig verwerfend. Er hiess seinen Kindern, sich neben ihn auf eine an der Wand fortlaufende Bank niederzusetzen, und erwartete sehr gespannt, was ihm der nächste Augenblick bringen werde.
Auch blieben sie nicht lange unangefochten. Es wälzte sich auf dem knisternden Stroh bald eine bekannte Gestalt aus dem Winkel hervor! aufgerichtet, das breite Gesicht zwischen beiden Händen aufwärtsgeschoben, starrte der Essenkehrer dem Marquis in die Augen. Bist Du es, rief er lachend, oder bist Du es nicht? denn Dich Teufelskerl kennt nur der Teufel! Hat Dich der endlich einmal losgelassen? Aber eine verflucht feine Nase hast Du doch, unser Fuchsloch gleich auszuwittern! Sieh! nun bist Du mitten unter uns! Hier ist unser Feldlager, unser Proviant- und Rataus, unser krieges- und Bluttribunal, von hier geht es nach allen Richtungen, wo es was zu tun gibt! Sag' hast Du das ausgespürt? Nein, entgegnete der Marquis. Nein, wiederholte jener; wie hast Du uns denn aufgefunden? Ich weiss nicht, war die Antwort. über Deine dummen Rätsel? rief der Essenlehrer aufgebracht? Sag' wie kommst Du hieher? Durch Nacht und Dunkel und die Gewalt der Sterne, sagte der Marquis mehr vor sich hin, als in Antwort jener Frage. Hast Du uns die da mitgebracht, rief ein junger Bursche, dicht vor Antonien hintretend, so komm' meinetalben aus der Hölle! Ihr sprecht das Wort so leicht aus, sagte diese, wisst Ihr denn, ob Ihr nicht da hinab müsst? Sieh mal! die Hexe! schrieen lachend mehrere Stimmen! hast Du auch Teufeleien im Kopf? Antonie sah mit ihren brennend durchbohrenden Blikken starr auf sie hin, anfangs lachten sie, dann aber drückten sie die Augen zu, und wandten sich, über das vermaledeiete Hexenvolk etwas in den Bart murmelnd, von ihr ab! Lasst nur, rief der Essenkehrer, wir werden sie schon zahm machen, los kommt sie einmal nicht, sie mag ihre Künste an uns probiren. Dem Köhler schwoll das Herz, er sah hier mehr als ein Unglück auf sie zukommen, und wusste keinen Ausweg zu finden, da das früher benutzte, halb wahre Mährchen vom Wahnsinn des Marquis, nichts fruchten, ja diesen aufs Aeusserste treibend, alles zum Ausbruch bringen konnte, was vielleicht noch zu umgehen war.
Volk ist Volk, dachte dagegen der Marquis, ob frei, ob in Banden, wer es versteht, beherrscht es. Er maass das Häuflein mit schnellem blick. Dummer Trotz und feige Schwelgerei lagen lang und breit auf den nüchternen Gesichtern ausgespannt. Die possenhafte Tapferkeit