entfliehen, unaussprechlich elend die schreckliche Leere seines Herzens mit irgend etwas, sollte es auch mit dem Hasse sein, auszufüllen gezwungen ist. Der kann es und wird es.
Nimmermehr! Er wird Mitleiden haben mit ihrem Schicksale und mit dem seinigen, er wird sie jetzt grossmütig lieben, so wie er sie vormals geniessend und vielleicht eigensüchtig geliebt hat.
Kann sein! – fiel sie schnell ein – ich aber denke niemals von Allmosen zu leben.
Schweigend sah er sie eine Weile an: Bewundern kann ich sie – sagte er dann – aber vor der Liebe haben Sie mich geschützt. Bleibst du? – fuhr er dann sich zu mir wendend fort – ich gehe. Du bleibst? – sagte sie, als er uns verlassen hatte – Das ist nach solcher Aufforderung sehr grossmütig. Rosamunde! – antwortete ich – vermeide solche Worte! Sie klingen wie Spott und über wen möchtest du hier spotten? Ich meinte im vollen Ernste, was ich jetzt sagte, und war von Spott sehr weit entfernt. Es ist in der Tat sehr grossmütig, dass du, nachdem ich mich gegen alle deine Wünsche erklärte, hier bleibst. Es ist liebevoll, und so würdest du es nennen, wenn du die Liebe kenntest. Ich kenne sie, und werde dich davon überzeugen, wenn du Geduld hast, die geschichte meines Lebens zu hören. Nur erwarte das Ende des Karnevals, dann habe ich mehr Ruhe. Sie entfernte sich schnell, und ihre Augen waren voll Tränen.
Gretchen an ihre Mutter.
Wie geht es ihr, herzliebste Mutter? und was denkt sie wohl, dass ich so lange nicht geschrieben? Es gibt gar zu viel zu tun, und in des Herrn Präsidenten haus ist auch viel Leiden gewesen. Der junge Herr kam zu einer ganz ungewöhnlichen Zeit zu haus, und wurde von Stunde an so krank, dass er uns Alle in grossen Schrecken versetzte.
Wir durften ihn gar nicht allein lassen, und wenn
die Frau Präsidentin nicht konnte, musste ich bei ihm bleiben. Der Herr Vetter hatte zwar ausdrücklich verlangt, er solle nicht wissen, dass ich im haus sei: aber im ersten Schrecken dachte Niemand daran, und nachher sahen wir wohl, dass er keinen von uns kannte.
Wie mir aber war, herzliebste Mutter! wenn ich so
an seinem Bette stand, kann ich ihr gar nicht sagen. Ich glaube gewiss, dass er mit uns verwandt ist, nur dass wir es noch nicht wissen. Doch hat er etwas ganz Wunderbares an sich, was wir nicht haben. Alles, was er anrührt, kommt mir vor, als hätte es einmal auf dem Altare gelegen, das Glas, aus welchem er trinkt, kommt mir wie ein Kelch, und das Zimmer, was er bewohnt, wie eine Kirche vor.
Und so ist es auch mit seinen Bildern. Sie stellen
wohl ordentliche Menschen vor, ja, so natürlich und traulich, dass einem ist, als hätte man sie lange gekannt und geliebt; aber dann doch wieder so hoch und wunderbar, dass einem wird, wie zu Weihnacht oder Ostern, wenn alle Glocken unter Kanonendonner läuten und alle Menschen festlich gekleidet in stillen Schaaren zur Kirche ziehen.
Ich habe schon oft gedacht, herzliebste Mutter! und hoffe doch, ich werde mich nicht damit versündigen, dass in Herrn Stephani ein ganz eigentlich göttlicher Geist wohnen müsse. Er soll zwar eine Gemütskrankheit haben, und das ist freilich bei einem göttlichen geist nicht möglich; man sagt aber auch, dass die person, welche er liebt, seiner nicht würdig, und er eben deswegen so betrübt sei. Das ist ja aber dann eine wahrhaft göttliche Betrübniss. Weinte nicht unser Heiland über Jerusalem, und war das eine Gemütskrankheit? Herzliebste Mutter! mir ist etwas sehr Sonderbares begegnet. Als Herr Stephani krank war, trat plötzlich ein sehr schöner Mann herein, gegen den der Herr Präsident und die Frau Präsidentin und der Herr Doctor sehr ehrerbietig waren. Das bemerkte ich wohl, gab aber, vor Angst und Schrecken, nicht weiter Acht auf ihn. Dieser Mann war aber der Fürst, was ich freilich nach seinem dunkeln, ganz einfachen Kleide nicht glaubte.
Er hatte nachher gefragt: wer ich wäre; und die Frau Präsidentin hatte ihm allerhand von mir erzählen müssen. Auch von den Hemden hatte sie ihm gesagt, und dass ich wegen der Sprüche, die darauf genäht wären, so bange vor der Frau Base gewesen. Er hatte hierauf gesagt, er möge auch wohl solche Hemden haben, aber, da er nicht krank am Gemüte sei, mit Sprüchen, die sich für Fürsten schicken.
Das hat mich sehr erschreckt, herzliebste Mutter! denn ich weiss keine Sprüche, die sich für Fürsten schicken, und wenn ich mir auch einbildete, ich wüsste welche, könnte ich mir doch kein Herz fassen, sie hinein zu nähen. Was helfen auch Sprüche, die man sich bestellt und bezahlt?
Ach alle meine heimliche Freude an den Hemden ist dahin, und wenn ich über die Strasse gehe, denke' ich immer, die Leute werden sagen: da geht das Mädchen, das den Leuten Sprüche in die Hemden näht! und ich habe es doch nur ein einzigesmal getan, und ist mir gar nicht eingefallen, es mehreren Leuten zu tun.
Ich sagte das auch der Frau Präsidentin, und bat sie, es dem Fürsten vorzustellen. Er hat aber geantwortet: ich soll nicht bange sein, es werde es