Niemand erfahren, und ich solle nur zu ihm kommen, er wolle selbst mit mir darüber sprechen. Das tue ich aber gewiss nicht, herzliebste Mutter! ehe sie nicht die Sache mit dem Herrn Pfarrer überlegt und er die Sprüche gewählt hat. Eile sie, herzliebste Mutter! denn der Herr Vetter sagt: solche Leute seien nicht an das Warten gewöhnt.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Ich bin recht inniglich betrübt, wegen Alles dessen, was ich ihr geschrieben habe, und in grosser Angst, der Herr Pfarrer möge sagen, ich solle die Sprüche für den Fürsten nähen. O hätt' ich mich doch nur keinem Menschen vertraut!
Nun soll ich doch nicht auf ihre Antwort warten, schon morgen zu dem Fürsten gehen, und ihm selbst sagen, was ich geschrieben habe. Die Frau Präsidentin will mich begleiten. Ich glaube aber gewiss, dass ich krank werde.
Doch ich will auf Gott vertrauen. Vielleicht kommt morgen der Brief von dem Herrn Pfarrer. Da weiss ich ja gleich, was ich tun soll, und brauche nicht zu sagen, was ich geschrieben habe.
Herzliebste Mutter!
Ich bin nicht krank geworden und wirklich bei dem Fürsten gewesen. Die Frau Präsidentin sagte, ich solle nur mein weisses Kleid anziehen, und meine Haare hübsch flechten, so wäre es recht gut. Die Frau Base wollte mir aber noch ihren Brautschmuck angeben, und mir den einen Ohrring über der Stirn auf einem Bande fest machen. Das kam mir aber gar zu hässlich vor, und ich bat sie mit Tränen, sie möge es doch nicht von mir verlangen, ich wolle ja lieber den ganzen Schmuck in einem Schächtelchen mitnehmen und ihn der Frau Präsidentin zeigen; die werde gewiss meiner Meinung sein. Sie war es auch und sagte, ich habe ganz Recht gehabt.
So gingen wir dann zum Fürsten. Er war sehr freundlich und sah mich eine Weile an, ohne was zu sagen. Endlich fragt' er mich, warum ich so betrübt wäre. Ich erschrack anfangs, denn ich wusste nicht, ob ich die Wahrheit sagen dürfe. Aber der liebe Gott gab es mir plötzlich in's Herz, dass ich sie doch nur sagen, und mich nicht fürchten solle.
Gnädigster Herr! – fing ich darauf an und sah ihm auch recht gerade ins Gesicht – ich bitte Sie, dass Sie nicht unwillig auf mich werden! aber ich muss es nur rein heraus sagen, dass ich über die Hemden so betrübt bin, und besonders darüber, dass sie wissen wollen, was ich geschrieben habe. Ich kann Sie versichern, dass ich so etwas, wenn ich ein Fürst wäre, niemals von den Leuten verlangen würde. Bedenken Sie auch selbst, wie würde Ihnen sein, wenn Sie das, was Sie einem Freunde schrieben, Andern vertrauen sollten?
Gutes Kind! – antwortete er – wir haben eigentlich keinen Freund. Wir gehören dem Ganzen, sollen und dürfen keinem Einzelnen gehören, dafür gehört aber auch uns kein Einziger.
Das jammerte mich nun unbeschreiblich, das Weinen war mir nahe, und es gereuete mich recht schmerzlich, was ich wegen der Hemden gesagt hatte.
Ach gnädigster Herr! – fing ich endlich wieder an – Gott ist mein Zeuge, dass ich Ihnen gern die Hemden nähen wollte, wenn ich nur Sprüche wüsste, die sich für Fürsten schicken, und ich will es Ihnen auch gestehen, dass ich meine Mutter gebeten habe, mit dem Herrn Pfarrer deswegen zu sprechen. Weiss der nun Sprüche, die sich für Fürsten schicken, so will ich sie Ihnen ja herzlich gerne nähen.
Du hast nicht wohl getan! – sagte er verdrüsslich – Es war mir nicht um die Sprüche eines Pfarrers zu tun.
Das verdross mich nun aber auch; denn ich kann es nicht leiden, wenn man etwas über den Herrn Pfarrer sagt, und antwortete darum ganz hastig: Ja gnädiger Herr! Sie haben aber auch nicht wohl getan, so etwas von einem armen, einfältigen Mädchen zu verlangen, und so kommt immer Eins aus dem Andern.
Die Frau Präsidentin sah mich erschrocken an, ich erschrack nun auch, und wusste nicht mehr, was ich anfangen sollte. Aber der Fürst fasste mich sehr gütig bei der Hand und sagte: Du hast Recht, und es soll nicht wieder geschehen. Eins musst du mir aber doch versprechen: sieh ich habe viel Arbeit und sorge, und erblicke selten was Erfreuliches. Am wenigsten gefallen mir die Menschen, von denen ich umgeben bin; aber ein solches Gesicht, wie das deinige, kann mir den ganzen Tag erheitern. Wenn du nun des Morgens auf einige Augenblicke zu mir kämest und brächtest mir etwas – du magst es mir schenken – Blumen, ein Paar Früchte, oder was du sonst willst; so wär' ich auf den ganzen Tag gestärkt, und hätten viel tausend Menschen gut davon. Sei nicht bange und sieh mich nur an, ich bin kein böser Mensch, und ist mir unmöglich, dich zu beleidigen. Nein, ich will väterlich für dich sorgen, und wenn du dieses oder jenes lernen willst, so vertrau' es mir nur; aber es muss Alles dein freier Wille sein.
Das ist schön! gnädigster Herr – antwortete ich – denn sonst wäre ich gewiss wieder sehr betrübt gewesen, und mein Kommen hätte Ihnen nichts geholfen. Nun will ich aber meiner Mutter schreiben, und wenn die nichts dawider hat, so komme ich gewiss. Er